16.09.2017

JakobAugsteinIm Zweifel linksWer ist wir?

Wollen Sie den gefährlichsten Satz dieses Wahlkampfs hören? Er lautet nicht: "Ausländer raus!" Das ist nur eine brutale Parole. Er lautet auch nicht: "Merkel muss weg!" Das ist eine legitime politische Forderung. Er lautet: "Es geht uns gut!" Erstaunlich große Teile der Öffentlichkeit sind sich einig über den Zustand des Landes: "gut" ("Welt"), "prächtig" ("taz"), "nie besser" ("Focus"). Und die Kanzlerin findet sowieso, Deutschland sei ein Land, in dem wir "gut und gerne leben". Der einzige Sinn der Wahl besteht also darin, dafür zu sorgen, dass sich ja nichts ändert.
Aber wer ist "uns", und wer ist "wir"? Zwischen 1995 und 2015 mussten die unteren 40 Prozent der Lohnempfänger einen Verlust ihrer Kaufkraft hinnehmen. Das klingt ein bisschen technisch. Also anders: Die unteren 40 Prozent verdienten 1995 mehr Geld als 2015. Oder noch anders: Beinahe die Hälfte der Deutschen ist verarscht worden. Das wirklich Befremdliche daran ist, dass die Menschen es einfach hingenommen haben.
Es gibt übrigens eine einfache Erklärung für dieses Phänomen: Die Wirtschaft wächst nicht mehr so wie früher. Aber die Reichen wollen trotzdem reicher werden. Woher soll das Geld kommen? Aus einer Strategie, für die es im Angelsächsischen einen Ausdruck gibt: "accumulation by dispossession", Anhäufung durch Enteignung. Rätselhaft ist nur, warum die vielen Menschen, die nicht reich sind, das mitmachen. Folgende Erklärungen bieten sich an: Vielleicht haben die Leute in den Neunzigerjahren einfach zu viel verdient und sehen heute ein, dass Geld ihnen nicht guttut. Dann wären die Deutschen ein Volk von Verzichtspietisten. Vielleicht fragen die Deutschen einfach nicht, was ihre Volkswirtschaft für sie tun kann, sondern was sie für ihre Volkswirtschaft tun können. Dann wären wir ein Volk von lauter Verantwortungsethikern.
Oder aber, letzte Möglichkeit, die Deutschen sind einfach gehirngewaschene Schwachmaten, die sich alles gefallen lassen. Das allerdings liefe auf Wählerbeschimpfung hinaus, und die gehört sich in der Demokratie nicht. Denn in der Demokratie hat der Wähler immer recht.
Es heißt stets, am Ende entscheide die wirtschaftliche Lage über den Ausgang einer Wahl. Bill Clinton hat gesagt: "It's the economy, stupid." Das ist inzwischen ein bisschen anders geworden. Dumm ist nur, wer glaubt, sein eigenes Wohl und das Wohl der "Wirtschaft" seien identisch. Denn die Volkswirtschaft hat sich vom Volk abgekoppelt. Was gut für VW ist, ist längst nicht mehr gut für die Deutschen.
Wer also sagt, dass es "uns" gut gehe, der lügt. Aber nicht nur das. Er legt auch Zeugnis seiner eigenen politischen Fantasielosigkeit ab. Denn in diesem Satz steckt immer: Besser wird's nicht. Für viele Menschen im Land ist das keine gute Nachricht.
An dieser Stelle schreiben Jakob Augstein, Jan Fleischhauer und Markus Feldenkirchen im Wechsel.
Von Jakob Augstein

DER SPIEGEL 38/2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 38/2017
Titelbild
Der digitale SPIEGEL
Diese Ausgabe jetzt digital lesen

Die digitale Welt der Nachrichten. Mit interaktiven Grafiken, spannenden Videos und beeindruckenden 3-D-Modellen.
Sie lesen die neue Ausgabe noch vor Erscheinen der Print-Ausgabe, schon freitags ab 18 Uhr.
Einmal anmelden, auf jedem Gerät lesen - auch offline. Optimiert für Windows 8, Android, iPad, iPhone, Kindle Fire, BlackBerry Z10 sowie für PC/Mac.

Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

JakobAugsteinIm Zweifel links:
Wer ist wir?

  • Tierisches Paarungsverhalten beim Mensch: Flirten mit dem Albatros-Faktor
  • Video von"Open Arms"-Schiff: Verzweifelte Flüchtlinge springen über Bord
  • Superliga Argentinien: Wer beim Elfmeter lupft, sollte das Tor treffen
  • Sturmschäden in Deutschland: Amateurvideos zeigen Unwetter