16.09.2017

KinoTraumpaar im Schlachthaus

Als der Eiserne Vorhang fiel, war die Ungarin Ildikó Enyedi ein junger Regiestar – und verschwand. Nun ist sie mit dem Berlinale-Siegerfilm „Körper und Seele“ glorios zurückgekehrt.
Sigmund Freud ging selten und ungern ins Kino, und doch sind das Handwerk von Seelendoktorei und Traumdeutung und das Filmgewerbe Geschwister. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts wurden sie fast zur gleichen Zeit in die Welt gesetzt. Schon früh hat man das Gemeinschaftserlebnis im finsteren Kinosaal als kollektives Abtauchen in Wunschvorstellungen und Albträume beschrieben. Der Schriftsteller Hugo von Hofmannsthal behauptete: "Was die Leute im Kino suchen, ist der Ersatz für die Träume." Und Regisseur Federico Fellini sagte mal, dass wir Menschen erst im Kino gelernt hätten, sowohl vor als auch nach dem Einschlafen zu träumen.
Die ungarische Regisseurin Ildikó Enyedi erzählt nun in ihrem Kinofilm "Körper und Seele" von einem Mann und einer Frau, die sich in ihren Nächten exakt im gleichen Traum aufhalten – wenngleich sie diesen Traum aus unterschiedlichen Perspektiven erleben. Natürlich rührt diese Geschichte an das innerste Wesen des Kinos, und man staunt darüber, dass sie nicht schon vielen anderen Filmemachern eingefallen ist. Zugleich erlebt man sie in Enyedis Film als Zauberkunststück. Der Kinozuschauer blickt auf einen verschneiten Wald, einen winterlichen Teich, einen Hirsch und eine Hirschkuh in gestochen scharfer Klarheit. Es ist ein surreales Idyll, fast ein romantisches Gemälde. Wenig später ist zu sehen, dass die beiden Menschen, die des Nachts von dieser wunderschönen Szene in freier Natur träumen, tagsüber an einem Ort der perfekt technisierten Grausamkeit arbeiten: in einem Budapester Schlachthof.
"Mein Ziel ist es, Filme zu machen, die so einfach sind wie ein Glas Wasser", sagt die Regisseurin Enyedi. Und weil ihr das gelungen ist, darf man von "Körper und Seele" sagen: Auch für Menschen, die selten und widerwillig ins Kino gehen, ist dieser Film womöglich der eine im Jahr 2017, den sie sich auf jeden Fall ansehen sollten. Weil er eine merkwürdige, hochinteressante Gegenwelt zu unserer Realität entwirft, mit großer Entschiedenheit und in hinreißenden, sorgsam komponierten Bildern. Und weil er auf sehr kluge, komische und nie naseweise Art die richtigen Fragen stellt danach, was eigentlich los ist mit den Menschen unserer Zeit.
Eine junge Frau namens Maria (Alexandra Borbély) fängt in "Körper und Seele" ihren Job als Kontrolleurin in einem Schlachthaus an. Sie hat blasse Haut und schmale Lippen, ihr Blick und ihre Bewegungen zeigen, dass sie sich schwertut im Umgang mit den Menschen. Auf die Fragen und Albereien ihrer Kollegen reagiert sie mal hilflos und mal schroff. Offensichtlich ist die mit einem außergewöhnlichen Gedächtnis gesegnete, frisch von der Universität kommende Maria eine Autistin. Als sie zum ersten Mal mit dem Finanzchef des Schlachthofs, einem stark verknitterten, sanftäugigen älteren Mann namens Endre (Géza Morcsányi) zu sprechen genötigt ist, merkt man den beiden sofort eine zaghafte Vertrautheit an. Wie Maria ist auch Endre ein Versehrter, sein linker Arm ist gelähmt. Der Versuch eines Gesprächs aber scheitert kläglich: Die Sprache ist zwischen diesen sehr ungleichen, nicht bloß durch ihr unterschiedliches Lebensalter einander fernen Menschen ein kaum taugliches Kommunikationsmittel.
Mit großer Ruhe zeigt Enyedi eine unerhörte Liebesgeschichte – vor allem aber die penibel organisierte Arbeit in einem modernen Schlachthof. Man sieht Rindern beim Warten in hell erleuchteten, gekachelten Räumen zu; man sieht Arbeiterinnen und Arbeiter mit Wasserschläuchen Blut wegspülen und mit Fleischkränen hantieren; man sieht die Schlachthausbeschäftigten in der Kantine essen und in der Zigarettenpause über ihre erotischen Abenteuer plaudern. Die Tötung der Tiere zeigt der Film nicht, der Zuschauer hört nur den Knall des Bolzenschussapparats, mit dem die Rinder umgebracht werden. Als ein neuer, junger Arbeiter (Ervin Nagy) eingewiesen wird und mit seiner Vorfreude auf das Abschlachten der Tiere prahlt, sagt man ihm streng, dass diese Mordlust gegen den Geist des Betriebs verstoße. Im Schlachthaus des effektiven Budapester Fleischkapitalismus wird rational darauf geachtet, das Vieh mit einem Minimum an Gewalt abzumurksen.
Die Wahrheit über das verborgene Band zwischen Maria und Endre kommt in "Körper und Seele" durch eine Krimihandlung zutage. Eines Tages sind größere Mengen eines Medikaments verschwunden, das die Potenz von Bullen steigern soll und für Menschen als Droge taugt. Deshalb kommen nicht nur Polizisten in den Schlachthof, sondern auch eine Psychologin sucht ihn auf. In ihren strengen Mitarbeiterbefragungen stellt sich heraus, dass Endre und Maria jede Nacht den gleichen Traum träumen, in dem er der Hirsch ist und sie eine Hirschkuh. Sehr ulkig zeigt Enyedi die Verwirrung, die diese Nachricht auslöst; den Zorn der Psychologin, die sich veräppelt fühlt; die Fassungslosigkeit der beiden Träumenden, die im Wachzustand nur in maximaler Verklemmtheit zueinanderfinden. Es dauert eine Ewigkeit, bis Maria am Kantinenbüfett ihre Wünsche aussprechen kann. "Ich könnte heute Abend bei Ihnen schlafen. Ich habe meinen Pyjama dabei."
Der Gegensatz von Technik und Natur, Imagination und Vernunft wird nie ins Allegorische übersteigert in Enyedis Film. "Ich möchte niemanden belehren. Der Zuschauer soll direkt teilhaben an dem, was der Film erzählt", sagt die Regisseurin. Selbst die Frage, ob der Mensch Fleisch essen oder sich vegetarisch ernähren soll, müsse jeder für sich entscheiden; sie wolle mit ihrem Film keineswegs Propaganda machen. Enyedi ist eine schmale Frau mit im Nacken gebündeltem Haar und wuchtiger Brille. Im Februar hat sie mit "Körper und Seele" den Hauptpreis der Berlinale, den Goldenen Bären, gewonnen. Weil der Film nun in den deutschen Kinos anläuft, ist sie für Interviews nach Berlin zurückgekehrt. Enyedi spricht in kurzen, präzisen Sätzen, denen man anmerkt, dass sie viele Jahre lang als Lehrerin an der Budapester Theater- und Filmhochschule gearbeitet hat. Sie sei kolossal überrascht worden von der Auszeichnung in Berlin, sagt sie mit einem Lächeln. "Es ist ein kleiner, keineswegs teurer Film, den wir gemacht haben. Aber für mich steckt die Arbeit von mehr als zehn Jahren darin."
Als vor fast drei Jahrzehnten der Eiserne Vorhang fiel, war die heute 61-jährige Ildikó Enyedi ein Jungstar des osteuropäischen Kinos. Mit ihrem Erstlingsfilm "Mein 20. Jahrhundert" gewann sie in Cannes 1989 die Goldene Kamera für das beste Debüt des Festivals. Kritiker aus aller Welt lobten hingerissen die erstaunliche Sicherheit und Originalität ihrer Arbeit. Auch "Mein 20. Jahrhundert" handelt von ein paar Grundgeheimnissen des Kinos, etwa von der Erfindung der elektrischen Glühbirne durch den Amerikaner Thomas Alva Edison – zugleich war der Film ein wildes, feministisches Märchen, in dem im Kindesalter getrennte Zwillingsschwestern mit dem Orientexpress am Silvesterabend 1899 nach Budapest reisen, dort Anarchistenbomben mit brennender Zündschnur spazieren tragen, reiche Lebemänner ihrer Besitztümer berauben und dem wüsten Frauenhasser Otto Weininger bei einem Vortrag aus seinem Pamphlet "Geschlecht und Charakter" zugucken.
Enyedi hatte ihr Handwerk auf der Theater- und Filmhochschule in Budapest gelernt und ging dann zum damals berühmten Béla Balázs Studio, der einzigen unabhängigen Filmfabrik im Ostblock. Sie war unbelastet von den Pressionen und faulen Kompromissen, von denen sich viele Künstler im realsozialistischen Ungarn beschmutzt fühlten. Im Filmgeschäft war sie eine von wenigen Frauen. Weil im zerfallenden Ostblock auch die Kinoproduktion in Trümmer ging, brauchte sie ein Jahrzehnt, bis sie mit "Simon der Zauberer" 1999 wieder einen großen Spielfilm zustande brachte. Im Westen hatte man Enyedi zu dieser Zeit schon weitgehend vergessen, in den deutschen Kinos wurde der Film nie gezeigt. "Ich wusste, dass mein Film gut ist", sagt Enyedi, "die Zuschauer in Ungarn mochten ihn sehr, aber die Verleiher und die meisten Kritiker haben kein Wort darüber verloren."
Viele Jahre lang feilte die Regisseurin an neuen Projekten und unterrichtete nebenher Studenten, alle größeren Filmvorhaben scheiterten. "Ich habe meinen Instinkt für Menschen ignoriert und hatte plötzlich mit wirklich üblen Leuten zu tun", sagt die Regisseurin. Umso dankbarer sei sie, dass "Körper und Seele" schließlich doch zustande kam. Als sie während der Berlinale im Februar von einer Rundfunkreporterin nach dem Bezug ihres Films auf die gesellschaftliche Situation in Ungarn gefragt wurde, antwortete Enyedi spontan, dass es "eine Schande" sei, was derzeit in ihrem Land geschehe. Zu Hause in Ungarn ergoss sich in Briefen, Anrufen und E-Mails ein Shitstorm über sie. Heute sagt Enyedi: "Ich bitte Sie zu verstehen, dass ich mich nicht noch einmal zur Politik äußern werde. Ich will weiter Filme drehen in Ungarn." Und nach einem Zögern: "Ich lebe in einem verletzten, blutenden Land."
In Ungarns Kinos war "Körper und Seele" ein großer Erfolg. Der Film zeigt die Menschenwelt als Ort der Ausgrenzung; jedes abweichende Verhalten, jede Schwäche, jedes Widerwort wird bestraft. Die Tierwelt erscheint als idyllischer Schutzraum, in dem die Hirsche trinken, den Winterwald bestaunen und einander zart beschnuppern – aber ist das mehr als ein Trugbild? Ildikó Enyedi hat natürlich Freud und C. G. Jung gelesen, und sie sagt: "In der realen Welt haben wir das Bewusstsein dafür verloren, wie wir leben sollten. Vielleicht müssen wir deshalb in unserem Unbewussten, in unseren Träumen eine Vision von diesem besseren Leben finden."
Von Wolfgang Höbel

DER SPIEGEL 38/2017
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