09.09.2017

BurmaDer Exodus der Rohingya

Zehntausende Muslime fliehen nach Bangladesch, ihre Dörfer wurden niedergebrannt, Bewohner getötet. Die Uno warnt vor der Gefahr „ethnischer Säuberungen“. Ein Treffen mit einer Überlebenden.
Auf einem leeren Reissack sitzt eine Frau, die nie viel hatte, und ordnet, was ihr geblieben ist: eine Knolle Knoblauch, eine Flasche Salz, ein Topf Reis. Dann wickelt Fatma Katu ihren Besitz in eine Plastiktüte, so behutsam, als verstaute sie Diamanten. Vor zwei Tagen ist sie mit ihrem Mann und ihren fünf Söhnen hierhergekommen, seitdem sitzt sie auf diesem matschigen Erdhügel im Süden der Stadt Cox's Bazar in Bangladesch.
Wenn Fatma Katu müde ist, legt sie sich im Freien hin, ihre Kinder schlafen unter einer Zeltplane, eng aneinandergedrückt. Wenn sie mal muss, wartet sie die Dunkelheit ab. Wenn sie durstig ist, trinkt sie faulig riechendes Wasser aus einem Erdloch. Es ist ein furchtbarer Ort, aber die 30-Jährige ist froh, dass sie hier ist. "Wir hungern zwar, aber zu Hause werden wir erschossen."
Ihre Heimat Burma ist nur wenige Kilometer entfernt und doch unerreichbar. Es ist ein Ort, an dem Menschen wie Fatma Katu in diesen Tagen um ihr Leben fürchten müssen. Mehr als 120 000 sind allein in den vergangenen zwei Wochen über die Grenze nach Bangladesch geflohen, und es werden immer noch mehr. Jeden Tag überqueren sie mit winzigen Booten den Grenzfluss Naf, viele kentern, immer wieder werden Kinderleichen angeschwemmt. Oder Menschen kommen zu Fuß aus den Wäldern, wo sie sich vor der Armee versteckt haben.
Die Rohingya, wie sich die muslimische Minderheit in Burma nennt, gelten als die am meisten verfolgte Minderheit der Welt. Schon seit Jahrzehnten werden sie diskriminiert, immer wieder gab es Wellen der Gewalt, flüchteten sie nach Bangladesch oder über das Meer, bis nach Malaysia und Australien. Zuletzt im vergangenen Herbst, als über 70 000 Menschen flohen. Doch was nun passiert, ist ein Exodus.
Vor einer Woche weckte Fatma das Geräusch einer Explosion. Dann hörte sie Schüsse. Sie erzählt, wie sie auf die Straße rannte und ihre Nachbarn sah, die sich den Soldaten entgegenstellten. Sie riefen "Allah ist groß", als könnte der Glaube an Gott Kugeln aufhalten. Fatma bohrt sich mit dem Finger in ihre Brust, um zu zeigen, wo die Kugeln einen der Dorfbewohner trafen. Die Mutter rannte mit ihren Kindern in den Dschungel, von dort sah sie zu, wie die Armee ihr Dorf niederbrannte. Erst feuerten Hubschrauber aus der Luft, dann trieben die Soldaten am Boden die Überlebenden zusammen und zwangen sie, eine Grube für die Leichen auszuheben. Danach erschossen sie auch die Helfer und übergossen sie mit Benzin.
Die Familie versteckte sich, sie warteten auf die Nacht. Dann folgten sie den anderen Rohingya, die Richtung Norden zogen, nach Bangladesch. Ihre Füße bluteten, sie trugen kein Essen bei sich, sie aßen, was sie fanden. Meist fanden sie nichts. Anfangs bedeckten sie diejenigen, die zusammenbrachen, noch mit Blättern. Aber nach einer Weile ließen sie die Toten einfach liegen und eilten weiter.
Fatma Katu erzählt detailliert und schonungslos. Ob ihre Erzählung stimmt, lässt sich nicht überprüfen, weil Burma keine unabhängigen Beobachter nach Rakhine lässt, selbst Hilfsorganisationen haben keinen Zugang zu dem Gebiet, in dem die Rohingya leben. Aber jeden Tag kommen Hunderte Vertriebene in Cox's Bazar an – und sie alle bringen ähnliche Geschichten mit. Von Toten. Von brennenden Dörfern. Von der verzweifelten Flucht. Human Rights Watch hat Satellitenbilder ausgewertet und 17 vom Feuer verwüstete Ortschaften gezählt, in einer sind allein 700 Häuser in Flammen aufgegangen.
Die burmesische Führung bestreitet all das. Die Rohingya hätten ihre Häuser selbst angesteckt, um das Mitleid der internationalen Gemeinschaft zu erregen. Die Armee bekämpfe die islamistischen Terroristen im Land. In den Gefechten habe es bislang 400 Tote gegeben, 370 davon seien Extremisten gewesen.
Und auch Aung San Suu Kyi, die informelle Regierungschefin – die offiziell das Amt nicht ausüben darf –, hat sich bisher kaum geäußert. Wenn sie es tut, dann spricht sie meist über angebliche Angriffe islamistischer Extremisten und nie über die Gräueltaten der Armee. Sie behauptet, die Bilder von Leichen seien gefälscht, und selbst wenn manche das wohl sind, so doch bei Weitem nicht alle.
Es stimmt, dass Burmas Armee tatsächlich Rebellen jagt, aber es gibt viele Hinweise darauf, dass die Soldaten dabei systematisch Zivilisten töten. Helfer haben zudem erste Opfer gefunden, die typische Wunden von Landminen aufweisen, wohl von burmesischen Soldaten an der Grenze gelegt, um die Flüchtenden zu treffen – und sicherzustellen, dass sie nicht zurückkehren. Die Uno spricht bereits von der "Gefahr ethnischer Säuberungen". Dass es dazu kommen würde, war absehbar.
Fatma Katus Vater ist in Burma geboren, ihr Großvater ebenso, wahrscheinlich auch dessen Eltern und Großeltern. Aber das Land, das Fatma Katu Heimat nennt, will sie als Bürgerin nicht haben. In den Augen der burmesischen Regierung ist sie eine illegale Einwanderin. Ihr wird die Staatsbürgerschaft verweigert, sie hat keine Ausweispapiere, darf nicht wählen, nicht reisen und nur unter bestimmten Bedingungen arbeiten. Aber Arbeit, die gibt es im bitterarmen Rakhine sowieso kaum. Auch wenn die Region schon im 15. Jahrhundert von Muslimen bewohnt war: Die Rohingya sind bis heute ein Volk ohne Land. Und Fatma Katu ist eine Frau ohne Rechte.
Als sie noch kein Flüchtling war, als sie in einer bescheidenen Lehmhütte wohnte, kamen früher manchmal die Soldaten vorbei und schlugen sie ohne Grund, so erzählt sie, weil sie angeblich Terroristen Unterschlupf geboten habe. Manchmal hätten die Männer junge Mädchen mitgenommen, immer die schönsten.
Im Februar veröffentlichte die Uno einen Bericht, wonach die Regierungstruppen "sehr wahrscheinlich" Verbrechen gegen die Menschlichkeit begangen haben. Es ist von Folter die Rede, von Erschießungskommandos und Vergewaltigungen, von der gezielten Ermordung von Kindern.
Dass nun erneut eine Massenflucht eingesetzt hat, hat einen Grund: Die Rohingya haben angefangen, sich zu wehren.
Am 25. August griff die Rebellenorganisation "Arakan Rohingya Salvation Army" (Arsa) Polizeistationen und Armeelager an; ähnliche Attacken gab es bereits vor fast einem Jahr. Unter ihrem Anführer Ata Ullah, einem in Saudi-Arabien aufgewachsenen Rohingya, hat die Gruppe junge Männer rekrutiert und mit Gewehren sowie Handgranaten ausgerüstet. Wie viele Männer zu den Kämpfern gehören, ist unklar. In einem Interview im März kündigte Ullah an, Arsa werde weiterkämpfen, solange die Regierung die Rohingya nicht schütze, "auch wenn eine Million sterben".
Aber die Flüchtlinge berichten auch über die Rebellen Grausames: Sie würden Männer, die fliehen wollten, dazu zwingen, sich ihnen anzuschließen. Angebliche Informanten werden ermordet. Die Armee benutzt aber nun den Anschlag vom August als Vorwand, um Rache zu nehmen.
Es gibt in diesen Tagen keinen Mangel an Stimmen, die das Morden in Burma verurteilen. Der britische Außenminister, der Uno-Kommissar für Menschenrechte und der türkische Präsident haben sich geäußert, aber es gibt eine Stimme, die fehlt. Wo ist Aung San Suu Kyi?
Suu Kyi war mal so etwas wie eine Heldin, nicht nur in Burma, sondern weltweit. Eine Lichtgestalt des friedlichen Widerstands, Erbin von Mahatma Gandhi und Nelson Mandela. 15 Jahre lang stand sie in Burma unter Hausarrest, 1991 erhielt sie den Friedensnobelpreis. Es war maßgeblich Suu Kyi, die Burma vor zwei Jahren die erste freie Wahl seit fast drei Jahrzehnten brachte – und viele auf einen friedlichen Wandel hoffen ließ, auf die Transformation einer brutalen Militärdiktatur in eine Demokratie.
Doch immer noch hat das Militär großen Einfluss auf die Politik. Es ist möglich, dass Suu Kyi sich nicht auf die Seite der Rohingya schlägt, weil sie die mächtigen buddhistischen Nationalisten im Land nicht erzürnen will, weil sie fürchtet, so die fragile Demokratie zu gefährden. Aber trotzdem, man hätte von dieser Frau, die selbst einmal unter der Repression des Militärs litt, zumindest mehr Mitgefühl erwartet. Die Menschenrechtsorganisationen, die einst für ihre Freiheit kämpften, gehören daher inzwischen zu ihren schärfsten Kritikern.
Denn es ist schwer vorstellbar, dass Suu Kyi nicht genau weiß, was sie tut. In Interviews hat sie immer wieder klargestellt, sie sei Politikerin und keine Aktivistin – und Wahlen lassen sich in Burma nun mal nicht gewinnen, wenn man für eine Minderheit Stellung bezieht, für Muslime, die kein Wahlrecht haben. Vielleicht ist ihre Stille also einfach auch: zynisches Kalkül einer gewieften Politikerin.
Was auch immer Suu Kyi bewegen mag: Es sieht derzeit danach aus, dass in Burma unter den Augen einer Friedensnobelpreisträgerin Verbrechen gegen die Menschlichkeit begangen werden. Und dass langsam Wirklichkeit wird, was die Nationalisten und radikalen Mönche seit Langem fordern: ein Burma ohne Muslime. In den Siebzigerjahren lebten noch zwei Millionen Muslime im Land. Heute ist es nur noch eine Million – bei einer Bevölkerung von 54 Millionen. 400 000 Rohingya leben bereits seit Jahren als Flüchtlinge in Bangladesch. Ende dieser Woche werden es weit mehr als eine halbe Million sein.
Das Nachbarland hat nach viel Widerstand seine Grenze zu Burma geöffnet. Aber was nun aus den Flüchtlingen werden soll, wie ihre neue Heimat sie versorgen soll, ja welche Zukunft sie hier haben, weiß keiner. Bangladesch ist arm und überbevölkert, es kämpft mit den Folgen des Klimawandels und gerade in diesen Tagen wieder mit gewaltigen Überflutungen.
Was Fatma Katus Familie bevorsteht, ist wenige Hundert Meter von ihrem Hügel entfernt zu sehen. Dort haben sich die Flüchtlinge aus den Jahren zuvor niedergelassen. Ihre Hütten haben Wellblech statt Plastikplanen, es gibt ein paar Toiletten und regelmäßige Nahrungslieferungen von Hilfsorganisationen. Aber es gibt keine Arbeit und keine Aussicht, den Zuständen im Lager zu entkommen.
Auch in Bangladesch sind die Rohingya Bürger zweiter Klasse, geduldet zwar, aber ungewollt. In der Vergangenheit hat die Regierung versucht, sie wieder nach Burma abzuschieben. Aber Menschen wie Fatma Katu haben Erfahrung darin, nicht willkommen zu sein.
Sie sagt: "Wir werden nie nach Hause zurückkehren. Sie töten uns dort."
In ihren Träumen malt sie sich das Haus aus, das sie hier bauen werden, in dem jeder ihrer Söhne ein Zimmer hat. Sie träumt dann von einer Zukunft, in der einer der Söhne Englisch lernt, ein anderer vielleicht den Koran studiert. Sie schaut sehnsüchtig und stochert im Topf herum.
Dann bietet sie den Besuchern etwas von ihrem Reis an. Denn auch wenn man kein Haus mehr hat und nur einen Topf Reis, eine Flasche Salz und eine Knolle Knoblauch, so findet Fatma Katu, müsse man Gäste doch willkommen heißen.

Von Suu Kyi, einer Frau, die selbst unter der Repression litt, hätte man mehr Mitgefühl erwartet.

Über die Autorin

Laura Höflinger, Jahrgang 1988, arbeitet seit 2010 für den SPIEGEL, zunächst für das Wissenschaftsressort, seit Anfang des Jahres als Korrespondentin in Indien. Während Höflinger sich mit Fatma Katu unterhielt, baute deren Mann seiner Familie ein neues Zuhause: eine einfache Zeltplane, die er zwischen Bambusstöcken aufspannte. Dort wird die Familie in Zukunft schlafen.
Von Laura Höflinger

DER SPIEGEL 37/2017
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