23.09.2017

Seuchen„Tropenkrankheiten bald auch bei uns“

Jonas Schmidt-Chanasit, 38, vom Hamburger Bernhard-Nocht-Institut für Tropenmedizin, über den aktuellen Ausbruch des Chikungunya-Fiebers in Italien. Das Virus kann neben Fieber zu monatelangen Gelenkbeschwerden führen.
SPIEGEL: Wie konnte es passieren, dass die Tropenkrankheit Chikungunya jetzt in Rom ausgebrochen ist?
Schmidt-Chanasit: Die Asiatische Tigermücke, die das Virus überträgt, kommt in Italien inzwischen flächendeckend vor, ebenso in Südfrankreich und anderen Ländern Südeuropas. So ist es ein reines Würfelspiel, welche Tropenkrankheit dort als Nächstes ausbricht.
SPIEGEL: Reicht es aus, wenn ein infizierter Reiserückkehrer aus den Tropen von den Mücken gestochen wird?
Schmidt-Chanasit: Genau – und schon kann sich das entsprechende Virus weiterverbreiten. So ist es auch schon zu Dengue-Fieber-Ausbrüchen in Südfrankreich und auf Madeira gekommen. Und sogar das Zika-Virus, das die Gehirne ungeborener Babys schädigen kann, könnte in Südeuropa auftreten.
SPIEGEL: Aber in Deutschland sind wir noch sicher?
Schmidt-Chanasit: Noch ja, aber es ist nur eine Frage der Zeit, bis auch bei uns das erste Mal eine Tropenkrankheit wie Chikungunya ausbricht. Die Tigermücke hat sich in der Region von Heidelberg und Freiburg bereits etabliert und ist dabei, sich von dort aus weiter auszubreiten. Einzelne Exemplare wurden schon in Bayern, Thüringen und im Ruhrgebiet gefunden.
SPIEGEL: Sind wir also bald ähnlich bedroht wie in Mittelmeerländern?
Schmidt-Chanasit: Nein. Ein Unterschied zu den südlichen Ländern: Der extrem heiße Sommer am Mittelmeer hat dieses Jahr dort dazu geführt, dass sich die Viren in den Mücken sehr schnell vermehren und dadurch auch leicht verbreiten konnten. Vermutlich gibt es in Italien deshalb sogar drei Ausbruchscluster gleichzeitig: neben Rom auch noch Seuchenherde in Anzio und Latina, die weiter südlich liegen. So etwas gab es vorher noch nie.
SPIEGEL: Müssen sich Touristen Sorgen machen, die in den Herbstferien nach Italien reisen wollen?
Schmidt-Chanasit: Eher nicht. Wir gehen davon aus, dass der Ausbruch im Oktober, wenn die Temperaturen ja normalerweise fallen, beendet sein wird.
Von Vh

DER SPIEGEL 39/2017
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