09.09.2017

AnalyseDie verhassten vier Buchstaben

Warum der Friedensprozess Kolumbien spaltet
Eine rote Rose mit Stern ist das Wahrzeichen von Kolumbiens neuer Partei "Allgemeine Alternative Revolutionäre Kraft". Ihr Kürzel ist aber ein altbekanntes: Farc. Die vier Buchstaben der Ex-Guerilla sind den meisten Kolumbianern verhasst. Dennoch wollen die einstigen Kämpfer, die unter dem Friedensplan nun eine Partei bilden, weiter so heißen: Sie sehen sich immer noch als Revolutionäre – und wollen ihr Ziel jetzt an den Urnen erreichen.
Der Staat leistet Starthilfe bei diesem Experiment: Er garantiert der Farc zehn Sitze im Kongress, unabhängig davon, ob sie bei der Parlamentswahl im März genügend Stimmen gewinnt. Das erhitzt die Gemüter. Die meisten Kolumbianer sehen den Friedensprozess noch skeptischer als vor einem Jahr, als sich eine knappe Mehrheit gegen das Friedensabkommen aussprach.
Im Ausland wird Kolumbien als Vorbild für friedliche Konfliktlösung gefeiert. Die meisten Kolumbianer verstehen dagegen nicht, dass die Entführer, Mörder und Drogenhändler der Farc nun zumeist straflos ausgehen. Bis zu 70 Prozent lehnen die Amtsführung des Präsidenten Juan Manuel Santos ab.
Wenn der Friedensprozess langfristig erfolgreich sein soll, muss diese Kluft überbrückt werden. Die Farc hat dabei eine Bringschuld: Sie hält weiterhin Waffen versteckt, und sie hat offenbar nur einen Bruchteil ihres Vermögens deklariert, das hauptsächlich für die Entschädigung ihrer Opfer aufgewandt werden soll. Aber auch Kolumbiens herrschende Klasse müsste für den Frieden Opfer bringen: Sie darf die krasse soziale Ungerechtigkeit und Gewalt auf dem Land nicht länger ignorieren.
Ob die Versöhnung funktioniert, hängt nicht zuletzt vom Nachbarland Venezuela ab. Kritiker fürchten, dass mit der politischen Integration der Farc der "Castrochavismus" in Kolumbien Einzug halte – sie sehen die linksextreme Partei als fünfte Kolonne des Diktators Nicolás Maduro.
Von Jens Glüsing

DER SPIEGEL 37/2017
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