02.09.2017

Der Augenzeuge„Untergrund aus Blankeis“

Fünf Deutsche starben beim Bergsteigen in den österreichischen Alpen. Wolfgang Rohrmoser, 45, Ortsstellenleiter bei der Bergrettung Salzburg, erklärt, warum es gefährlich sein kann, sich in einer Seilschaft zu bewegen.
"Am Sonntagmorgen ist hier im Salzburger Land eine Seilschaft aus Bayern abgestürzt. Einer der Bergsteiger verlor am Gabler das Gleichgewicht und riss seine Begleiter mit. Solche Unfälle kommen selten vor. Ich kann mich an nichts Vergleichbares in unserer Region erinnern. Ich bin im Raurisertal aufgewachsen und seit 25 Jahren bei der Bergrettung tätig.
Wenn einer Seilschaft aber ein solches Unglück passiert, dann hat es meist schwerwiegende Folgen. Denn sind die Bergsteiger erst einmal am Rutschen, dann ist es für den Einzelnen schwer, den Sturz zu bremsen. Grundsätzlich erhöht es die Sicherheit, wenn Bergsteiger am Gletscher eine Seilschaft bilden. So können sie den Sturz in Gletscherspalten verhindern. Oder eine Bergung aus der Gletscherspalte ist leichter möglich.
Aber diese Sicherheit hat eine Kehrseite. Gerade bei steilen Hängen mit einem Untergrund aus Blankeis ist die Absturzgefahr in der Regel höher als die Gefahr eines Spaltensturzes, weswegen es zu Mitreißunfällen kommen kann. Besonders in sehr warmen Sommermonaten liegt wenig bis kein Schnee mehr auf dem Gletschereis. Bergsteiger müssen dann abhängig vom Terrain und von der Witterung entscheiden, ob sie sich anseilen oder nicht. Sie sollten entsprechende Ausrüstung dabeihaben. Zum Beispiel Eisschrauben: Der Erste in der Seilschaft dreht diese in regelmäßigen Abständen in das Eis hinein und befestigt das Seil daran. Der Letzte entfernt nach und nach diese Schrauben wieder. Das kann gerade bei steileren Flanken zusätzliche Sicherheit geben.
Generell ist eine gute Vorbereitung das Wichtigste, wenn man im alpinen Gelände unterwegs ist. Die Bergsteiger sollten sich genau anschauen, wo sie gehen wollen und wie sich das Wetter entwickelt. Bei der Entscheidung für oder gegen das Anseilen muss abgewogen werden, wie hoch die Gefahr eines Spaltensturzes gegenüber der eines Mitreißunfalls wirklich ist. Das Unglück hat gezeigt, wie fatal es sein kann, hier eine unglückliche Entscheidung zu treffen. Ein Restrisiko wird es beim Bergsteigen aber immer geben."
Von Lars-Thorben Niggehoff

DER SPIEGEL 36/2017
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