16.09.2017

MuseenMorgen im Nirgendwo

Futurium heißt ein neuer Veranstaltungsort in Berlin, er soll die Zukunft zeigen. Was soll daraus werden: Träumerei oder öde Technikschau?
Die Zukunft ist auch nicht mehr das, was sie einmal war. Früher spielte das Morgen vor allem zwischen den Buchdeckeln abgefingerter Science-Fiction-Romane. Dem Gestern hingegen widmete man ganze Paläste, allein Berlin zählt mehr als 170 klassische Museen und Sammlungen.
Mit dem Futurium soll nun das Morgen eine Heimstatt bekommen. Woher kommen wir, diese Frage will das "Zukunftsmuseum" am Berliner Hauptbahnhof nach vorn drehen: Wohin wollen wir?
"Wir bauen hier eine Zukunftsbühne, ein Forum, ein Labor", schwärmt Stefan Brandt beim Rundgang durch die Baustelle, der Museumschef schlängelt sich um Leitern, Werkzeug, Kabelknäuel.
Improvisation sieht Brandt, 41, als seine Stärke, das habe er in seiner Heimatstadt gelernt, als die noch in einem Land der Vergangenheit lag, in der DDR. Brandt studierte Gesang, trat auf, dann jobbte er bei der Unternehmensberatung McKinsey, schließlich sanierte er, als Geschäftsführer, die Hamburger Kunsthalle. Diesen Sonnabend eröffnet er das Futurium mit einem Tag der offenen Tür – einer Art Sneakpreview, bevor das voraussichtlich 58 Millionen Euro teure Haus im Jahr 2019 vollständig eröffnet werden soll.
Das Futurium liegt eingekastet zwischen allerlei Sachzwängen – auch architektonisch. Auf der einen Seite wird es überschattet von der mächtigen Fassade des Bundesministeriums für Bildung und Forschung (BMBF), das auch die Miete für das Museum zahlt. Hinter ihm kreischen S-Bahnen über einen Viadukt, und der Blick zum Bahnhof ist verbaut durch einen breitbrüstigen Betonwürfel.
Drinnen präsentiert das Haus ganz andere Perspektiven: Weit öffnet sich das Foyer, in einem Veranstaltungssaal finden 600 Besucher Platz. Das Obergeschoss bietet einen erhebenden Panoramablick über die Spree zum Kanzleramt, im Keller sollen große und kleine Kinder die Zukunft zum Anfassen serviert bekommen: Roboter basteln, 3-D-Drucker erkunden. Auch das Dach mit seinen Solaranlagen ist begehbar.
Karlheinz Steinmüller, Zukunftsforscher und Science-Fiction-Autor, findet das Futurium zum Teil "ein wenig langweilig". Immerhin, das Praxislabor im Tiefgeschoss sei eine "gute und zeitgemäße Idee".
Tückisch dürfte es für das Futurium werden, die Unabhängigkeit von den Geldgebern zu bewahren – der Weg in die Zukunft verirrt sich leicht im Nirgendwo.
So verführt das Sujet zur Gedankenflucht in allzu luftige Visionen. Wie in Brasilien: Da eröffnete 2015 in Rio de Janeiro das Museu do Amanhã, ein "Morgenmuseum", es wirkt wie eine Fata Morgana am Rande des Molochs mit seinen unerbittlichen Favelas. Wie kann man dem Traum einer besseren Zukunft Leben einhauchen in einer Metropole, die viele Bürger nicht einmal mit dem Allernötigsten versorgt: menschenwürdigem Wohnraum, Nahrung, Schutz vor Verbrechen und Gewalt?
Auch das Berliner Morgenmuseum könnte als Placebo missdeutet werden. Denn wer über die Modernität und Zukunftsfähigkeit Deutschlands diskutiert, müsste eigentlich jede Debatte oder Ausstellung mit einer Wutrede über lahmes Internet und fehlende Informatiklehrer einleiten. Es gäbe Lösungen, aber Kanzlerin Angela Merkel vertagt und verschlampt das Thema seit mehr als einem Jahrzehnt.
Die Frage ist auch, wie kritisch das Futurium werden darf. Zu den Gründungsgesellschaftern gehören neben dem BMBF, der Fraunhofer- und der Max-Planck-Gesellschaft Firmen wie Siemens und Bayer. Und die Telekom, deren Kupferkabelstrategie maßgeblich dazu beigetragen hat, dass Deutschland weit abgeschlagen ist in Sachen Breitband; viel früher schon hätte umgestellt werden müssen auf Glasfaser.
In Dubai lässt sich ein weiterer Irrweg beobachten: ein Zukunftsmuseum als Kommerzschaufenster der Industrie. Das Museum of the Future soll dort ab Juni 2019 ziemlich plump "futuristische Prototypen" von "angesagten Start-ups und Technikgiganten" bewerben. Auch die Technikschau Miraikan in Tokio tappt immer wieder in diese Falle. "Das droht in naiven Technikbombast abzugleiten", warnt Matthias Horx, ein bekannter Trendforscher.
"Wir werden inhaltlich komplett unabhängig sein", beteuert Stefan Brandt und verweist auf einen hochkarätig besetzten Programmrat, zu dem auch der Klimaforscher Hans Joachim Schellnhuber, die Design-Professorin Gesche Joost und der Moderator Ranga Yogeshwar gehören.
Der Tag der offenen Tür jedenfalls verspricht eine anarchische Freude am wilden Zukunftsdenken bis in die Morgenstunden: Tanzperformances, Expertenplaudereien ("Speakdating"), ein Flugsimulator, Gladiatorenkämpfe, bei denen Roboter aus Schrottbauteilen gegeneinander antreten ("Hebocon"). Dazu heizt die Band Compressorhead ein, an der Gitarre ein Automat mit 78 Elektrofingern, am Schlagzeug ein Drummer mit vier Armen, aber ohne Hirn – Heavy Metal vom Feinsten und Gröbsten, rund zwei Tonnen schwer.
Das klingt nach einem guten Start. Aber natürlich sind Vorhersagen immer schwierig. Insbesondere, wenn sie die Zukunft von Zukunftsmuseen betreffen.

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Twitter: @hilmarschmundt
Von Hilmar Schmundt

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