16.09.2017

LeitkulturAstrologen

Alexander Osang über die Unergründlichkeit der Kanzlerin und anderer Ostdeutscher
Ich habe in letzter Zeit einige Interviews zur rätselhaften Angela Merkel gegeben, obwohl ich sie auch nicht verstehe. Im Dokumentarfilm "Die Unerwartete" war ich kurz zu sehen, allerdings nur ganz am Anfang, als es um die ersten Jahre Angela Merkels in der Politik ging. Meine Erklärungsversuche zur späten Angela Merkel schienen die Filmemacher nicht so überzeugt zu haben. Diese Phase ihrer Karriere kommentierte vor allem der Kollege Heribert Prantl von der "Süddeutschen Zeitung", ein leidenschaftlicher Erklärer deutscher Zustände. Ich saß vorm Fernseher und wartete auf meinen nächsten Auftritt, aber es erschien immer nur Prantl und sagte, was los ist, mit Angela Merkel und mit Deutschland.
Ich war erst enttäuscht, aber am Ende begriff ich die Auswahl.
Ich habe Schwierigkeiten, die deutsche Seele und die deutsche Politik zu erklären, oft verstehe ich nicht mal mich selbst. Allerdings arbeite ich im Erklärungsgewerbe, da muss man Zugeständnisse machen. Erst recht, wenn man freundlich gefragt wird, noch dazu von ausländischen Kollegen. Der Bedarf an Erklärungsversuchen zu Angela Merkel ist auch im Ausland hoch.
Im vorigen Jahr erklärte ich Angela Merkel an der New York University, davor den Engländern. Die Kollegen der BBC interviewten mich im Café Sybille. Das liegt auf der Karl-Marx-Allee und sieht so aus, wie sich England den Osten vorstellt und ich mir inzwischen auch. Wenn sich die Klischees mit den Erinnerungen decken, ist die Einheit vollzogen. Das Gespräch fand auf Englisch statt, was dem Ganzen eine angenehm absurde Note gab. Ostthema, Ostkulisse, Ostpersonal, Ostzeitzeuge, aber alles auf Englisch. Es erinnerte an das Musical "Cabaret" oder an die Serie "The Americans", die von zwei sowjetischen Spionen in Washington handelt, die nie Russisch sprechen, nicht mal, wenn sie zusammen im Bett liegen. Einer der Spione wird von einem walisischen Schauspieler dargestellt, der alle Kraft darauf verwenden muss, einen amerikanischen Akzent hinzubekommen. So in etwa fühle ich mich als Erklärer von Angela Merkel. Ein Welshman auf der Weltbühne.
Das letzte Merkel-Interview gab ich vor drei Wochen dem sehr netten Deutschlandkorrespondenten der "Irish Times". Ich erzählte ihm, dass Angela Merkel offenbar immer weniger Menschen traue. Er zitierte mich in seinem Text mit den Worten, dass ich mich fühle wie ein Sternedeuter. Damit kann ich leben. Merkels Astrologe.
Vor wenigen Tagen fragte mich dann eine SPIEGEL-Kollegin, wieso der Osten so wütend sei. Ich saß an einem Konferenztisch in Hamburg und hörte mir beim Antworten zu, was nie ein gutes Zeichen ist. Eigentlich habe ich keine Ahnung. Ich glaube aber nicht, dass ganze Landstriche wütend sind. Ich bin manchmal wütend, zum Beispiel nach einem Doppelfehler beim Tennis. Aber das sagte ich nicht. In den Tagen darauf erschienen jede Menge Texte, die die Wut des Ostens beschrieben, auch im SPIEGEL. Ich dachte darüber nach, ob ich das hätte verhindern können. Das ist ein typischer Ostgedanke, glaube ich. Immer ein bisschen spät dran.
Am Tag nach der Konferenz, die über die Temperamente der Ostdeutschen rätselte, las ich im Newsletter einer Kollegin, dass sie in kleiner Runde die Frage diskutiert hätten, wieso so wenige Journalisten in den überregionalen Medien aus dem Osten stammten.
Schade, dass ich nicht zu der Runde gehörte, denn darauf hätte ich eine Antwort gehabt.
In der Republik im Osten gab es lange Jahre keinen wirklichen Journalismus, die Journalisten, die dort ausgebildet wurden, waren vor allem Parteiarbeiter. Sie sollten nicht die Wirklichkeit beschreiben, sondern eine Art sozialistische Idealwelt. Als dann plötzlich Journalismus gefragt war, waren viele von ihnen nicht bereit, schämten sich oder hatten Angst, enttarnt zu werden, als was auch immer. Manche ostdeutschen Journalisten, die die Wende überlebten, kauften sich einen Westanzug und verwischten ihre Spuren, andere hatten keine Lust mehr auf Zugeständnisse und Kompromisse, sie wollten sich nicht mehr sagen lassen, wohin die Reise geht. Sie misstrauten Karrieristen, Konferenzen und Netzwerken. Sie suchten nach Nischen, in denen man sie in Ruhe ihre Arbeit machen ließ. Sie scheuten Verantwortung, Massenaufläufe und gaben ihre Erfahrungen an die nachwachsende Ostgeneration weiter.
Die westdeutschen Kollegen bestaunten unsere Lebenswege, wie man Katzen bestaunt, die aus der Fremde allein nach Hause finden. Aber es blieben weiße Stellen, es blieb Misstrauen. Man setzte lieber einen durchschnittlich begabten Westkollegen oder einen Soldaten ohne Vergangenheit ins System als eine der unberechenbaren Ostkatzen. Der Durchschnitt ist auf Netzwerke angewiesen. Alles soll so bleiben, wie es ist. Das ist meine Antwort. Beinahe.
Vor ein paar Jahren bekam ich das Angebot, Chefredakteur einer Tageszeitung zu werden, die man fast überregional nennen kann. Ich wollte es eigentlich nicht, aber ich hatte das Gefühl, endlich auch mal mitmachen zu müssen, um nicht als ewiger Nörgler ins Grab zu fallen. Ich habe mich mit vielen Leuten beraten, denen ich vertraute, ich habe hin und her überlegt. Am Ende habe ich abgesagt.
In den Tagen, als ich mich mit der Entscheidung herumschlug, bewarben sich zwei der Kollegen, die ich um Rat gefragt hatte, auf die Stelle, die mir angeboten worden war. Sie hatten mir beide abgeraten. Sie kamen beide aus dem Westen. Seitdem traue ich bei wichtigen Entscheidungen eigentlich nur noch meiner Frau.
Wahrscheinlich ist mir Angela Merkel gar kein so großes Rätsel.
Von Alexander Osang

DER SPIEGEL 38/2017
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