16.09.2017

MemoirenTochter des Tyrannen

Die Ankündigung elektrisierte Medien und Historiker: Swetlana, die einzige Tochter Stalins, war in den Westen geflohen und veröffentlichte ihre Lebenserinnerungen. Was würde die Tochter an Geheimnissen über den Mann enthüllen, der für den Tod von Millionen Menschen verantwortlich war, über den siegreichen Oberbefehlshaber im Großen Vaterländischen Krieg?
Als bekannt wurde, dass die 42-jährige Swetlana Allilujewa das Manuskript ihrer "Zwanzig Briefe an einen Freund" über Indien aus der UdSSR herausgeschmuggelt hatte, brach die "größte Schlacht in der Pressegeschichte" ("Paris-Match") aus. Überall machten "Verlage, Illustrierte und Zeitungen mobil und bewarben sich um die Abdruckrechte". Die Gebote stiegen auf Rekordhöhe, auch der SPIEGEL investierte 120 000 Dollar und stach damit den "Stern" aus. Der Einsatz war hoch, entsprechend jubelten die beteiligten Zeitungen das Buch seit Wochen in den Himmel, in der britischen Presse wurde Allilujewa-Stalina allen Ernstes mit Tolstoi und Turgenew verglichen, was angesichts der doch eher schlichten Prosa des Werks schon einer Beleidigung der Literaten gleichkam.
Tatsächlich beeindrucken die Briefe der Tyrannentochter nicht so sehr durch bis dahin ungeahnte Einsichten in das Leben des als Josef Dschugaschwili geborenen Georgiers, sondern weil man Zeuge wird, wie eine Tochter an dem Zwiespalt scheitert, zugleich dem geliebten Vater und einem Monster gerecht zu werden. Wer will es ihr verdenken.
Alle Menschen in seinem Umfeld liebten ihren Vater, und er liebte die Kinder, allen voran seine "Swetotschka". Ebenso liebten alle die "schöne, kluge, charakterfeste" Mutter Nadeschda, wie überhaupt alle in der Familie "liebenswürdig, herzlich und gütig" waren. Nur dass im Laufe der Jahre so viele Freunde und Verwandte inhaftiert oder gleich hingerichtet wurden – das war nicht schön. Aber daran war nur dieser Lawrentij Berija schuld. Stalins Geheimdienstchef wird in den Memoiren als "modernes Prachtstück von einem verschlagenen Höfling" beschrieben, als "die Verkörperung östlicher Hinterlist". Unter dem Einfluss dieses "grauenhaften, bösartigen Dämons" sei auch der Vater schuldig geworden.
Irgendwie musste sie mit all den Opfern von Stalins Terror ja umgehen: Ihr Onkel Aljoscha 1942 erschossen, Stalins Schwager Stanislaw Redens 1937 liquidiert, Onkel Paul 1938 unter mysteriösen Umständen gestorben, der enge Vertraute Bucharin als "Rechtsabweichler" 1937 liquidiert, die Tanten Anna und Marusja inhaftiert; die Liste ließe sich beliebig fortsetzen. Die Politik verfahre eben "erbarmungslos mit den menschlichen Schicksalen", schreibt Swetlana – gerade so als wären ihre Verwandten einem unerklärlichen Schicksal zum Opfer gefallen und nicht dem Vater.
Von einer "Art psychologischer Metamorphose" spricht Allilujewa, wenn sie versucht, die Taten ihres Vaters zu erklären. Ihm selbst "wäre derlei nie eingefallen", doch kaum hätte ihm ein "hinterlistiger Schmeichler" die vermeintlichen Verfehlungen selbst engster Vertrauter eingeflüstert, dann "war die Vergangenheit für ihn ausgelöscht – und daraus kam eben auch die ganze Unerbittlichkeit, Härte und Grausamkeit seines Wesens".
Auch abseits von Liquidierungen überwogen die Schatten dieser Kindheit: Mutter Nadeschda war meist abwesend, kaum konnte sich die Tochter an eine Liebkosung von ihr erinnern. Als Sechsjährige machte der Selbstmord der Mutter sie zur Halbwaise. Stalin selbst war "immer weit entfernt", kaum ein Russe wusste überhaupt, dass er verheiratet war. Als sein Sohn Jakob versuchte, sich das Leben zu nehmen, lachte sein Vater ihn aus: "Haha, danebengeschossen!" Fünf von seinen acht Enkeln hatte er in seinem ganzen Leben nicht gesehen; er habe wohl "keine Gelegenheit dazu gefunden", heißt es in Allilujewas Erinnerungen. Und doch zerriss es ihr "Herz vor Schmerz und Liebe", als der Papa 73-jährig vereinsamt in seinem Refugium in Kunzewo starb. Fast schon Ironie der Geschichte: Der einzige Arzt, dem er je vertraut hatte, sein alter Leibarzt Winogradow, saß längst ebenfalls im Gefängnis.

DER SPIEGEL 38/2017
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