16.09.2017

Nils MinkmarZur ZeitEchsen in der Kirche

Erbenheim ist ein schönes Dorf und gehört zu Wiesbaden. An diesem Septembersonntag könnte es eine Werbung für das Leben selbst sein: Familien spazieren durch die Straßen und besuchen eine Eisdiele, Rentnerinnen lehnen am Fenster und unterhalten sich über die Straße, eine deutsche Idylle. Nur im Bürgerhaus von Erbenheim ist die Welt ganz anders. Zwar scheint auch hier die Sonne herein, aber die wahrgenommene Lage ist finster und wird noch finsterer. Hier tagt heute die Alternative für Deutschland. Redner von auswärts sind gekommen, um den örtlichen Kandidaten zu unterstützen: Leif-Erik Holm aus Mecklenburg-Vorpommern, Marc Jongen aus Baden-Württemberg und Guido Reil aus Essen. Den kenne man aus der ARD-Sendung "Hart aber fair", wird stolz erklärt, diese Sendung ist diesen Leuten sehr wichtig. Die Redner ziehen zur Musik eines alten Hits ein: "The Final Countdown" von der Band Europe.
Keiner verspricht hier irgendetwas, kein Gesetz und kein Geld. Die sogenannten Sorgen und Nöte der Wähler spielen keine Rolle. Rente, Bildung, Mietkosten – das findet hier nicht statt. Es geht um Gefühle, um eine Weltsicht, um Kultur. Holm und Jongen bringen ihr übliches Programm. Gender, Flüchtlinge, Islam, Özoğuz und Kriminalität. Aber nichts davon begeistert oder entflammt den Saal so wirklich. Wiesbaden lebt seit Jahrzehnten auch davon, dass Großfamilien aus den Golfstaaten und aus Saudi-Arabien zu medizinischen Behandlungen oder zur Kur anreisen. Da ist kein Hass zu schüren. Unruhig wird der Saal bei einem einzigen Punkt, das ist die Erwähnung der Bundeskanzlerin. Nun verzerren sich Gesichter in Abscheu und Enttäuschung. Die konservative Kanzlerin hat das Land nicht geschützt, hat andere Menschen den Bürgern hier vorgezogen. Marc Jongen, der Philosoph der Truppe, nennt sie die unmütterlichste Mutter, eigentlich eher eine böse Stiefmutter. Dann erwähnt er den Artikel 1 des Grundgesetzes. Auf ihn würden sich jene berufen, die meinen, man müsse den Flüchtlingen helfen. Und dann fügt er an, nun wütend, der Artikel würde nicht beinhalten, dass die Würde des deutschen Menschen mit Füßen getreten werden dürfe. Er liefert weder Belege noch Begründungen. Das ist nicht populistisch, sondern schwarze Romantik, ein Reden ohne Möglichkeit zur argumentativen Antwort. Ein Türöffnerdiskurs: Ein weiterer Redner könnte nun darlegen, dass Echsen in Menschengestalt die katholische Kirche unterwandert hätten. Allen ist mitgeteilt worden, dass es fundamental und existenziell schiefläuft. So schief, dass es keine politische Macht richten kann, denn es gäbe ja keine Kriterien für Erfolg oder Misserfolg. Wann wird die Menschenwürde der Deutschen im eigenen Land nicht mehr mit Füßen getreten werden? Es ist schon jetzt nicht der Fall. Als Reaktion auf solch eine beschworene kosmische Ungerechtigkeit aber ist jedes Mittel recht, ist jedem alles erlaubt.
So öffnen die Herren Holm und Jongen an einem sonnigen Septembersonntag in der lieblichen Provinz, in der es den Leuten gut geht, seelenruhig das Tor zur Hölle.
An dieser Stelle schreiben Nils Minkmar und Elke Schmitter im Wechsel.
Von Nils Minkmar

DER SPIEGEL 38/2017
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