02.09.2017

DissidentenGören, Trottel, Panscher

Liao Yiwu, der Schriftsteller, und Ai Weiwei, der Künstler, sind die berühmtesten Exilanten im Land, nun bekriegen sie sich. Es geht um den toten Nobelpreisträger Liu Xiaobo und ihre Heimat China.
Ein warmer Abend in Berlin, eine Terrasse. Liao Yiwu stellt eine Schale mit Trauben auf den Tisch, schenkt Tee ein und erzählt von seiner ungeheuren Wut. Sie hat zu tun mit Ai Weiwei, dem anderen großen Exilchinesen in Deutschland.
Liao, 59, ist ein bewunderter, mit wichtigen Preisen ausgezeichneter Schriftsteller. Ai, 60, ist ein Weltstar unter den Künstlern, ein Liebling auch des großen Publikums. Ihr Ansehen, ihre Vergangenheit könnte sie verbinden, doch das Gegenteil ist der Fall. Ihr Verhältnis wird nicht mehr zu retten sein, und niemand kann wissen, welche Folgen diese Spannungen noch haben.
Der Anlass ist heikel, vor allem aber tragisch und nicht verwunden. Vor wenigen Wochen starb ihr gemeinsamer Freund Liu Xiaobo, Schriftsteller, Menschenrechtler – und jener Träger des Friedensnobelpreises, der diese Auszeichnung 2010 nicht entgegennehmen durfte, weil er in seiner Heimat eingesperrt war. In Oslo stellte man damals die Urkunde auf den für ihn reservierten, leer gebliebenen Stuhl. Am 13. Juli 2017 erlag er, 61 Jahre alt und noch immer ein Gefangener, einer Krebserkrankung. Er starb in einem hermetisch abgeriegelten Krankenhaus in Nordostchina. Liao Yiwu sagt, man müsse diesen Tod eine Ermordung nennen.
Erst im Juni war bekannt geworden, dass Liu an Leberkrebs litt. Die Anteilnahme im Ausland war groß, alle diplomatischen Versuche, ihm und seiner Frau, der Dichterin und Künstlerin Liu Xia, eine Ausreise zu ermöglichen, scheiterten allerdings.
Ai dagegen habe auf die Nachricht von der Erkrankung mit geschmacklosen Twitterbotschaften reagiert, habe sich in schlimmster Gossensprache ausgelassen, sagt Liao Yiwu. Der Westen habe das nicht wahrgenommen, denn wenn Ai mit europäischen Medien gesprochen habe, habe er mitfühlender, angemessener geklungen.
Auf seinem chinesischen Twitteraccount scheint Ai tatsächlich eine andere Tonart anzuschlagen, er greift zwar nicht Liu Xiaobo an, zieht aber über jene Landsleute her, die im Internet die Freilassung des Todkranken forderten und westliche Regierungen um Hilfe baten. Ai stellte diese Anhänger als Naivlinge, als Idioten hin, die sich mit ihren Aufrufen wichtigmachen wollten. Auch der ordinäre Begriff "Angeber-Fotzen" kursiert.
Angesichts der Tragödie, dass Liu nach neun Jahren Haft nicht die Freiheit, sondern der Tod erwartete, ist der Duktus der Botschaften auch sonst befremdlich. Mal wirkt er belehrend, mal sarkastisch bis zynisch.
Immer wieder polemisiert Ai gegen eine vermeintliche Verherrlichung Liu Xiaobos durch dessen Anhänger, spottet über dessen "Apotheose" – ausgerechnet er, den seine eigenen Fans auf Twitter als "Ai Shen", als "Gott Ai" verehren.
Follower, die ihm nun aber kritisch antworten oder sich einfach über seine Ausfälle wundern, nennt Ai "Lügner", "Schildkröten" oder, wie den Exilschriftsteller Yu Jie, einen "Trottel, der gepanschten Alkohol verkauft".
Inzwischen fordern sogar Leute, die Ai vor Jahren nach dessen eigener Verhaftung wegen eines angeblichen Steuervergehens unterstützt hatten, ihr damals gespendetes Geld zurück. Seine Reputation sei "abgewirtschaftet", schreibt einer, ein anderer sagt, Ai sei "es nicht wert", dass man ihn unterstützt und deshalb sogar Verhöre bei der Polizei erduldet habe.
Kann das alles ein großes Missverständnis sein? Ai ist ein Idol, gilt als moralische Instanz, als einer, der sich, jahrelang und quasi allein, gegen die Staatsmacht in China aufzulehnen schien.
Wie so oft ist Ai Weiwei in diesen Tagen auf Reisen, auf dem Filmfest in Venedig stellte er seine erste große Arbeit als Kinoregisseur vor, hier war er ein Star unter vielen. George Clooney, Matt Damon, Ai Weiwei. Scheinwerfer, rote Teppiche, riesige Journalistentrosse. Ai gehört auch zu dieser Liga. Auf dem Festival präsentiert er eine aufwendige Dokumentation über Flüchtlinge. Sie sind sein großes Thema geworden, seit er China 2015 verlassen hat. Die dortige politische Situation kommt als Motiv nur noch selten vor (was ihm manche Dissidenten auch übel nehmen).
Ai nimmt sich die Zeit und ruft beim SPIEGEL an, um auf die Vorwürfe zu reagieren. Es sei lächerlich zu sagen, er habe schlecht über Liu Xiaobo gesprochen, Liu sei ein alter Freund gewesen, ein Bruder. Liu hätte nicht verurteilt werden dürfen.
Er verteidigt aber den Tweet, in dem er schrieb, dass Liu im Krankenhaus bis zuletzt in guter Stimmung zu sein schien und seine Frau, die bei ihm sein durfte, ebenso. Ai erwähnt auch Lius Haftbedingungen, die offenbar besser waren als die für andere. Natürlich sei das eine List der Regierung gewesen, denn es sollte bemerkt werden, dass er gut behandelt werde. Er denke aber, sagt Ai, Liu habe diese Privilegien teilweise für sich akzeptiert.
Liao Yiwu dagegen spricht von einem Märtyrertod.
Vielleicht will Ai wirklich nur klarmachen, dass Liu Xiaobo, um den sich viele Menschen weltweit bemühten, deshalb eine Ausnahme war. Seine Meinung ist diese: Wenn man Rechte für politische Gefangene einfordere, sollte man das grundsätzlicher tun und nicht nur sagen, lasst ihn frei wegen seiner Krankheit oder weil er Nobelpreisträger ist.
Auch auf Liao Yiwu kommt er zu sprechen, und er stellt die Qualität der Freundschaft mit dem weggesperrten Liu infrage, Ai betont an dieser Stelle, Liu sei smart gewesen.
Ihn selbst habe Liao im Internet mehrmals regelrecht attackiert.
Tatsächlich beleidigte Liao Yiwu Ai und dessen verstorbenen Vater gleich mit, obwohl der zu den Opfern der Kulturrevolution zählte, in die Verbannung geschickt und misshandelt worden war. "Du berechnender Feigling", schrieb Liao Yiwu in einem offenen Brief an Ai, "du Sohn von Mao Zedongs Poetensklaven Ai Qing, du Kulturschwindler, du Parteigöre, du Kaiser ohne Kleider, du Brut einer kapitalistischen Diktatur. Mein Freund Liu Xiaobo steht am Abgrund des Todes. Hast du denn überhaupt keinen Anstand?"
Er sei, sagt Liao Yiwu, sehr aufgewühlt gewesen.
Das alles ist auf jeden Fall mehr als ein kurioser, auch verwirrender Show-Streit zwischen zwei selbstbewussten Exilanten, die im sicheren Ausland ihre Meinungsfreiheit auskosten. Es ist, als würde sich ein Vorhang lüften, und das, was man dahinter entdeckt, hängt vor allem mit China und mit dortigen Deutungs- und Rangkämpfen zusammen. Solche Äußerungen haben ja außerdem eine echte Wirkung auf die Regimegegner dort: Jede Polemik verstärkt das Gefühl der Uneinigkeit, nährt die Unsicherheit.
Der in Peking lebende Dissident Hu Jia sagt, man könne davon ausgehen, dass sich die Partei zurücklehne und dieses Schauspiel genieße. Ihm aber sei es peinlich, dabei zusehen zu müssen.
Beide, Liao und Ai, haben viel erlebt in ihrer Heimat, viele ihrer Werke handeln von einer Gesellschaft, in der der Einzelne nicht viel gilt, der Staat alles. Im Exil sind sie offenbar zu Überindividuen geworden.
Ai hat sich aber auch zu einer Art Überkünstler entwickelt. Dabei hat seine einzigartige Karriere auf internationaler Ebene erst vor zehn Jahren begonnen, der damalige Documenta-Leiter Roger Buergel lud ihn 2007 nach Kassel ein. Es war ein sensationeller Durchbruch. Nun beriet Buergel Ai auch bei dessen Flüchtlingsfilm, er sagt, der Künstler werde durch die Heimatlosigkeit dieser vielen Menschen an sein eigenes Kindheitstrauma erinnert. An das Aufwachsen in der Verbannung, an das Gefühl, ein Ausgestoßener zu sein.
Buergel sagt aber ebenso, der heutige Ai sei ein Zerrissener, er wolle vieles hinter sich lassen, er wolle nicht als weiterer Dissidentenmythos dienen. Gleichzeitig mische er sich über Twitter fast "Trumpmäßig" in das ein, was diskutiert werde, und dann komme durchaus auch Unsinn heraus. Es sei wichtig, dem Künstler das vorzuhalten, er jedenfalls sei jemand, der durchaus mit ihm streite.
Und nun?
Lenken die im Westen produzierten Nebengeräusche nicht auch von den wichtigsten Fragen ab? Doch die Exilanten sprechen es jeweils selbst an – dass da noch viele in den Gefängnissen sind, dass dort "unvorstellbare" Bedingungen herrschten. Das wird immer seltener erwähnt, je reicher und einflussreicher China wird.
Aber welche Diskussion ist die angemessenere: die allumfassende über das System und die Zustände – oder die über einzelne Opfer?
Freunde und Menschenrechtler hoffen darauf, dass Liu Xiaobos Witwe eine neue Freiheit erleben darf. Die Künstlerin Liu Xia hat sich nie auch nur einer einzigen Straftat schuldig gemacht, sie steht seit Jahren unter Hausarrest und lebte seit der letzten Festnahme ihres Mannes selbst wie eine Gefangene.
An diesem Tag, einige Stunden vor diesem Treffen auf der Terrasse, hat Liao Yiwu sie endlich nach langer Zeit am Telefon erreicht. Sie hat die Momente geschildert, in denen ihr Mann starb.
Liu Xiaobo habe ihr gesagt, er sei damit einverstanden, wenn nun die Beatmungsmaschinen abgestellt würden, er gehe jetzt, aber er wünsche sich, dass sie China verlasse. "Du musst gehen", habe er gesagt.
Liao Yiwu wischt sich Tränen aus den Augen, als er diese Sätze wiedergibt. Aber es ist ihm wichtig, davon zu erzählen, denn Liu Xia wolle, so sagt er, dass alle den letzten Wunsch ihres Mannes kennen.
Ai hat womöglich eine eigene Meinung dazu. Und er hat Twitter.
Von Ulrike Knöfel und Bernhard Zand

DER SPIEGEL 36/2017
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