16.09.2017

GESTORBENPIERRE BERGÉ, 86

Er müsse seine Finger zum Rechnen zu Hilfe nehmen, so schlecht sei er in Mathe, soll Pierre Bergé einmal gescherzt haben. Seinem Erfolg tat das keinen Abbruch: Der Manager, Mäzen, Publizist war einer der einflussreichsten und vermögendsten Männer Frankreichs. Der Sohn eines Steuerbeamten und einer Lehrerin kam mit 17 Jahren nach Paris. Er wollte Journalist werden, mit 19 gründete er seine erste Zeitschrift. Er verkehrte mit Albert Camus, Jean Anouilh, Jean-Paul Sartre; später lernte er in dem Modeschöpfer Yves Saint Laurent die Liebe seines Lebens kennen. Bergé investierte in die schönen Dinge des Lebens und in alles, was ihm wichtig war. Der Vorkämpfer für die Homo-Ehe finanzierte mehrere Magazine und unterstützte in den Achtzigerjahren seinen Freund François Mitterrand im Wahlkampf; der Präsident zeigte sich später erkenntlich, indem er Bergé zum Direktor der Opéra Bastille berief. Bergés finanzielles Engagement in gesellschaftlich und kulturell bedeutsame Projekte war immens; er förderte das Centre Pompidou und rettete die Tageszeitung "Le Monde" vor der Insolvenz. Bergé und der junge, wilde Modedesigner Yves Saint Laurent wurden 1958 ein Liebespaar. Bergé hatte Saint Laurents Genialität sofort erkannt, und ihm ist es zu verdanken, dass das Modehaus Yves Saint Laurent zu einem der bedeutendsten des 20. Jahrhunderts wurde. Bergé gab auch Geld, vor allem aber gab er dem labilen, hypersensiblen Saint Laurent Halt. Ihre Beziehung war innig und turbulent, sie dauerte fünf Jahrzehnte. Zeit seines Lebens war er ein überzeugter und überzeugender Linksliberaler, obwohl er gleichzeitig ein Vertreter der High Society war. Dabei blieb ihm die Hysterie der Modebranche immer fremd: "Ich bin in diese Welt der Mode nur wegen der Liebe geraten", sagte er 2014 in einem SPIEGEL-Gespräch. Auf die Frage, ob Yves Saint Laurent ihm fehle, antwortete er: "Jeden Tag." Die Erinnerung an ihn wird bleiben, denn Bergé hat dafür gesorgt, dass im Oktober gleich zwei Museen zu Ehren seines verstorbenen Geliebten eröffnet werden, in Paris und in Marrakesch. Pierre Bergé starb am 8. September in seinem Haus in der Provence.
Von Ks

DER SPIEGEL 38/2017
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