26.09.2017

NigeriaEin zweites Biafra

Emmanuel Ogbunwezeh, 44, Afrika-Referent der Internationalen Gesellschaft für Menschenrechte, wirft dem nigerianischen Militär Mord und Folter vor.
SPIEGEL: Im Südosten des Landes gibt es neue Forderungen nach Unabhängigkeit – dort lebt vor allem die Volksgruppe der Igbo. Was treibt sie an?
Ogbunwezeh: Die Igbo fühlen sich an den Rand gedrängt. Von den Milliardengewinnen aus dem Öl, das im Süden Nigerias gefördert wird, kommt in ihrer Region wenig an. Die jungen Leute sind arbeitslos und haben keine Zukunftsperspektive.
SPIEGEL: In der Region riefen Separatisten 1967 den Staat Biafra aus, es kam zum Krieg. Nun geht das Militär massiv gegen Biafra-Aktivisten vor.
Ogbunwezeh: Ja, es will die Bewegung im Keim ersticken und verletzt dabei systematisch Menschenrechte. Wir schätzen, dass die Sicherheitskräfte in den vergangenen zwei Jahren 300 Aktivisten der Unabhängigkeitsbewegung getötet haben. Zudem hat die Regierung jetzt auch noch eine der Igbo-Gruppen offiziell zu einer Terrororganisation erklärt – stellt sie also mit den Mördern von Boko Haram auf eine Stufe.
SPIEGEL: Gibt es für die Untaten der Armee Beweise?
Ogbunwezeh: Uns liegen zahlreiche Amateurvideos, Fotos und Augenzeugenberichte vor. Sie dokumentieren, dass die Soldaten auch Zivilisten foltern und ermorden.
SPIEGEL: Droht Nigeria auseinanderzubrechen?
Ogbunwezeh: Wenn sich der Konflikt weiter verschärft, ist das nicht ausgeschlossen. Nigeria könnte untergehen wie einst Jugoslawien.
SPIEGEL: Könnte es zu einem zweiten Biafra-Krieg kommen?
Ogbunwezeh: Ich bete, dass dies nicht geschieht. Wenn es aber dazu kommt, werden Millionen Menschen fliehen, und wir werden eine Tragödie erleben, wie sie die Welt seit dem Völkermord in Ruanda nicht mehr gesehen hat.
Von Ill

DER SPIEGEL 55/2017
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