09.09.2017

KarrierenClausi-Mausi auf Krawall

Der TV-Duell-Moderator Claus Strunz ist das neue Martinshorn des deutschen Fernsehens. Auch bei seinem Sender Sat.1 ist er umstritten.
Anfang der Woche war Claus Strunz noch AfD-Politiker. Jedenfalls auf Wikipedia. Und auch nur so lange, bis der Eintrag in dem Onlinelexikon korrigiert wurde.
Das mit der AfD hatte sich irgendein Spaßvogel ausgedacht. Die Vorlage aber liefert Strunz selbst, mit seiner Rubrik "Klartext" im Frühstücksfernsehen von Sat.1.
Dort behauptet er schon mal forsch, Linksextremismus sei ein größeres Problem als Rechtsextremismus, um im selben Atemzug zu beklagen, dass die "rot-rot-grüne Elite in Deutschland" bestimme, "was wir zu denken haben". Die Frage "Wer hat's gesagt: a) Gauland, b) Petry, c) Strunz?" brächte Quizkandidaten ins Schleudern.
Einem großen Publikum ist Strunz, 50, seit vorigem Sonntag bekannt als einer von vier Interviewern beim TV-Duell von Kanzlerin Angela Merkel und Herausforderer Martin Schulz, übertragen von ARD, ZDF, RTL und Sat.1.
Befremdlich war dabei nicht, dass Strunz kritische Fragen zu Flüchtlingspolitik und innerer Sicherheit stellte, das gehört zum Job. Sondern dass er es in der Pose eines Ein-Mann-Stammtischs tat. Die Abschiebung ausreisepflichtiger Ausländer kleidete er in die griffige Formel: "Wann sind diese Leute weg?" Ein Schulz-Zitat zu Flüchtlingen gab er in einer verkürzten Version wieder, wie sie auch die AfD verbreitet. Dabei zählte das Duell noch zu seinen harmlosen Auftritten.
Strunz ist das neue Martinshorn des deutschen Fernsehens. Wo er auftritt, ist Alarm. Das Prinzip Strunz geht so: vorhandene Ängste bestärken. Noch nicht vorhandene Ängste wecken. Pauschalisieren. So wie nach der Ermordung einer Freiburger Studentin, mutmaßlich durch einen Flüchtling namens Hussein, als Strunz klartextete, es gebe "noch viele Husseins" in Deutschland.
Strunz selbst sieht sich als "Dienstleister und Bürgeranwalt", der Dinge anspreche, "die sonst in den Sprechblasen von Politikern untergehen". Eine Nähe zur AfD aber weist er zurück: Er stehe keiner Partei nahe. "Das schließt aber nicht aus, dass ich eine Haltung habe." Etwa "die Überzeugung, dass Freiheit ohne Sicherheit auf Dauer nicht möglich ist".
Bei ProSiebenSat.1 ist Strunz nicht unumstritten. Im Haus gab es durchaus Bedenken, ihn beim Duell die Sendergruppe repräsentieren zu lassen. Zum einen, weil er im Hauptberuf von Axel Springer bezahlt wird: Strunz ist Geschäftsführer von Maz & More, einer Verlagstochter, die das Sat.1-Frühstücksfernsehen produziert. Zum anderen wegen seiner schrillen Tonalität.
Im Senderverbund fragen sich manche, wieso Strunz sich gegenwärtig als Das-wird-man-doch-noch-sagen-dürfen-Propagandist positioniert, obwohl er doch früher nicht durch eine politische Agenda aufgefallen sei. Aber beim Strunzprinzip geht es weniger um Inhalte als um Wirkung.
Strunz war stets bemüht, anders zu sein als die anderen. Schon als Chefredakteur von Springers "Bild am Sonntag" genoss er die Rolle des Freidenkers, der sich dem Korpsgeist widersetzt – wenngleich unter umgekehrten Vorzeichen: Bei Springer war er der Liberale unter Konservativen, leitartikelte gegen den Irakkrieg und George Bush und weigerte sich auch mal, gemeinsame Erklärungen der Springer-Chefredakteure zu unterzeichnen – nicht der Sache wegen, sondern aus Prinzip. Wurde sein Rebellentum öffentlich, war ihm das nicht unangenehm. Strunz mit seinem Pennälercharme und dem leichten süddeutschen Slang war das freundliche Gesicht des Verlags, insbesondere im Vergleich zum damaligen "Bild"-Chef Kai Diekmann, seinerzeit ein Scharfmacher in bester Tradition des Hauses.
Aus der "Bild am Sonntag" machte Strunz eine sanfte, sonnige Gegen-"Bild" mit Grill- und Lebenstipps und dem Ergebnis, dass die Auflage von 2,5 Millionen auf 1,7 Millionen abstürzte. Der konzerninterne Abstieg begann 2008 mit seiner Versetzung in die Chefredaktion des "Hamburger Abendblatts". Danach wurde er Geschäftsführer für TV- und Videoproduktionen und moderierte für Sat.1, wo er 2014 zum Frühstücksfernsehdirektor avancierte. Interner Spitzname: "Clausi-Mausi".
Als Strunz 2015 mit seinem Klartext begann, fand er zu einem neuen Sound. Und bald zu einem neuen Motto: "Populismus ist das Viagra einer erschlafften Demokratie", sagte er bei "Maischberger". Der Zeitpunkt war klug gewählt. Einen besseren Potenztest als die Flüchtlingskrise hätte es nicht geben können.
Strunz folgte den physikalischen Gesetzen der Raumakustik: Je tiefer man im Karriereloch sitzt, desto lauter muss man schreien, um gehört zu werden. Facebook und Twitter dienen ihm als Verstärker. Mit diesem Modell versucht so mancher einst erfolgreiche Journalist wieder Aufmerksamkeit zu erlangen, vom früheren "Wirtschaftswoche"-Chef Roland Tichy bis zu Ex- SPIEGEL-Mann Matthias Matussek. Doch kein zweiter mit solchem Erfolg wie Strunz.
Er wird nun wieder gefeiert. Von rechten Internetseiten wie Politically Incorrect, Bürgern auf der Straße und dem Mann an der Spitze von ProSiebenSat.1: Thomas Ebeling. Der soll viel von Strunz halten, auch politisch, was viele im Senderverbund irritiert.
Dabei wäre für das TV-Duell auch eine andere Besetzung denkbar gewesen, die im Haus Befürworter gefunden hätte: der neuerdings als Polittalker tätige ProSieben-Entertainer Klaas Heufer-Umlauf. Der liegt politisch allerdings auf einer ganz anderen Linie: Heufer-Umlauf ist SPD-nah.
Von Isabell Hülsen und Alexander Kühn

DER SPIEGEL 37/2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 37/2017
Titelbild
Der digitale SPIEGEL
Diese Ausgabe jetzt digital lesen

Die digitale Welt der Nachrichten. Mit interaktiven Grafiken, spannenden Videos und beeindruckenden 3-D-Modellen.
Sie lesen die neue Ausgabe noch vor Erscheinen der Print-Ausgabe, schon freitags ab 18 Uhr.
Einmal anmelden, auf jedem Gerät lesen - auch offline. Optimiert für Windows 8, Android, iPad, iPhone, Kindle Fire, BlackBerry Z10 sowie für PC/Mac.

Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Karrieren:
Clausi-Mausi auf Krawall

Video 05:45

Überwachung in China Zwei Schritte - und die Software weiß, wer Sie sind

  • Video "Straße von Hormus: Videos zeigen Festsetzung von britischem Tanker" Video 01:15
    Straße von Hormus: Videos zeigen Festsetzung von britischem Tanker
  • Video "Mode in Japan: Junge Frauen in Tokio möchten niedlich sein" Video 29:13
    Mode in Japan: "Junge Frauen in Tokio möchten niedlich sein"
  • Video "Spiderman wider Willen: Waghalsige Kletteraktion" Video 00:45
    Spiderman wider Willen: Waghalsige Kletteraktion
  • Video "Filmstarts: Smarthome-Horror" Video 08:21
    Filmstarts: Smarthome-Horror
  • Video "Kassel: Tausende protestieren gegen Neonazi-Demo" Video 01:57
    Kassel: Tausende protestieren gegen Neonazi-Demo
  • Video "Airsoft: Am Wochenende spielen sie Krieg" Video 22:17
    Airsoft: Am Wochenende spielen sie Krieg
  • Video "Hass-Chöre gegen Kongressfrauen: Kameraufnahmen widerlegen Trump" Video 03:11
    Hass-Chöre gegen Kongressfrauen: Kameraufnahmen widerlegen Trump
  • Video "Computer-Cocktails: Die Roboter-Bar" Video 01:37
    Computer-Cocktails: Die Roboter-Bar
  • Video "Spiderman wider Willen: Waghalsige Kletteraktion" Video 00:45
    Spiderman wider Willen: Waghalsige Kletteraktion
  • Video "Überwachungskameras an Tankstelle: Menschen fliehen vor Erdrutsch" Video 00:55
    Überwachungskameras an Tankstelle: Menschen fliehen vor Erdrutsch
  • Video "Distanzierung von Trump: Merkel solidarisiert sich mit US-Abgeordneten" Video 00:50
    Distanzierung von Trump: Merkel solidarisiert sich mit US-Abgeordneten
  • Video "Israel: Archäologen finden 1200 Jahre alte Moschee" Video 00:55
    Israel: Archäologen finden 1200 Jahre alte Moschee
  • Video "Helmkamera-Aufnahmen: So sah der fliegende Soldat Paris von oben" Video 01:16
    Helmkamera-Aufnahmen: So sah der fliegende Soldat Paris von oben
  • Video "Zitate aus Sommer-Pressekonferenzen: Herr Rösler ist gerne Vizekanzler" Video 02:05
    Zitate aus Sommer-Pressekonferenzen: "Herr Rösler ist gerne Vizekanzler"
  • Video "50 Jahre Mondlandung: Ein kleiner Schritt..." Video 01:15
    50 Jahre Mondlandung: Ein kleiner Schritt...
  • Video "Neues Transportsystem: Katar testet schienenlose Tram für WM 2022" Video 01:01
    Neues Transportsystem: Katar testet schienenlose Tram für WM 2022
  • Video "Überwachung in China: Zwei Schritte - und die Software weiß, wer Sie sind" Video 05:45
    Überwachung in China: Zwei Schritte - und die Software weiß, wer Sie sind