09.09.2017

KommentarGoodbye, Oxbridge

Der Brexit bedroht die beiden besten Universitäten der Welt.
Jedes Jahr im September veröffentlicht das Londoner Magazin "Times Higher Education" (THE) eine Rangliste der besten Universitäten der Welt, die in Hochschulkreisen bang erwartet wird. Auf Platz eins steht für gewöhnlich das California Institute of Technology, die Ostküstenperle Harvard folgt knapp dahinter.
Das neueste THE-Ranking sortiert mittlerweile tausend Institutionen und wartet mit einer Überraschung auf. Zum ersten Mal ziehen gleich zwei europäische Universitäten an allen exzellenten US-Konkurrenten vorbei. Weltbeste Uni: Oxford. Zweitbeste: Cambridge. Ein imposanter Doppelerfolg für England – doch den Jubel kann man sich sparen.
Mit dem Brexit laufen die Briten Gefahr, ihre Hochschullandschaft zu zerstören. Wenn EU-Gelder nicht mehr fließen, verliert allein Oxford ein Fünftel seines Forschungsetats, Cambridge sogar ein Viertel. Die Regierung in London dürfte Schwierigkeiten haben, die Ausfälle zu ersetzen, denn den Unis kommt mit dem Brexit mehr als Geld abhanden. Forschungsverbünde brechen, Kooperationen platzen. Und: Im neuen nationalistischen Klima könnten die Unis ihre über Jahrzehnte, gar Jahrhunderte gewachsene Anziehungskraft auf Talente einbüßen.
Der Präsident des University College London, Platz 16 im Ranking, hat jetzt berichtet, dass 95 Prozent seiner europäischen Professoren Abwerbeangebote vorliegen hätten. Ein Braindrain bahnt sich an. So wie Frankfurt, Paris und Dublin um vertriebene Banker aus London buhlen, so werden Universitäten vom Festland Charme und Geld aufwenden, um Spitzenforscher anzulocken – kluge Köpfe, die sich auf der Insel nicht mehr wohlfühlen und in Trumps USA eben auch nicht.
Bislang ist Großbritannien eine Supermacht der Forschung und – nach Deutschland – der größte Empfänger von EU-Forschungsgeldern. Diese Position ohne Not aufzugeben ist schlicht wahnsinnig, ein Akt der Selbstverstümmelung.
Von Marco Evers

DER SPIEGEL 37/2017
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