16.09.2017

Magische Momente„Es war ein Nervenspiel“

Der ehemalige Tennisprofi Eric Jelen, 52, über einen dramatischen Abstiegskampf im Davis Cup
SPIEGEL: Vor 30 Jahren gewann Deutschland 3:2 im Abstiegsduell gegen die USA. Wie haben Sie die aufgeheizte Atmosphäre im amerikanischen Hartford in Erinnerung?
Jelen: Die über 15 000 Zuschauer waren wie elektrisiert. Bei meinem Match gegen Tim Mayotte ging es ja noch, aber bei John McEnroe gegen Boris Becker war die Stimmung – sagen wir – grenzwertig.
SPIEGEL: Wie meinen Sie das?
Jelen: Jeder Fehler von Boris wurde bejubelt, auf der Teambank putschten die Doppelspezialisten Ken Flach und Robert Seguso die Menge auf – es herrschte eine Anspannung, die mit Worten kaum zu beschreiben ist.
SPIEGEL: Nach rund sechseinhalb Stunden siegte Becker mit 4:6, 15:13, 8:10, 6:2, 6:2.
Jelen: Was beide damals leisteten, war phänomenal. Boris war auch mental irrsinnig stark. Die extreme Situation schien ihn besonders zu motivieren. Als er nach dem Sieg eine Ehrenrunde mit der Deutschlandfahne lief, zollten ihm sogar patriotische Amis Respekt.
SPIEGEL: Das US-Team hielt sich damals für unschlagbar, aber Sie bezwangen Mayotte gleich zum Auftakt.
Jelen: Ich stand in der Weltrangliste auf Nummer 68, Mayotte war über 50 Plätze vor mir. Als er nach dem vierten Satz spürte, dass ihm das Spiel entglitt, war es schon zu spät. Es war ein Nervenspiel mit Happy End.
SPIEGEL: Becker holte den nötigen dritten Punkt gegen Mayotte. Der Abstieg aus der Weltgruppe war verhindert, ein Jahr später gewann Deutschland erstmals den Davis Cup. Gab der Sieg von Hartford Rückenwind?
Jelen: Es war ein Schlüsselereignis. Und wer weiß, ob Boris im Falle eines Abstiegs mit uns in der zweiten Division gespielt hätte.
SPIEGEL: Wahrscheinlich hätte ihm sein Manager abgeraten.
Jelen: Boris hätte sich von keinem Manager der Welt verbieten lassen, im Davis Cup anzutreten. Deshalb finde ich die Absage von Alexander Zverev für das Abstiegsspiel gegen Portugal auch unverständlich. Vielleicht kenne ich nicht alle Interna, aber vor so einer entscheidenden Partie abzusagen, weil einem der Boden nicht in den Kram passt – dafür habe ich beim besten Willen kein Verständnis.
Von Pk

DER SPIEGEL 38/2017
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