23.09.2017

ReformenDas kann Schule machen !

Die Zukunft des Landes wird sich in den Klassenzimmern entscheiden, die Parteien überboten einander mit Wahlversprechen. „Weltbeste Bildung“, „Nr. 1 in Europa“? Davon ist Deutschland weit entfernt. Was schiefläuft – und wie's besser geht.
Nichts ist an dieser Schule, wie es mal war. "Aktive Naturschule Templin", so heißt sie heute, ein prächtiger Backsteinbau zwischen großen Bäumen. Die Kinder sollen hier "selbstbestimmt lernen und leben", wie es die Reformpädagogin Maria Montessori propagierte, und einmal im Jahr übernehmen sie die Macht. Vor Weihnachten bestimmt eine "Kinderschulregierung", was gemacht wird; im vorigen Jahr: Pferde malen und Schmuck basteln, töpfern und boxen, zudem Vorträge über optische Täuschungen.
Hier lernte Angela Merkel, als sie noch Angela Kasner hieß und die Schule "Erweiterte Oberschule Hermann Matern". Zumindest für diese eine Schule in Templin in der Uckermark, rund 70 Kilometer nördlich von Berlin, kann niemand behaupten, dass es keinerlei Wandel gegeben habe im deutschen Bildungssystem. Von einer polytechnischen Oberschule zu einer aktiven Naturschule, viel mehr Veränderung geht nicht.
Wie aber steht es um die anderen 33 000 allgemeinbildenden Schulen in Deutschland? Wie gut sind sie, wie modern? Wie sehr haben sie sich gewandelt, inwieweit sind sie für die Zukunft gerüstet?
In den vergangenen Wochen und Monaten haben Politiker, von rechts wie von links, wieder viel über Kitas, Schulen und Hochschulen geredet. Das Thema war ein Wahlkampfschlager, auch diesmal, die Parteien überboten einander: Bildung, mehr Bildung, noch mehr Bildung.
In den Programmen und auf den Plakaten finden sich wohlklingende Worte dazu. Das Ziel heißt dann "Nr. 1 in Europa" (SPD) oder "weltbeste Bildung für jeden" (FDP), das Mittel soll eine "Digitale Bildungsoffensive" (CDU/CSU) oder eine "Nationale Bildungsallianz" (SPD) sein. So sollen die Schulen "fit für die Zukunft" (Grüne) werden, denn "Bildung ist ein Menschenrecht" (Linke) sowie "die Supermacht des 21. Jahrhunderts" (FDP).
Das ist auch Wahlkampfgetöse, selbstverständlich, aber deshalb nicht falsch. Ein Land wie Deutschland kann sich schlechte Schulen nicht leisten. Wenige Rohstoffe und wenige Kinder, hoher Lebensstandard und hohe Ansprüche – das kann nur zusammenpassen, wenn's in den Klassenzimmern bestens läuft. Fit für die Zukunft ist Deutschland nur dann, wenn es auch seine Schulen sind.
Der "PISA-Schock" von 2001 sitzt immer noch tief. Bis dahin hatten sich die Deutschen eingeredet, dass an ihren Schulen schon alles irgendwie in Ordnung sei, besser jedenfalls als in vielen anderen Ländern. Schon damals hätte man es besser wissen können, andere Studien wie der internationale Mathematiktest TIMSS hatten es vorweggenommen, aber erst PISA machte Schlagzeilen.
Deutsche Schüler in allen getesteten Bereichen nicht mal Mittelmaß! Jeder vierte 15-Jährige kann nicht vernünftig lesen! Erfolg hängt stark von der sozialen Stellung der Eltern ab!
Seitdem ist viel passiert. Deutschland hat sich verbessert, auch in den PISA-Studien, dort landen die deutschen Schüler nun in allen Bereichen über dem Durchschnitt. Darüber muss man sich freuen, weil es besser ist als früher. Aber auch ärgern, weil es noch besser geht – und weil eine PISA-Rangliste natürlich nicht alles ist.
Ein reiches Land wie Deutschland muss sich fragen, ob es alles dafür tut, dass alle Jugendliche einen Schulabschluss erwerben. Dass alle Lehrer gute Arbeit machen können. Dass alle Behinderten die bestmögliche Bildung erhalten. Dass alle Kinder auch dann gut gefördert werden, wenn die Eltern dazu nicht fähig oder bereit sind. Dass Lehrer und Schüler sich in den Schulen wohlfühlen, weil die gut ausgestattet und in gutem Zustand sind. Dass Schule allen Beteiligten – Schülern, Lehrern, auch Eltern – Freude macht.
Ob das gelingt, entscheidet sich in jeder einzelnen Schule jeden Tag aufs Neue, es hängt an jedem einzelnen Lehrer, Rektor, Sozialpädagogen, Betreuer, Hausmeister. Doch es kommt natürlich auch auf die Bedingungen an, unter denen sie ihre Arbeit machen. Dafür sind in der Bundesrepublik die Bundesländer und die Kommunen zuständig, nicht die Bundesregierung und der Bundestag. Das ist der Schönheitsfehler vieler wohlklingender Versprechen vor dieser Wahl, sie sind teilweise nur optische Täuschungen.
Denn Bildung ist Ländersache, das gilt für die Schulen noch mehr als für die Hochschulen. So will es die Historie, so will es die Verfassung, und so wollten es auch Union und SPD, als sie das "Kooperationsverbot" in der Föderalismusreform 2006 festschrieben. Erst wenn das Verbot fiele, könnte der Bund richtig mitmischen. SPD, Linke, Grüne und FDP wollen eine solche Reform des Föderalismus, nur Union und AfD nicht.
Wenn die neue Bundesregierung an den Schulen mitreden will, wird sie sich mit den Bundesländern einigen müssen. Dann könnten alle gemeinsam die Herausforderungen angehen, vor denen die Schulen heute stehen. Welche das sind? Der SPIEGEL benennt auf den folgenden Seiten zehn große Probleme und zeigt an jeweils einem Beispiel, wie es besser laufen kann. Außerdem kommen Vertreter derjenigen Schulen zu Wort, auf denen Spitzenkandidaten der großen Parteien früher Schüler waren – darunter die Leiterin der "Naturschule" in Templin.

Ob es gelingt, hängt an jedem einzelnen Lehrer, Rektor, Hausmeister – jeden Tag aufs Neue.

DER SPIEGEL 39/2017
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