16.09.2017

KonzertkritikRock auf Rezept

Mit der Zeitmaschine zu den Rolling Stones – auf Krücken
Es gibt viele Gründe, Mick Jagger zu bewundern: seine Stimme, seine Unterlippe, sein Rockstar-Leben, seine Patchwork-Familie, acht Kinder von fünf Frauen. Seinen jüngsten Sohn hat er während der vorletzten Stones-Tour mit einer Balletttänzerin gezeugt; das Kind, es heißt Deveraux Octavian Basil Jagger, kam im Dezember 2016 zur Welt. Urgroßvater ist Jagger übrigens auch schon.
Ich bewundere Mick Jagger aber gerade vor allem für seinen Physiotherapeuten. Und für seinen Orthopäden, für seine Fitnesstrainer, ich habe sogar eine gewisse Ehrfurcht vor jenen Leuten, die ihn vor vier oder fünf Jahrzehnten mit Drogen versorgt haben. Alle Menschen, die sich um Jaggers Wohlergehen kümmern, einschließlich Jagger selbst, müssen Vollprofis sein, die besten der Welt.
Anders ist es nicht zu erklären, dass er beim Konzert im Hamburger Stadtpark zweieinhalb Stunden lang scheinbar mühelos über die Bühne tänzeln kann, laufen, springen und mit den Hüften wackeln, das Singen nicht zu vergessen. Vom Hals abwärts wirkt er wie ein sehr junger Mann von, sagen wir, 43 Jahren. "My Goodness", sagt Jagger an diesem Abend immer wieder, als könne er es selbst kaum glauben. Jagger ist 74.
Der Autor dieses Textes ist 43 Jahre alt. So bewegen wie Mick Jagger konnte er sich allerdings noch nie. Im Moment sogar weniger denn je.
Wer über die Stones spricht, erzählt immer auch von sich selbst. Je älter sie und ihr Publikum werden, desto weniger geht es dabei um Musik. Es geht um das eigene Älterwerden, um den Trost, dass die Stones noch immer auftreten; um die Ahnung, dass jedes Konzert ihr letztes sein könnte. Keith Richards, 73, ähnelt inzwischen Yoda, dem weisen Hutzelzwerg aus den "Star Wars"-Filmen. "What a drag it is getting old", sangen die Stones in "Mother's Little Helper". Der Song ist von 1965.
Noch vor ein paar Wochen hatte ich kein richtiges Konzert erwartet, sondern eher einen Besuch im Naturkundemuseum: zum letzten Mal in die Dinosaurierabteilung. Als Kind hatte man sich dort gefürchtet, als Jugendlicher hat man sie ignoriert. Jetzt also ein ironisch-nostalgischer Blick auf die Fossilien des Blues-Rock, verbunden mit einer Milieustudie des Publikums. Teilnehmende Beobachtung auf einem mittelguten Stehplatz, für 147 Euro. Einmal hatte ich die Stones in natura gesehen, 2008, als sie bei der Berlinale die Dokumentation "Shine A Light" vorstellten. "Laufen können sie noch", habe ich damals geschrieben.
Kleine Gemeinheiten rächt der liebe Gott angeblich sofort. Bei großen dauert es etwas länger. In meinem Fall: neun Jahre. Ein paar Tage vor dem Stones-Konzert in Hamburg hatte ich einen Unfall. Keinen so glamourösen wie einst Keith Richards, der in seiner Bibliothek von der Leiter stürzte (1998, Rippenbruch) und auf den Fidschi-Inseln von einer Palme fiel (2006, Kopfverletzung). Ich habe mir nur das linke Knie verdreht, mehrere Bänder und Sehnen angerissen, dazu ein Stauchungstrauma im Gelenk. Ja, die Stones können noch laufen. Ich gerade nur mit Krücken. Am Knie trage ich eine Hightech-Stütze, die aus einem "Terminator"-Film stammen könnte.
Wer auf Krücken unterwegs ist, reist mit einer Zeitmaschine. Sie schickt einen erbarmungslos in die eigene Zukunft. Treppenstufen verwandeln sich in Klettersteige, im Bus bietet mir eine ältere Dame ihren Sitzplatz an. Und eine Mitarbeiterin der Konzertagentur schlägt am Telefon einen therapeutischen Tonfall an. Auf Krücken zu den Stones? "Da brauchen Sie ein Attest."
Denn heutzutage wollen nicht nur fußlahme Fans zu Konzerten, sondern möglicherweise auch Terroristen. Alles, was als Waffe dienen könnte, darf eigentlich nicht mit aufs Konzertgelände. Also auch meine Krücken nicht.
Mein Orthopäde hört lieber Deep Purple. Aber auch für die Stones stellt er mir ein Attest aus: "Der Patient muss das Konzert mit Unterarmgehstützen besuchen." Ich muss!
Zwischen 82 000 Leuten bewegt man sich auf Krücken besonders vorsichtig. Doch Stones-Fans sind sehr rücksichtsvolle Menschen. Ich bin auch nicht der Einzige, der keine Hand freihat; etliche tragen in jeder Hand einen Literplastikbecher Bier.
Als es dunkel ist, werfen die Stones ihre Zeitmaschine an. Wenn man die Augen schließt, glaubt man, junge, aber unfassbar professionelle Musiker zu hören, die viel Spaß haben und noch eine große Karriere vor sich. Sie spielen die Klassiker, "Sympathy for the Devil", "Gimme Shelter", "Paint It Black", einige Songs sind über 50 Jahre alt. Aber an diesen Abend strahlen sie so viel Energie aus, als wären sie gerade erst komponiert worden. Nur einen Song im Programm kennen auch viele Fans kaum: "Dancing with Mr. D." von 1973, die Stones haben das Stück seit damals nicht mehr live gespielt. Mr. D., das ist natürlich der Tod. "And one of these days", singt Mick Jagger, "he's gonna set you free."
Mein kaputtes Bein wippt im Takt. Es geht mir schon viel besser.
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Von Martin Wolf

DER SPIEGEL 38/2017
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