23.09.2017

AnalyseDie Gefangene

Wie das burmesische Militär Aung San Suu Kyi in die Enge treibt
Noch immer ist Aung San Suu Kyi eine Gefangene des Militärs. Davon muss man spätestens seit vergangenem Dienstag ausgehen: Da zeigte sich die mittlerweile zur De-facto-Regierungschefin aufgestiegene Bürgerrechtlerin "bestürzt über das Leid der Menschen". Damit meinte sie die mittlerweile mehr als 400 000 Angehörigen der muslimischen Minderheit im Land, Rohingya genannt, die nach Bangladesch geflohen sind. Dass diese Menschen aber davonlaufen, weil die Armee in Burma ihre Dörfer in Brand setzt – darüber verlor Suu Kyi kein einziges Wort. Warum hält die Friedensnobelpreisträgerin still, eine Frau, die 15 Jahre lang unter Hausarrest stand und noch über das verriegelte Gartentor die Menschenrechte predigte?
Die Armee hat Suu Kyi mit ihrem brutalen Vorgehen in eine Ecke gedrängt, aus der es kaum ein Entrinnen gibt. Spricht sie sich für den Schutz der Rohingya aus, riskiert sie die fragile Demokratie im Land. Denn bei der buddhistischen Mehrheit sind die Rohingya schon seit Langem verhasst. Schweigt sie hingegen weiter, wird die 72-Jährige zunehmend internationale Entrüstung entfachen – zum Gefallen des Militärs. Dessen Soldaten führen ethnische Säuberungen durch, und Regierungschefin Suu Kyi hält dafür den Kopf hin.
Die Generäle haben sich schon in der Vergangenheit als gute Taktiker erwiesen: Nach 50 Jahren Diktatur gaben sie die Kontrolle nur zum Schein ab. Tatsächlich ließen sie die Leine gerade lang genug, damit sich Suu Kyi darin verhedderte. Trotz der freien Wahl vor knapp zwei Jahren steht der Frieden auf dem Spiel, es wird gekämpft und gemordet; aus dem Ausland drohen Sanktionen.
Das ist die Situation, die das Militär gezielt provoziert hat. Nun kann es sich als Retter und Garant der Stabilität aufspielen. Die Generäle warten nur darauf, die alte Ordnung wiederherzustellen.
Von Laura Höflinger

DER SPIEGEL 39/2017
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