02.09.2017

FilmkritikTotale Transparenz

In der Verfilmung von Dave Eggers' Bestseller „The Circle“ spielt Tom Hanks den Guru einer schönen neuen Welt.
Menschen sind fehlbare Wesen. Sie lügen und betrügen, sie stehlen und morden. Und solange niemand davon erfährt, haben sie ganz gute Chancen, ungestraft davonzukommen. Doch wie würden sie sich verhalten, wenn es in ihrer Welt keinen toten Winkel mehr gäbe? Wenn nichts verborgen bliebe, weil Kameras sie auf Schritt und Tritt überwachten?
In seinem Roman "The Circle" erzählt der amerikanische Autor Dave Eggers vom Leben unter den Augen eines Gottes, den die Menschen selbst erschaffen haben und der alles sieht. Der vor vier Jahren erschienene Bestseller entwirft die Vision eines modernen Überwachungsstaates. Der Regisseur James Ponsoldt hat das Buch nun verfilmt.
Emma Watson spielt die Mittzwanzigerin Mae Holland, die im Kundencenter des kalifornischen Internetgiganten The Circle anfängt. Dies ist eine Mischung aus Apple, Google und Facebook und gerade vier Jahre hintereinander zum beliebtesten Unternehmen der Welt gekürt worden. Mae fühlt sich dort "wie im Himmel".
Die Firma wird von den sogenannten drei Weisen geleitet. Einer von ihnen ist Eamon Bailey. Regelmäßig stellt er im Großen Saal vor rund 3500 Circle-Angestellten seine Ideen vor. Bailey wirkt wie das Update von Steve Jobs, so geistreich wie mitreißend. Doch anders als Jobs ist er auch noch grundsympathisch. Denn er wird von Tom Hanks gespielt.
Hanks gibt Bailey den Charme eines unendlich begeisterungsfähigen großen Jungen. Mit einem Kaffeepott in der Hand schlendert er lässig über die Bühne und schwärmt von den neuesten technischen Errungenschaften. Hanks würde man sogar einen Gebrauchtwagen abkaufen, der keine Räder hat. Doch hier preist er etwas viel Großartigeres an: eine bessere Welt.
Wenn Bailey erzählt, wie er verhindern will, dass autoritäre Regime bei Demonstrationen gegen ihre Bürger vorgehen, indem er öffentliche Plätze heimlich mit digitalen Augen bestücken lässt, ist seine Euphorie ansteckend. Dieser Mann ist fest davon überzeugt, die Menschheit in ein neues Zeitalter der Aufklärung führen zu können.
Auf einmal ist der Zuschauer mittendrin in den aktuellen Debatten über Vorratsdatenspeicherung und Gesichtserkennung, über Gewaltprävention durch Überwachung. Der Film kann hier ganz auf die Stärke von Eggers' Roman vertrauen, der unseren Stand der Technik nur ein kleines Stück weiterdreht und auf diese Weise ein glaubwürdiges Szenario entwickelt.
Wenn der Zuschauer Bailey zuhört, ist er hin- und hergerissen. Wir haben es selbst erlebt, wie befriedigend es ist, wenn ein paar junge Männer, die auf einem U-Bahnhof einen Obdachlosen angezündet haben, durch Bilder einer Überwachungskamera identifiziert werden können. Aber wie verändert sich unser Leben, wenn der öffentliche Raum lückenlos observiert wird?
Das Problem des Films ist, dass sich der Messias Bailey in den weit aufgerissenen Augen von Mae spiegelt. Sie ist eine vom Glanz der Firma geblendete Jüngerin, lange ohne Ahnung von den Schattenseiten. Die Hauptfigur eines Films kann stark sein oder schwach, mutig oder feige, gut oder böse. Dumm sollte sie nicht sein.
Schon bei Eggers' Roman konnte der Leser angesichts der erstaunlich naiven Heldin, die alles immer nur "faszinierend" und "inspirierend" findet, das Gefühl haben, sein Gehirn werde in einen viel zu kleinen Schädel gepresst.
Weil Regisseur Ponsoldt den Zuschauer ständig durch Maes Augen sehen lässt, wirkt der ganze Film über weite Strecken leicht begriffsstutzig. "The Circle" ist schon fast zur Hälfte vorbei, da wird der Heldin erst klar, dass es so etwas wie Privatsphäre gibt, die man vielleicht schützen sollte. Man hat das Gefühl, in einem Aufklärungsfilm für internetsüchtige Jugendliche zu sitzen.
Eggers' Roman ist trotz seines Mangels an Tempo und überraschenden Wendungen eine starke Vorlage für einen Film. Denn er beschreibt, wie die Idee der totalen Transparenz Architektur wird. Wände und Decken sind in der Firma aus Glas.
Eine Welt zu inszenieren, in der sich in jeder Ecke eine Kamera befindet, ist eine große Aufgabe für einen Regisseur. "The Circle" könnte der visuell aufregendste Film des Jahres sein. Doch Ponsoldt steht ziemlich ratlos vor der schönen neuen Welt und sucht vergebens nach Bildern, die ihr gerecht werden könnten.
Kinostart: 7. September
Von Lars-Olav Beier

DER SPIEGEL 36/2017
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