02.09.2017

GegenbewegungenSummer of Love

Im „Sommer der Liebe“ erreichte die Hippie-Bewegung in San Francisco ihren Höhepunkt. Freie Liebe und kostenlose Lebensmittel klangen entschieden besser als Leistungsgesellschaft und Vietnamkrieg. Amerikas Gesellschaft – und der SPIEGEL – wussten nicht so recht, was sie mit den Weltverbesserern anfangen sollten.
Für den SPIEGEL-Normalleser muss das eine seltsam anmutende, exotische Welt gewesen sein, die ihm da aus dem sonnigen Kalifornien präsentiert wurde: "Sie tragen Glöckchen an den Fußgelenken und hängen sich Blüten um den Hals; sie rauchen Marihuana-Zigaretten und schlucken LSD-Pillen". Die Hippies lebten "Sex, Rausch und Selbsterforschung". Wie Europas Gammler verabscheuten "sie Wasser, Seife und Bürgertum", doch anders als ihre ebenso ungewaschenen Verwandten wollten sie zugleich eine bessere, menschlichere Welt schaffen. Dem militanten "Black Power" setzte "Flower Power" Liebe und Blumen entgegen. Im Gegensatz zu den Beatniks hörten sie eher Folk und Acid-Rock als Jazz, kleideten sich in Selbstgestricktem statt in Jacketts und rauchten Marihuana, statt am Espresso zu nippen. "If you're going to San Francsico, be sure to wear some flowers in your hair", sang Scott McKenzie und lieferte die Hymne der Zeit.
Nur gelegentlich verließen sie ihre Kommunen in den alten viktorianischen Villen im Stadtteil Haight-Ashbury, tanzten im Park, versammelten sich am Strand zu einem "Love-in" oder demonstrierten gegen "Gewalttätigkeit der amerikanischen Gesellschaft, gegen die Raffsucht" oder für die Aufhebung des Marihuana-Verbots. Drogen-Papst Timothy Leary kam vorbei, Jefferson Airplane und Janis Joplin spielten auf. Das Ganze hatte einen romantischen, rückwärtsgewandten Touch, der sich in Kleidung und Stil von der gewalttätigen Gegenwart abwandte, von den Rassenunruhen, dem Krieg in Vietnam und der Konsumgesellschaft. Die sogenannten Digger propagierten die Idee des Teilens und verteilten – "Free everything!" – kostenlose Lebensmittel.
1966 versammelten sich erstmals Tausende von Jugendlichen – meist aus der Mittelschicht – zu mehrtägigen Festivals in der Bay-Area, schon bald lebten 10 000 Hippies in San Francisco, während der Happenings wurden es schon mal 100 000. Im Januar 1967 bildete das " Human Be-in" im Golden Gate Park gleichsam das Vorspiel zum "Summer of Love", dessen Höhepunkt das Monterey Pop Festival im Juni bildete: Jimi Hendrix setzte seine Gitarre in Brand, The Who und Grateful Dead lösten einander auf der Bühne ab.
Amerikas Gesellschaft hatte "noch keine verbindliche Einstellung zum Hippie-Phänomen gefunden", wie es der SPIEGEL ungewohnt vorsichtig formulierte. Die meisten sahen in den Hippies wohl "versponnene Weltverbesserer oder eine neue Erscheinungsform arbeitsscheuer Halbstarker". Ein Soziologe fürchtete, sie könnten den "Kern einer künftigen faschistischen Bewegung bilden; angesichts grassierender Geschlechtskrankheiten sorgten sich San Franciscos Stadtväter um die Volksgesundheit. Hellsichtige Gelehrte erkannten, dass die Hippie-Bewegung die Zukunft Amerikas stark beeinflussen könnte. Tatsächlich sind die Spuren des "Flower-Power" im Silicon Valley unserer Tage unübersehbar, wieder einmal ist es dem Kapitalismus gelungen, die Kritik an sich selbst zu kommerzialisieren. Das Gerede von "Don't be evil" und "Sharing" ist zur Ingredienz des Profitstrebens geworden, mit Steve Jobs ist ein ehemaliger Spät-Hippie zum Messias des Valleys aufgestiegen, und die Welt wollen sie dort angeblich auch immer noch alle verbessern. Nur um in den noch immer begehrten Villen San Franciscos zu wohnen, muss man heute keine Blumen, sondern viel Geld mitbringen.

DER SPIEGEL 36/2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 36/2017
Titelbild
Der digitale SPIEGEL
Diese Ausgabe jetzt digital lesen

Die digitale Welt der Nachrichten. Mit interaktiven Grafiken, spannenden Videos und beeindruckenden 3-D-Modellen.
Sie lesen die neue Ausgabe noch vor Erscheinen der Print-Ausgabe, schon freitags ab 18 Uhr.
Einmal anmelden, auf jedem Gerät lesen - auch offline. Optimiert für Windows 8, Android, iPad, iPhone, Kindle Fire, BlackBerry Z10 sowie für PC/Mac.

Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Gegenbewegungen:
Summer of Love

  • Videoanalyse aus Brüssel: "Der Gipfel droht zum Frustgipfel zu werden"
  • Nordsyrien: 120 Stunden Gefechtspause
  • Walkadaver in der Tiefsee: Gefundenes Fressen
  • Kuriose Operation: Flügeltransplantation für Schmetterling