09.09.2017

Ernährung„Freispruch für Eier!“

Der Arzt Johannes Scholl, 52, Präsident der Deutschen Akademie für Präventivmedizin, über bösen Zucker und gute Fette
SPIEGEL: Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) hat gerade ihren Empfehlungskatalog überarbeitet. Ist er jetzt besser?
Scholl: Vieles hat sich zum Positiven gewandelt. Zum ersten Mal gibt es eine klare Warnung vor Zucker. Das ist eine Kehrtwende. Zucker bringt Menschen aus dem Stoffwechselgleichgewicht, er steigert den Appetit und fördert dadurch Übergewicht und Diabetes. Trotzdem war er bislang nicht einmal als gesundheitsschädlich deklariert. Mit Zucker gesüßte Lebensmittel und Getränke, auch Fruchtsäfte, sind eindeutig nicht empfehlenswert.
SPIEGEL: Neuerdings sollen wir laut DGE "gesundheitsfördernde Fette" essen. Noch eine Kehrtwende?
Scholl: Absolut. Der Grundsatz "Je weniger Fett, desto gesünder" gilt nicht mehr. Mittlerweile wissen wir aus großen Studien: Bei den guten Ölen – Oliven- und Rapsöl, Omega-3-Fettsäuren wie in fettem Fisch – darf man nicht sparen. Die braucht man. Milchfett, das in Joghurt, Käse oder Butter vorkommt, wurde lange verteufelt. Nun hat man erkannt, dass es das Herzinfarktrisiko nicht steigert und wahrscheinlich vor Schlaganfällen schützt. Eindeutig schädlich hingegen sind die gehärteten Pflanzenfette, die noch immer in billigen Backwaren, Pommes, Chips und Fertigpizza stecken.
SPIEGEL: Bisher warnte die DGE davor, mehr als drei Eier pro Woche zu essen. Jetzt nennt sie keine Obergrenze mehr.
Scholl: Freispruch für Eier! Der Eierkonsum spielt für den Cholesterinspiegel im Blut und für das Herz infarktrisiko praktisch keine Rolle. Diese Änderung war überfällig.
SPIEGEL: Dafür sind jetzt offenbar die Kohlenhydrate böse: Einst sollte man sie "reichlich" zu sich nehmen. Jetzt heißt es vorsichtiger: "Vollkorn wählen."
Scholl: Vollkorn ist sicher besser als hoch verarbeitetes Weizenmehl. Aber bei all diesen Empfehlungen sollte man bedenken, dass sie nur für Gesunde gelten. Wenn Menschen bereits einen zu dicken Bauch, eine Leberverfettung oder eine Vorstufe der Zuckerkrankheit haben, dann sind viele Kohlenhydrate eindeutig schädlich. Für diese Leute sind mehr Gemüse, Eiweiß sowie gute Öle und Fette die bessere Alternative. Wir brauchen eine individualisierte Ernährungsberatung, die auf die Stoffwechselsituation des Einzelnen eingeht.
SPIEGEL: Täuscht der Eindruck, dass Ernährungswissenschaftler ziemlich oft ihre Meinung ändern?
Scholl: Die Empfehlungen basieren jetzt auf Experimenten und auf sehr guten Studien mit Tausenden Teilnehmern. Früher haben oft schon Hypothesen ausgereicht. Keine Sorge, Sie können Ihr Frühstücksei ganz entspannt genießen.
Von Me

DER SPIEGEL 37/2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 37/2017
Titelbild
Der digitale SPIEGEL
Diese Ausgabe jetzt digital lesen

Die digitale Welt der Nachrichten. Mit interaktiven Grafiken, spannenden Videos und beeindruckenden 3-D-Modellen.
Sie lesen die neue Ausgabe noch vor Erscheinen der Print-Ausgabe, schon freitags ab 18 Uhr.
Einmal anmelden, auf jedem Gerät lesen - auch offline. Optimiert für Windows 8, Android, iPad, iPhone, Kindle Fire, BlackBerry Z10 sowie für PC/Mac.

Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Ernährung:
„Freispruch für Eier!“

  • Konzernchef aus Schweden: "Ich habe einen Chip in meiner linken Hand"
  • SPIEGEL TV heute: Wahlkampf bizarr - Unterwegs mit der AfD
  • Tierische Begegnung: Fuchs verzögert den Start einer Boeing 747
  • 50 Jahre Kanzlerwahl Willy Brandt: Der letzte Superstar der Sozialdemokratie