03.01.2000

Kosovo (I):Der etwas andere Krieg

Haben deutsche Politiker alles getan, um den Krieg zu verhindern? Spielten die Nato-Bombardements dem serbischen Diktator in die Hände? Was brachte Milosevic wirklich zum Einlenken? Sieben Monate nach dem Ende der Kampfhandlungen lassen sich einige dieser Rätsel lösen. Von Erich Follath
Der Tag, an dem die amerikanische Außenministerin Madeleine Albright fast an ihrem deutschen Amtskollegen Joschka Fischer verzweifelt, ist auf dem Balkan ein ganz normaler Kriegstag: Nummer 64, der 26. Mai 1999. Fast schon Routine. Die Nato bombardiert; der serbische Diktator schwadroniert; seine Soldateska massakriert. Alles im Rahmen des alltäglichen Irrsinns, der sich im Streit um die Frage widerspiegelt: Ist es überhaupt ein Krieg?
Vor den Parlamentariern in der griechischen Hauptstadt Athen sagt an diesem Tag Gastredner Patriarch Bartholomaios I., Ehrenoberhaupt der Weltorthodoxie: "Der Krieg ist nicht das Werk vernünftig denkender, verantwortlich handelnder Menschen, sondern das Werk von geistig Gestörten." Der spanische Nato-Generalsekretär Javier Solana sieht das anders: "Aber eines muss doch allen klar sein: Dies ist kein Krieg, schon gleich gar keiner gegen das jugoslawische Volk - wenn wir den wollten, wäre alles in 24 Stunden vorbei. Es ist eine Militäroperation gegen Milosevic, um die unerträglichen ethnischen Säuberungen zu beenden und eine politische Lösung herbeizuführen."
Szenen vom 26. Mai 1999, aus dem Krieg, der keiner sein soll:
BELGRAD, FESTUNG KALEMEGDAN. Liebespaare bringen Klappstühle in den Park über der jugoslawischen Hauptstadt mit, um sich das nächtliche Bombenfeuerwerk der Nato anzusehen. "Die größte Show der Welt", sagen die Studenten. Sie haben in den vergangenen Wochen gezittert vor Angst, sich in ihren Wohnungen verkrochen, manchmal mit trotzig bedruckten T-Shirts ("Wir sind alle Nato-Ziele") die Belgrader Brücken "bewacht". Aber man gewöhnt sich an alles, sagen die Studenten. Auch an den Krieg. Und außerdem trifft die Nato - zumindest hier in Belgrad - meist punktgenau, bricht einzelne Ministerien und Militärgebäude aus den Straßenzügen wie ein Dentist faulige Zähne aus einem Gebiss. Die jungen Leute sind abgestumpft, sind zynisch geworden. Sie glauben an nichts mehr, nicht an Milosevic, nicht an den Westen. Schon gleich gar nicht an die Zukunft.
Sie rätseln, wie weit die Nato gehen will, nachdem sie nun selbst vor Fernsehstationen und Krankenhäusern nicht mehr Halt macht, in denen gerüchteweise Elitesoldaten stationiert sind. Sie fragen sich, was Präsident Milosevic noch alles einfallen wird. An diesem Nachmittag hat er drei Mitarbeiter der Hilfsorganisation Care vor ein Militärgericht stellen lassen, Verdacht auf "Spionage für die Nato". Das ist absurd, wie jeder weiß. Sucht der Diktator, den die Angriffe kurzfristig wieder populär gemacht haben, gegen den nun aber die ersten Demonstrationen angelaufen sind, neue Geiseln, wo er doch schon sein ganzes Volk zur Geisel gemacht hat?
Vor dem Bombenspektakel noch ein Spaziergang. Zum Tierpark, auf dem Gelände der Festung gelegen. Zoodirektor und Fernsehstar Vukosav Bojovic hat eine besonders hässliche Schlange, eine Boa constrictor, "Madeleine Albright" getauft und an ihrem Käfig so ausgewiesen, ein breitmäuliges Schimpansen-Weibchen "Monica Lewinsky". Nun wollen alle für ein Foto mit "Albright" und "Lewinsky" posieren; Schlagerstar Lela Andric hat das schon für mehrere Magazine getan.
Und dann schlagen die Raketen ein. Vrumm. Etwa sechs Meilen von hier, sagt cool ein studentischer Experte. Wohl wieder das Benzindepot in der Radnicka-Straße. Vrumm, vrumm. Nur drei Meilen. In diese Richtung, jenseits der Save, liegt "Beograd 5" mit den Transformatoren der serbischen Elektrizitätsgesellschaft. Die Luft steht vor Schwefel, Gift, das aus den getroffenen Werken am Stadtrand aufsteigt.
Es sind diese Gerüche vor allem, die nach dem Heulen der Sirenen, nach dem Dröhnen der Bomber, nach dem Hämmern der Einschläge in der unheimlichen Stille der Nacht klarmachen: Der Krieg ist kein Videospiel. Bei aller Zielsicherheit der Nato ist es doch nicht ganz ungefährlich am "Aussichtsplatz", oben auf der Burg: Von der Wucht einer nahen Detonation ist ein altes Festungsmäuerchen eingestürzt. Die serbische Regierung registriert das als "Nato-Verbrechen an unserem Kulturerbe".
BRÜSSEL, NATO-HAUPTQUARTIER. Ein hochrangiger deutscher Diplomat, akkreditiert beim westlichen Verteidigungsbündnis, wundert sich: Gerade mal eine Sekretärin und einen Oberstleutnant hat die Bundesregierung zusätzlich nach Brüssel abgestellt - weitere Verstärkungen scheitern an der Bürokratie. Es ist Krieg, und Bonn spielt Papierkrieg.
Aber verbal geht man in die Vollen: Die rot-grüne Regierung lässt eine martialische, offizielle Stellungnahme verbreiten: "Milosevic hat nur einen Ausweg, er muss unsere Bedingungen unterschreiben." Ausgerechnet der CDU-Vorsitzende Wolfgang Schäuble, in früheren Regierungszeiten so Nato-hörig wie seine ganze Partei und von der SPD stets Nato-Treue einfordernd, geht auf Distanz zum westlichen Verteidigungsbündnis: Er habe den Eindruck, sagt der Oppositionsführer in einem Interview, die Nato habe sich "verrannt", immer mehr Bomben, das könne doch nicht die Lösung sein.
Nach 18 Uhr ist es ziemlich ruhig im Brüsseler Hauptquartier. Die Ruhe im Auge des Hurrikans. Erstaunlich, denkt der Diplomat, 80 Prozent machen nach wie vor ihren Achtstundentag, als sei nichts gewesen: Einen mittleren Beamten bringt so ein kleiner Krieg nicht aus der Ruhe. Die anderen 20 Prozent arbeiten fast rund um die Uhr. Um Mitternacht ist klar, dass die Nato am Kriegstag 64 einen neuen Tagesrekord aufgestellt hat: 741 Feindflüge ermitteln die Auswerter, 308 Piloten warfen Bomben ab. Nach Angaben des Uno-Flüchtlingswerks UNHCR hindern serbische Militärs an diesem 26. Mai etwa 15 000 Kosovaren mit Waffengewalt daran, über die Grenze nach Mazedonien zu fliehen. Menschen, die sie zuvor aus ihren Häusern vertrieben, deren Pässe, deren ganzen Besitz sie verbrannt haben.
PIACENZA, DIE NATO-LUFTWAFFENBASIS IN NORDITALIEN. Keine Spur von Rambos oder schießwütigen Top Guns. Die deutschen Flieger im Nato-Einsatz haben andere Prioritäten.
Hoffentlich wird die Geschichte eines Tages sagen, das war kein schmutziger Krieg, sondern ein gerechter Krieg, denkt Hauptmann Oliver P. - zwischen den Einsätzen. Wenn er in seinem ECR-"Tornado" aufsteigt und Kurs auf den Himmel über dem Balkan nimmt, ist er voll auf seinen Job konzentriert. Die Serben haben eine verdammt gute und flexibel arbeitende Luftabwehr, es gibt keinen Flug ohne feindliches Feuer. Einmal hatte der Hauptmann nur vier Sekunden für ein riskantes Ausweichmanöver, als eine Rakete auf ihn zuraste.
Die Luftwaffe stellt 14 der 48 Tornados für das Nato-Unternehmen "Allied Force". In Piacenza stationiert sind etwa 60 deutsche Piloten und Waffensystemoffiziere im Alter zwischen 26 und 41 Jahren. Sie stammen vom Jagdbombergeschwader 32 aus Lechfeld, Bayern, und vom Aufklärungsgeschwader 51 aus Jagel, Schleswig-Holstein. Mit ihren "Tornados" sollen die deutschen Flieger den Weg freimachen für die alliierten Bomber, indem sie die Radarstationen am Boden mit ihren "Harm"-Raketen ausschalten.
Auch an diesem Tag verabschiedet eine "Delegation" den Piloten Oliver und seinen Waffensystemoffizier Peter, der hinter ihm sitzt: Es ist schon Tradition, dass zu jedem Flug der Kommodore Oberst Peter Schelzig gemeinsam mit dem Pfarrer, dem Fliegerarzt, dem Psychologen und den Kameraden von der Technik zur "Flight" (Flugvorfeld) kommen. Es kann ja auch ein Abschied für immer sein.
"Während des Flugs im Feindesland ist der Adrenalinspiegel so hoch, dass man den Gedanken an den Tod in den Hintergrund drängt", sagt Hauptmann Oliver. Aber ganz weg ist dieser Gedanke nie, auch nicht an die Opfer der Bombardements. "Was da unten los ist, ahnen wir manchmal, gelegentlich können wir es mit unseren Nachtsichtgeräten ausmachen, nur selten sehen wird es genau: Rauchsäulen der von Serben abgebrannten Dörfer; Bombeneinschläge der Nato."
VALJEVO, 95 KILOMETER SÜDLICH VON BELGRAD, AMTSGERICHT. Der Bauer Mileta Krunic aus dem Dorf Jasenica gibt zu Protokoll: "Bis zum 18. Mai lebte ich mit meiner Frau Milka und meinem Sohn Miroljub in unserem gemeinsamen Haus. Gegen 12.40 Uhr hörte ich dröhnenden Flugzeuglärm, obwohl ich keine Bomber erkennen konnte. Dann sah ich plötzlich am Himmel etwas Grellweißes, in Form eines Fußballs. Das Ding schoss auf uns zu. Ich lief Richtung Scheune und schrie, rennt weg, bloß weg. Aber da unser Dorf im Krieg bis dahin kein Ziel war, erkannten meine Frau und mein Sohn die Gefahr nicht schnell genug, bewegten sich zu zögerlich. Milka war zehn Meter von mir entfernt, als sie einen direkten Treffer bekam, meinen Sohn erwischte es am Fuß."
"Sie war gleich tot, wir zogen sie aus den Trümmern und brachten sie zur Autopsie; er liegt immer noch im Krankenhaus. Mein Haus ist zerstört, ich verlor alles: den Eisschrank, den Elektrokocher, den in Deutschland produzierten Farbfernseher; und die Betten, den Ofen, das ganze Wohnzimmer mit Stühlen und Schränken. Ich wohne seitdem in der Sommerhütte eines Nachbarn. Ich beantrage hiermit Schadensersatz, wie viel, das kann ich nicht festlegen, bin kein Experte in solchen Dingen. Mein Sohn hatte übrigens 200 Deutschmark in seinem Wintermantel, den ich in dem Schutt nicht mehr finden konnte. Anderes Bargeld oder Gold besaßen wir nicht, aber die 200 Mark hätte ich gern ersetzt."
Die Aussage erhält das Aktenzeichen Kri. 96/99, es unterzeichnen neben dem Geschädigten der Richter Dragan Obradovic und die Rechtsgehilfin Svetlana Milutinovic. Bauer Krunic fährt anschließend zurück in seine Notunterkunft. An diesem Abend des 26. Mai wird er fast selbst ein Opfer der Bomben. Die Nato-Kampfflugzeuge kommen ein weiteres Mal. Sie zerstören die einige hundert Meter vom Dorf entfernte Brücke - wahrscheinlich auch das Ziel der fehlgeleiteten Bombe, die acht Tage zuvor das Bauernhaus traf.
BONN, BUNDESKANZLERAMT. Für jeden anderen Geschäftsmann wäre es, mit noch so vielen Millionen in der Hinterhand, unmöglich, an einem einzigen Tag zwei der wichtigsten Drahtzieher der deutschen Regierung zu treffen, Bundeskanzler Schröders außenpolitischen Berater Michael Steiner und Außenminister Fischers Staatssekretär Wolfgang Ischinger. Aber dieser Peter Castenfelt, schwedischer Pass, Firmenbüro im vornehmen Londoner Stadtteil Mayfair, ist alles andere als ein gewöhnlicher Im- und Exportkaufmann.
Castenfelt hat beste Kontakte zu den Mächtigen von Moskau, für die er hinter den Kulissen mehrere Milliarden-Deals mit dem Internationalen Währungsfonds eingefädelt hat. Wichtiger noch: Auch in der Belgrader Führungsspitze genießt der Mann höchstes Ansehen - als Emissär der Europäischen Union, der auf Distanz achtet zur US-Regierung und ihren CIA-Agenten.
Ins Spiel gebracht hat sich der geheimnisvolle Unterhändler selbst. Anfang April 1999 sprach er bei einer Konferenz des Ost-West-Instituts in Berlin Professor Karl Kaiser an, den Direktor des Forschungsinstituts der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik. Kaiser wird schnell klar, dass der Schwede einen "back channel", einen inoffiziellen Draht zu Milosevic, herstellen kann. Und so kommt es, dass die Herren Steiner und Ischinger ein "Hintergrundgespräch" mit dem Herrn Castenfelt führen, in dem sie ihm "unverbindlich", aber präzise, die Nato-Bedingungen für ein Ende der Bombardierungen erläutern.
Castenfelt stellt Fragen, schreibt fleißig mit. Drei Tage später fliegt er in die bulgarische Hauptstadt Sofia, wo ihn russische Geheimdienstler in Empfang nehmen und auf Umwegen nach Belgrad schleusen. Milosevic empfängt den Schweden sofort - nach Ansicht eines bei den Gesprächen anwesenden jugoslawischen Präsidentenberaters ein Treff mit weit reichenden Folgen.
Die rot-grüne Regierung hat an diesem 26. Mai aber noch andere Sorgen als den Balkan und den "operativen Nebenpfad" Castenfelt (über den sich bis heute alle Beteiligten offiziell ausschweigen): Bundesgesundheitsministerin Andrea Fischer legt einen umstrittenen Reformentwurf zur medizinischen Versorgung vor. Die Opposition spricht vom Staatsdirigismus, deutsche Mediziner drohen mit Wartelisten für Operationen. In den Abendnachrichten schlägt die Gesundheit den Krieg, in Länge und Aufmachung.
WASHINGTON, AUSSENMINISTERIUM DER VEREINIGTEN STAATEN. Madeleine Albright beruft um 16.30 Uhr Ostküstenzeit die Telefonkonferenz der "Quint" ein, der wichtigsten fünf Kriegspartner. Die Außenminister der USA, Frankreichs, Englands, Deutschlands und Italiens schalten sich Mitte Mai fast täglich zu einem solchen Meinungsaustausch zusammen.
Fischer hat darauf hingewirkt, die Italiener einzubinden, und Albright ist dem Deutschen dankbar dafür. Überhaupt lernt sie den Mann, den sie längst "Joschka" nennt, von Kriegstag zu Kriegstag mehr schätzen, obwohl er für ihren Geschmack zu wenig auf militärische Ergebnisse baut, zu sehr - und zu früh - auf Diplomatie statt auf Bomben setzt.
Der direkte Draht zum römischen Außenminister Lamberto Dini erweist sich als äußerst wichtig: Italien gilt wegen seiner fragilen innenpolitischen Konstellation und seiner Nähe zum Kriegsgebiet als einer der möglichen Schwachpunkte der Allianz. Wenn Dini wankt, und das passiert öfter, kann Albright mit Hilfe der Deutschen und Engländer Druck machen und ihn auf die gemeinsame Gangart einschwören.
Meist aber sind es die Franzosen, die jetzt in der Phase drei des Krieges, der Phase der stark ausgeweiteten Bombenziele, ein langsameres, bedächtigeres Vorgehen fordern. Paris will in alle wichtigen Kriegsentscheidungen einbezogen sein, macht sein Veto gegen einzelne Angriffe geltend. Später wird sich der französische Präsident Jacques Chirac damit brüsten, "einige wichtige Brücken in Belgrad" gerettet zu haben.
Doch in Wahrheit weiß auch er, dass der Nato-Krieg nichts anderes als ein amerikanischer Krieg mit winzigen europäischen Einsprengseln ist: Nur Washington verfügt über die nötige militärische Hardware, von der Software ganz zu schweigen. Die U. S. Air Force stellt 80 Prozent aller Flugzeuge. Und von den 1800 Bomben-Targets gibt es - laut einer hochrangigen Nato-Quelle - ein einziges, ein britisches, das nicht aus den in den USA gefütterten, in den USA kontrollierten Hightech-Computern stammt.
Jetzt hat der sonst so scharfmacherische britische Außenminister Robin Cook aus humanitären Gründen Bedenken gegen die Graphitbomben, die auch die Stromzufuhr der Krankenhäuser lahm legen. Schröder, Scharping, Fischer & Co. basteln an ihren diplomatischen Konzepten, aber halten sich mit Kritik am militärischen Nato-Vorgehen zurück. So beginnt Albright an diesem Mittwochabend, wie so oft an den letzten Abenden, mit einer Schaltung zu ihrem pflegeleichtesten Partner - nach Bonn.
Fischer meldet sich. Und dann ist Stille. Ein Seufzen. Wieder Stille. Ein Schrei.
"Joschka, are you alright?", fragt die amerikanische Außenministerin. Als Albright wieder nur ein lautes Stöhnen hört, ist sie alarmiert. "Was ist denn los in Bonn?"
Schließlich gibt ihr deutscher Amtskollege ein Lebenszeichen - mit verlegener Stimme. Er hat sich eine kurze Auszeit vom Krieg gegönnt und im Fernsehen die Schlussphase des Champions-League-Finales zwischen Bayern München und Manchester United verfolgt. Um 22.32 Uhr MEZ, als Albright anrief, fiel in der Nachspielzeit der Ausgleich durch Sheringham (Fischers Stöhnen), kaum 60 Sekunden später sogar der Siegtreffer für die Briten durch den eingewechselten Solskjaer (Fischers Schrei): Manchester United 2, Bayern München 1.
Albright äußert großes Verständnis für Fischers Fußballfieber. Die beiden unterhalten sich noch einige Minuten über große Sportereignisse, Siege und Niederlagen. Aber irgendwann, kurz vor Mitternacht an diesem 26. Mai 1999, müssen sie dann weitermachen mit dem Krieg.
Am nächsten Tag, weiß Albright, wird Milosevic vor dem Uno-Tribunal in Den Haag offiziell als Kriegsverbrecher angeklagt. Und US-Verteidigungsminister Bill Cohen sitzt schon im Flieger, unterwegs zu einem Geheimbesuch in Bonn, bei dem der kommende Bodenkrieg besprochen werden soll - oder vielmehr ein bedrohlich klingendes, vorgetäuschtes Bodenkriegs-Szenario, um den Diktator in Belgrad endlich zum Aufgeben zu zwingen.
Es dauert noch, bis die Waffen schweigen. Am 3. Juni 1999 lenkt Milosevic ein, dann braucht es Zeit, bis seine Generäle unterschreiben. Am 10. Juni endlich, nach 78 Tagen, sind die Kriegshandlungen offiziell beendet.
Die Bilanz: 38 004 Feindflüge, davon 10 484 Angriffsflüge und 23 614 eingesetzte Bomben und Raketen. Nach jugoslawischen Angaben wurden etwa 1500 Zivilisten getötet (diese Zahl sei zu hoch gegriffen, sagt die Nato), starben 576 jugoslawische Soldaten und Polizisten (diese Zahl sei zu niedrig, meint die Nato). Fest steht, dass bei den Kampfhandlungen kein einziger Nato-Pilot ums Leben kam.
Die unmittelbaren Materialkosten der Angriffe beziffert eine Studie des Finanzberatungsinstituts Salomon Smith Barney und der Geschäftsbank Merrill Lynch für die Nato-Länder auf 22,5 Milliarden Mark; die Schäden durch die Bombardements schätzt Jugoslawiens Regierung auf 190 Milliarden Mark; die EU-Kommission setzt allein für das Kosovo Wiederaufbaukosten von 70 Milliarden Mark an.
Wie unterschiedlich sich Zahlen interpretieren lassen, beweist die Nato Mitte September, als sie bekannt gibt, was nach Augenschein vor Ort wirklich an jugoslawischem Kriegsgerät zerstört wurde: 93 Panzer, 492 andere Militärfahrzeuge, 389 Artilleriegeschütze und Granatwerfer. Militärexperten sind entsetzt, denn die Nato hat weit weniger feindliches Material ausgeschaltet als erwartet - und auch entschieden weniger, als die Nato früher selbst behauptet hat: Aufwand und Nutzen der Luftangriffe klafften offensichtlich weit auseinander.
Doch der Nato-Oberbefehlshaber Europa Wesley Clark behauptet, das Wesentliche sei getroffen worden, was man am Ergebnis sehe: "Die Serben sind raus, die Nato-Einheiten sind drinnen und die Flüchtlinge zu Hause." Ach ja, sagen die Skeptiker: Es wird ja seine Gründe haben, dass Carla Del Ponte, die Chefanklägerin des Uno-Tribunals für Kriegsverbrechen, nicht nur gegen Milosevic ermittelt, sondern jetzt auch prüft, ob die Nato mit ihren Luftangriffen gegen die Genfer Konvention verstoßen hat, die den Schutz der Zivilbevölkerung garantiert. Und was ist mit dem Ideal des multi-ethnischen Kosovo, da nun bald die letzten Serben aus der Provinz vertrieben sind? Sitzt Milosevic nicht immer noch auf dem Trockenen, ungefährdet in seiner Macht, während Millionen seiner Landsleute unter den Kriegsschäden stöhnen?
Der Kosovo-Krieg ist in mehrfacher Hinsicht ein Wendepunkt der internationalen Politik. Er hat die Karten neu gemischt im Verhältnis zwischen den westlichen Partnern, gegenüber den Nichtmitgliedern - vor allem im Verhältnis zwischen Nato und Russland.
Zum ersten Mal hat das zur Verteidigung geschlossene Bündnis einen souveränen Staat angegriffen. Zum ersten Mal nach dem Zweiten Weltkrieg waren deutsche Soldaten in solche Kampfhandlungen verwickelt. Der Krieg wurde an den Vereinten Nationen vorbei geführt und das Völkerrecht dabei außer Kraft gesetzt - aus Gründen des "militärischen Humanismus", wie es der Münchner Soziologe Ulrich Beck formulierte, weil angesichts der serbischen Grausamkeiten gegen die Kosovo-Albaner nichts anderes mehr übrig geblieben sei: "Krieg als Fortsetzung der Moral mit anderen Mitteln".
Es stand, so sagten es alle Politiker, viel auf dem Spiel im Kosovo: die Zukunft des Balkans, der Zusammenhalt der Nato, das Selbstverständnis der neuen deutschen Regierung. Um die Abkehr von ihrem pazifistischen Grundmuster zu begründen, bemühten die rot-grünen Regierungsneulinge Ethos - und viel Pathos.
Außenminister Fischer, der Gewaltanwendung auf dem Balkan verdammte, als er noch kein Amt hatte: "Ich habe nicht nur gelernt: Nie wieder Krieg. Sondern auch: Nie wieder Auschwitz." Verteidigungsminister Rudolf Scharping: "Von den Serben werden Selektionen vorgenommen, und ich sage bewusst Selektionen ... Es ist wie ein Blick in die Fratze der deutschen Vergangenheit." Die Verbrechen der Nazis, jahrzehntelang wichtigste Begründung für eine besondere Friedenspflicht der Deutschen, dienten nun als Beleg für die sittliche Notwendigkeit des Krieges.
Aber haben deutsche Politiker im Vorfeld wirklich alles getan, um die Eskalation zu verhindern? Warum war die Nato-Planung so kurzsichtig, dass sie zumindest in den ersten Wochen des Krieges Milosevic in die Hände spielte? Haben führende westliche Strategen während des Bombardements hinter den Kulissen vor allem gegeneinander gearbeitet und so einen schnellen Sieg verspielt? Wurden Journalisten nicht nur von Belgrad, sondern auch von Brüssel wissentlich getäuscht?
Um die Schlüsselszenen des Krieges ranken sich Mythen. War der Raketenangriff auf die chinesische Botschaft in Belgrad womöglich doch kein Versehen? Haben die Russen in der Nacht vom 2. auf den 3. Juni Milosevic zum Einlenken gebracht, waren es die Bombenschäden, womöglich entschied ein westliches Täuschungsmanöver? Taugt der Kosovo-Krieg als Modell für künftige Nato-Interventionen, dient er Moskau als Vorbild in Tschetschenien - oder schreckt er eher ab?
Ein gutes halbes Jahr nach dem Ende der Kampfhandlungen und ohne Einblick in serbische Archive lassen sich nicht alle diese Fragen abschließend beantworten. Der SPIEGEL führte Interviews und Hintergrundgespräche mit mehr als einem dutzend kriegsentscheidender Politiker wie Militärs in Ost und West und recherchierte in Bonn, Belgrad und Brüssel, Washington und Moskau. Ein Krieg in zwölf Fragen, zwölf Antworten:
FRAGE 1: Wer waren die großen
Gegenspieler und was ihre Motive?
Was in den letzten Jahren auf dem Balkan passiert ist, lässt sich kaum begreifen ohne genaue Kenntnis dreier Schlüsselfiguren: Slobodan Milosevic, 58, Madeleine Albright, 62, und Wesley Clark, 55, haben die Ereignisse wesentlich geprägt.
Der Mann, dessen Vorname "der Freie", dessen Nachname "der Barmherzige" bedeutet, wird in Pozarevac als Sohn montenegrinischer Eltern geboren. Sein Vater, ein orthodoxer Pope, begeht Selbstmord, als Slobodan Milosevic gerade sein Jura-Studium begonnen hat; ein Jahrzehnt später nimmt sich auch die Mutter das Leben.
Der hoch begabte Einzelgänger (einzige Schwäche in der Schule: Sport) heiratet seine Kommilitonin Mirjana, die anders als er eine überzeugte Kommunistin ist und ihn innerhalb der Nomenklatura nach vorne puscht. Milosevic ist kein Ideologe, wohl auch kein glühender Nationalist: Er hat aber ein untrügliches, fast genialisches Gespür dafür, Stimmungen in der Bevölkerung zu erfühlen und sie zur Festigung seiner eigenen Macht auszunutzen. Er versteht Emotionen zu wecken, sie zu verstärken - besonders den Hass.
Nach dem Tode des Übervaters Tito ist das einstige sozialistische Musterland Jugoslawien Ende der achtziger Jahre in eine katastrophale Wirtschaftskrise geraten. Die Mehrheit der Serben macht dafür die anderen Nationalitäten im Vielvölkerstaat verantwort-
lich. Milosevic schafft den Aufstieg zum Ersten Sekretär der serbischen KP im Herbst 1987 durch seine chauvinistischen Brandreden. Vor allem im Kosovo, der ärmsten Region Jugoslawiens, heizt er den serbischen Nationalismus an. Für dieses "uralte serbische Kernland" mit dem legendären Amselfeld hätten die Vorfahren "ihr Blut gegen die Türken vergossen", ruft er aus. "Dies sind eure Häuser, eure Gärten, eure Erinnerungen!" Das Problem ist nur: Im Kosovo sind die Serben eine verschwindend kleine Minderheit.
Die Albaner haben die höchste Geburtenrate in Europa. Ihr Bevölkerungsanteil im Kosovo stieg von 60 Prozent im Jahr 1939 auf 85 Prozent Ende der Achtziger. Damals will sich noch eine Mehrheit der Kosovaren mit größerer Autonomie im jugoslawischen Staatsverband begnügen, aber Milosevics Politik radikalisiert die Bürger und treibt sie in die Illegalität:
Im Frühjahr 1989 hebt Milosevic die von Tito gewährte Autonomie der Provinz auf; in Behörden finden fast nur noch Serben eine Anstellung, die Universität von Pristina wird geschlossen, Kinder lernen Albanisch nur noch in Hinterhofschulen. Die Mehrheit der knapp zwei Millionen Kosovaren lebt zwei Leben: eines, notgedrungen, mit den serbischen Herren und ihrer Verwaltung. Das andere, mit der eigenen Volksgruppe, im Untergrund.
Die ersten Erbfolgekriege im ehemaligen Tito-Reich aber brechen anderswo aus. Im Juni 1991 erklären sich die Teilrepubliken Slowenien und Kroatien für unabhängig, auf Druck des deutschen Außenministers Hans-Dietrich Genscher hastig anerkannt von der gesamten EG; ein Jahr später folgt Bosnien-Herzegowina. Milosevic verliert die militärischen Auseinandersetzungen, die er anzettelt. Seine Aggressionspolitik isoliert ihn international und führt 1992 zu Uno-Sanktionen.
Doch im amerikanischen Dayton Ende 1995 erzielt Milosevic einen Teilerfolg - als Vertragspartner des Westens. Die von ihm unterstützten bosnischen Serben hatten einen brutalen Eroberungsfeldzug gestartet und sich, mehr noch als die Kroaten und Muslime, schlimmster Menschenrechtsverletzungen schuldig gemacht. Die Belagerung von Sarajevo und das Massaker von Srebrenica werden aber in den USA und Westeuropa den lokalen Feldherren Radovan Karadzic und Ratko Mladic angelastet, nicht ihrem Mentor in Belgrad.
Borislav Milosevic, der ältere Bruder des Präsidenten und Jugoslawiens Botschafter in Moskau, sagt: "Slobo war immer der Härteste und Rücksichtsloseste in der Familie - nicht so ein weicher Typ wie ich. Er ist so etwas wie der ideale Serbe."
Der Machtpolitiker in Belgrad verkörpert für viele Landsleute ihren nationalen Opfer-Mythos, geprägt über die Jahrhunderte: Sie glauben, sich 1389 auf dem Amselfeld "für das christliche Europa" geopfert zu haben und im Zweiten Weltkrieg im Kampf gegen den Hitler-Faschismus allein gelassen worden zu sein. Nur mit Aggressivität können sie sich gegen eine Welt wehren, die sich gegen sie verschworen hat. Der Nationaldichter Dobrica Cosic formuliert es so: "Serben verlieren im Frieden immer, was sie im Krieg gewonnen haben."
Als Slobodan Milosevic auch im Kosovo zündelt, kann das ernsthaft keinen überraschen: Es vollendet sich die Chronik eines angekündigten Krieges. Der Konflikt kehrt zehn Jahre nach den Hetztiraden am Amselfeld zu seinem Ausgangspunkt zurück. In einem seiner letzten Interviews mit westlichen Journalisten erklärt Milosevic Mitte 1996 dem SPIEGEL:
Wenn Amerika und Europa mich jetzt für einen wichtigen Partner halten, gibt es dafür wohl triftige Gründe. Keinem einzigen Krieg, den Serbien führte, hätte es ausweichen können ... (Was die Kosovaren und ihre Unabhängigkeitsbestrebungen betrifft:) Ich glaube nicht, dass irgendwo auf der Welt eine nationale Minderheit so viele Rechte genießt wie die albanische in Jugoslawien. Da könnten ja dann auch die in Südtexas lebenden Mexikaner daherkommen und den Anschluss an Mexiko fordern. Nein, dies ist unsere Angelegenheit, es wird zu keiner Internationalisierung im Kosovo kommen.
Mit der letzten Bemerkung täuscht sich der jugoslawische Präsident - wohl die gravierendste seiner vielen Fehleinschätzungen. Er täuscht sich vor allem wegen einer Frau, die in den Zeiten des Skandals um eine Praktikantin im Weißen Haus das außenpolitische Handeln der amerikanischen Weltmacht an sich gerissen hat. Der Kosovo-Krieg wird "Madeleine''s War" (so das US-Nachrichtenmagazin "Time").
Madeleine Albright ist nach 63 Amtsvorgängern die erste Frau an der Spitze des State Department. Geboren in Prag als Tochter einer jüdischen Diplomatenfamilie, wird sie von ihren Eltern katholisch erzogen. Nach dem Einmarsch deutscher Truppen 1939 emigrieren die Körbels zunächst nach London. Nach dem Krieg wird Madeleines Vater tschechoslowakischer Botschafter in Jugoslawien - sie verbringt über zwei Jahre in Belgrad. In Erinnerung bleibt ihr ein diplomatischer Empfang, bei dem sie als Elfjährige dem Staatschef Tito Blumen überreichen darf.
Nach der Machtübernahme der Kommunisten in der Tschechoslowakei sucht die Familie Asyl in den USA. Madeleine Albright, wie sie nach der Hochzeit mit einem Journalisten heißt (sie ist inzwischen geschieden, hat drei Töchter), geht nach der Promotion im Fach Staatsrecht an der Columbia University in die Politik, arbeitet in der Carter-Regierung Ende der siebziger Jahre bei ihrem Mentor Zbigniew Brzezinski, dem Sicherheitsberater des Weißen Hauses. Brzezinski war damals einer der entschiedensten Gegner der Sowjetunion und gehört heute zu den Propagandisten des amerikanischen Weltmacht-Alleinanspruchs - für den Nato-Einflussbereich hält er, über den Balkan hinaus, sogar die Kaukasus-Region mit den Ölquellen Aserbaidschans.
Präsident Bill Clinton ernennt die resolute Dame Anfang 1993 zur amerikanischen Uno-Botschafterin. Nach Clintons Wiederwahl und dem Ausscheiden Warren Christophers im State Department wird Albright im Januar 1997 US-Außenministerin. Von Anfang an entwirft sie ihre eigene Doktrin: Washington soll Führungsstärke zeigen, soll eine Mischung aus strategischen und moralischen Ansprüchen mit einem robusten Vorgehen untermauern - notfalls auch militärisch. Albright zu General Colin Powell: "Wozu haben wir all diese wunderbaren Waffen, wenn wir sie nicht einsetzen können?"
Albright sei fast verrückt geworden, dass die USA in Bosnien so lang stillhielten, erzählt eine Freundin, "aufstampfend, schnaubend wie ein festgezurrtes Pferd". In einem Top-Secret-Memorandum an den Präsidenten warnte sie 1995 vor der "Zerstörung" der amerikanischen Glaubwürdigkeit: "Dieses Durchwursteln lässt den Präsidenten schwach aussehen."
Als Washingtons Uno-Botschafterin hat sie offen ihre Skepsis gegenüber der Handlungsfähigkeit der Vereinten Nationen gezeigt und erfolgreich den als USA-Kritiker verschrienen Generalsekretär Butros Butros Ghali gemobbt. Als Washingtons Außenministerin brüskiert sie dann den neuen Generalsekretär Kofi Annan, als der auf Balkan-Kompromisse drängt: "Kofi, wir brauchen keine Vermittler, die da durcheinander rennen."
Albright macht kein Hehl daraus, dass sie ihre Prägung nicht durch den Vietnamkrieg erfahren hat, sondern durch München 1938, durch das Nachgeben gegenüber dem Diktator Hitler. Appeasement ist für sie die tödlichste aller politischen Schwächen.
Wie schmerzhaft Verdrängung der Wahrheit sein kann, hat sie selbst erfahren: Ihr über alles geliebter Vater hat nie erzählt, dass die Familie jüdischer Abstammung ist, dass ihre Großeltern in Auschwitz ums Leben kamen. Hinweise darauf hat sie wohl auch selbst verdrängt. Madeleine Albright sagt, sie habe erst bei ihrer Ernennung zur Außenministerin - als fast 60-Jährige - von ihren Wurzeln erfahren.
Die Politikerin scheut sich nicht einzugestehen, dass ihre Lebensgeschichte ihre Politik beeinflusst. Milosevic ist ihr zum Erzfeind geworden, Sinnbild all dessen, was sie mit einer an Besessenheit grenzenden Entschlusskraft bekämpft. Diese Dame ist fürs Feuer - beim SPIEGEL-Interview ballt die US-Außenministerin die Fäuste, als sie sagt:
Meine Lebensgeschichte kommt mir vor wie ein Symbol des 20. Jahrhunderts, es ist die Geschichte vom Kampf gegen das Übel des Totalitarismus. Ich glaube, es ist sehr wichtig, dieses Übel früh zu bekämpfen. Ich glaube an die gerechte Anwendung von Gewalt und auch an das grundsätzlich Gute der amerikanischen Macht ... Ich denke, im Kosovo wurde (durch die Bombardierungen) etwas sehr Wichtiges erreicht, da wurde eine Botschaft formuliert, ein Signal an die Diktatoren der Welt gegeben: Schwere Verbrechen gegen die Menschlichkeit bleiben nicht ungestraft.
Wesley Clark, amerikanischer VierSterne-General und Nato-Oberbefehlshaber in Brüssel, erweist sich für die knallharte US-Außenministerin als Glücksfall. Im Pentagon, wo während des Balkankonflikts die Falken in der Minderheit sind, hat der Eigenwillige dagegen wenig Freunde.
Er wächst auf als Sohn jüdisch-russischer Einwanderer in Arkansas, wo Bill Clinton später Gouverneur wird. Er studiert wie Clinton als Rhodes-Stipendiat im britischen Oxford. Da enden die Parallelen: Während sich Clinton vor dem Vietnamkrieg drückt, wird Clark, jahrgangsbester Absolvent der Militärakademie West Point, in den Dschungeln Indochinas schwer verwundet. Nach seiner Genesung macht er schnell Karriere: In Deutschland dient er 1976 bei der 1. Panzerdivision, 1978 erstmals im Brüsseler Nato-Hauptquartier. Durch seine nächste Beförderung wird "Wes" Clark der jüngste Oberstleutnant der U. S. Army.
Doch da gibt es eine Geschichte, die den ewigen Musterschüler bis heute verfolgt, und sie spielt auf dem Balkan. 1994 erregt der politisch noch unerfahrene Clark Aufsehen, als er bei einem Besuch in Bosnien mit dem berüchtigten Serbengeneral Ratko Mladic die Militärmütze tauscht und eine Pistole als Gastgeschenk annimmt.
Diese Instinktlosigkeit, sein persönliches Appeasement, bereut Clark bitter, als er sehen muss, dass die Serben unbeeindruckt von Friedensgesprächen weitermorden. Er setzt fortan entschieden auf Bombardierung statt auf Fraternisierung. Er kehrt an der Seite Richard Holbrookes in das Krisengebiet zurück und fordert den Sonderbeauftragten der amerikanischen Regierung immer wieder zu Luftangriffen auf. Am 30. August 1995 starten die ersten Nato-Flugzeuge zu den Vergeltungsschlägen. Erst die Bomben bringen die bosnischen Serben und Milosevic damals an den Verhandlungstisch. Clark spielt bei den Friedensgesprächen von Dayton im November 1995 eine wichtige Rolle.
Am 1. Juli 1997 tritt Clark seinen neuen Job als Nato-Oberbefehlshaber in Europa an. Auch in dieser Funktion trifft er den jugoslawischen Präsidenten noch einige Male, telefoniert auch häufig mit ihm. "Kommen Sie, wir gehen reiten", versucht der Serbe den Amerikaner zu immer neuen Besuchen zu locken, weil er sich wohl sicher fühlt, so lange dieser Gesprächskontakt nicht abreißt. Einmal sagt Milosevic sentimental: "Ich liebe Amerika. Ich wollte, ich könnte noch einmal die Luft New Yorks atmen."
Clarks Mitarbeiter berichten, ihr Chef habe kurz vor und während des KosovoKriegs kaum mehr als drei Stunden pro Nacht geschlafen. Zur persönlichen Fitness schwimmt er: jeden Tag, ausdauernd, ein Marathonmann. Beim SPIEGEL-Interview in seinem Büro in Mons bei Brüssel zeigt der sonst so coole General Temperament. Er schneidet Milosevic-Grimassen und ahmt, wenn er den Serben zitiert, dessen Akzent nach:
Ich glaube, kein Feldherr des 20. Jahrhunderts hat seinen Gegenspieler so gut gekannt wie ich Milosevic. Wir haben weit mehr als hundert Stunden zusammen verbracht. Einmal sagte er mit seiner weichen, einschmeichelnden Stimme: ,General Clark, wir wissen, wie man mit diesen Albanern, diesem Volk der Mörder und Vergewaltiger, umgehen muss.'' So, sagte ich, wie denn? ,Drenica. Wir haben sie dort umgebracht. Es dauerte eine Weile, aber wir haben sie alle umgebracht.'' Es war gespenstisch, erinnerte an Bilder von Nürnberg 1936, den Auftritt Adolf Hitlers.
So trieb im Herbst 1998 die Entwicklung auf eine bewaffnete Auseinandersetzung zwischen der Nato und Jugoslawien zu: Milosevic glaubte nicht, dass die 19 Staaten der Nato einen gemeinsamen Feldzug gegen ihn durchhalten könnten, und fürchtete ihn nicht: Krieg war sein politisches (Über-)Lebenselixier; Albright und Clark glaubten, dass eine Lösung im Kosovo nur mehr mit Bomben zu erreichen war.
Der Countdown lief.
FRAGE 2: Wurden die Deutschen
von Washington zum
Nato-Kriegseinsatz gezwungen?
Kein westlicher Partner habe Deutschland in den Krieg gedrängt, sagt Bundeskanzler Gerhard Schröder heute: "Wir haben das aus freien Stücken getan." Das klingt gut - ist aber bestenfalls die halbe Wahrheit. Denn die amerikanische Regierung hat, zumindest beim Zeitpunkt der Entscheidung, dem deutschen Nato-Partner die Daumenschrauben angelegt.
Schröder wird am 9. Okober 1998, zwei Wochen nach der gewonnenen Bundestagswahl, mit seinem designierten Vize Fischer und dem außenpolitischen SPD-Chefdenker Günter Verheugen zur Clinton-Audienz nach Washington gebeten. Zwar hat der Sicherheitsrat der Vereinten Nationen eine Resolution verabschiedet (mit der Stimme der Russen, die Chinesen enthielten sich), die von Jugoslawien die Einstellung der wieder aufgeflammten Kampfhandlungen im Kosovo verlangt, aber der US-Präsident ist skeptisch: Militärische Vergeltungsmaßnahmen werden von der Uno nicht angedroht.
Clinton will die Zustimmung aller Nato-Partner zu Luftschlägen. Er zeigt aber für die Nöte der Neuen aus Bonn Verständnis: Eine schnelle Entscheidung sei nicht nötig. Während des Interregnums, solange Kanzler Kohl noch im Amt sei, könnten Schröder und Fischer ihre Parteien auf das Kommende vorbereiten.
Drei Tage später ist alles anders. Clintons Sicherheitsberater Sandy Berger ruft bei Verheugen in Bonn an und gibt den Deutschen 15 Minuten Zeit. Die Entscheidung sei unaufschiebbar, erklärt der Amerikaner kategorisch, weil Milosevic jede Nato-Drohung nur ernst nehme, wenn die Deutschen mit im Boot seien. Warum dieses Argument 72 Stunden früher noch nicht gegolten hat, sagt er nicht und wird er auch nicht gefragt.
Die Spitzen der noch amtierenden und der designierten Bundesregierung treffen sich zu einer hastig anberaumten Konferenz. "Ich war zum ersten Mal im Großen Kabinettssaal", erinnert sich Fischer. "Die Amis gaben uns null Möglichkeiten, noch irgendetwas zu beeinflussen. Wir hatten nun diesen Mühlstein um den Hals. Wir standen vor der Frage, ob das Experiment Rot-Grün an internationalen Konditionen scheitern sollte, bevor es überhaupt gestartet war."
Noch-Bundeskanzler Helmut Kohl beklagt den Würgegriff der Amerikaner, aber sieht keine Chance für einen deutschen Sonderweg. Ähnlich äußern sich die Spitzen der CSU und FDP. Schröder spricht von einem erzwungenen "Lackmus-Test für Bündnistreue". Fischer will seine Reaktion von Oskar Lafontaine abhängig machen - wenn der SPD-Vorsitzende nicht zustimmt, sieht der Oberrealo eine Zerreißprobe auf die Sozialdemokraten zukommen, die eine Koalition mit den Grünen unmöglich macht. "Ich weiß noch, wie ich zu ihm hinübergeschaut habe. Aber Lafontaine hat keinen einzigen grundsätzlichen Einwand gemacht und zugestimmt."
Lafontaine erinnert sich, zur Verblüffung Fischers und anderer Teilnehmer der kleinen Runde, ganz anders - er habe gewarnt und den Vorbehalt durchgesetzt, dass es vor dem Kriegseintritt einen gesonderten Kabinettsbeschluss geben müsse. Lafontaine in der Rückschau: "Als Bundeskanzler hätte ich den Beginn des Krieges aufgehalten, darauf bestanden, den Uno-Sicherheitsrat, Russland und China einzubeziehen." Als Minister, sagt er, wäre er beim Kriegsbeginn zurückgetreten.
Außenminister Fischer jedenfalls signalisiert beim dramatischen Spitzentreffen sein Einverständnis zu den Nato-Bomben - "trotz völkerrechtlicher Bedenken". Die Weichen Richtung Krieg sind damit auch in Deutschland gestellt. Die Nato-Strategie wird Anfang Oktober 1998 um den Aktivierungsbefehl ACTORD erweitert, die den Nato-Generalsekretär zum sofortigen Einsatz der Luftstreitkräfte ermächtigt.
Doch noch einmal keimt Hoffnung auf: Das Ultimatum scheint auf den serbischen Diktator Eindruck zu machen.
FRAGE 3: Lässt sich die Nato
als "Luftwaffe einer Terrororganisation" missbrauchen?
Am 13. Oktober 1998 treffen sich die Spitzen der "Kontaktgruppe" - die wichtigsten Nato-Außenminister und ihr russischer Amtskollege Igor Iwanow - in der VIP-Lounge des Londoner Flughafens Heathrow. Gastgeber Cook gibt das Wort an Albright weiter, die überlässt es dem US-Sondergesandten Holbrooke, der eben aus Belgrad eingeflogen ist.
Jeder in dieser Runde weiß, dass es zwischen Albright und Holbrooke erhebliche Spannungen gibt. Der Karrierediplomat hält sich erkennbar für den besseren Außenminister; schließlich hat er Milosevic mit Schmeicheleien und Schreikrämpfen in Dayton zum Bosnien-Friedensabkommens bewegt.
Holbrookes Gegner aber sagen, der Preis für diese Unterschrift sei zu hoch gewesen: Mit dem Abkommen wurde zwar der Krieg beendet, aber auch das Prinzip der mörderischen Vertreibungen festgeschrieben. Bosnien-Herzegowina blieb als Gesamtstaat eine Fiktion. Serben, Kroaten und Muslime zogen sich trotz formal gemeinsamer Institutionen weitgehend in die von ihnen beherrschten Zonen zurück. Diese De-facto-Teilung konnte der Kriegstreiber in Belgrad als Ermutigung verstehen - gleiches Spiel im Kosovo.
An diesem Tag in London ist von Spannungen zwischen Albright und Holbrooke nichts zu spüren. Der Belgrad-Unterhändler referiert, Albright schweigt - und die anderen kommen aus dem Staunen nicht heraus. Milosevic hat zugestimmt, seine Armee und die serbische Sonderpolizei im Kosovo zu reduzieren, die Flüchtlinge ungehindert zurückkehren zu lassen. Überwacht werden soll das aus der Luft und von 2000 Inspektoren der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) auf dem Boden - allerdings dürfen die keine Waffen tragen.
"Wenn das nicht Holbrooke mit seiner ganzen Theatralik vorgetragen hätte, wäre ein Proteststurm losgebrochen: Das war eine unsinnige, ja eine hirnrissige Idee", sagt einer, der in London dabei war (nicht der deutsche Außenminister, der vorsichtig von einer "Chance" sprach). "Unbewaffnete Kräfte, das konnte doch mit einem Mann wie Milosevic nicht gut gehen. Das erinnerte fatal an die gedemütigten, von militanten Serben an Brückengeländer gefesselten Uno-Leute in Bosnien."
Keine Seite traut der merkwürdigen Vereinbarung: Die Nato setzt ihre Vorbereitungen für Luftangriffe fort und sendet Anfang Dezember 1998 eine "Extraction Force" von 1800 Soldaten an die Kosovo-Grenze nach Mazedonien, um den OSZE-Inspektoren im Notfall nun doch militärisch beizustehen. Das serbische Militär und die Verbände einer besonders brutalen "Sonderpolizei" zerstören weiter ganze Dörfer, brennen Häuser nieder, vertreiben die Kosovaren. Die OSZE-Beobachter schauen hilflos zu und machen Notizen: Buchhalter des Grauens.
Aber wesentlich an der Eskalation beteiligt ist auch die albanische Seite, allen voran die UÇK, die "Befreiungsarmee Kosovo". Lange Zeit haben die Kosovaren auf ihren gewählten Führer Ibrahim Rugova und seine Politik des gewaltlosen Widerstands gesetzt. Doch als es Rugova nicht gelang, den Westen und die Serben davon zu überzeugen, dass ein Kompromiss für das Kosovo Teil der Dayton-Friedensregelung sein müsste, betrachteten ihn viele Albaner als gescheitert. Die militante Unabhängigkeitsbewegung UÇK gewann nach 1996 rasch Anhänger - sie "unternimmt wenigstens etwas", hieß es bei den Verzweifelten in den zusammengeschossenen, niedergebrannten Kosovo-Dörfern. Vor allem unternahm sie Anschläge: auf serbische Militärs, Polizisten, aber auch Zivilisten.
Nach den bürgerkriegsähnlichen Unruhen in Albanien Anfang 1997 kamen vermehrt Waffen und Munition über die Bergpfade. In der Nähe der grünen Grenze entstanden mit Billigung und oft sogar mit Hilfe westlicher Geheimdienste UÇK-Ausbildungslager, im Kosovo eroberte die brutale Truppe immer mehr Regionen, machte sie zu "befreiten Gebieten". Die Weltmacht USA änderte ihre Einstellung zur UÇK: Während der Balkan-Sonderbotschafter Robert Gelbard Anfang 1998 die Truppe noch als "terroristische Vereinigung" bezeichnete, ließ sich Washingtons Emissär Holbrooke im Sommer demonstrativ in der UÇK-Hochburg Junik beim freundschaftlichen Gespräch mit UÇK-Kommandeuren filmen.
Auch die UÇK hat Ende 1998 kein Interesse an einem Friedensabkommen, das nur den Status quo festigt: Am Heiligen Abend kündigt die UÇK offiziell den seit Oktober bestehenden, von den Serben wie von ihr selbst immer wieder gebrochenen Waffenstillstand.
Drei Wochen später machen OSZE-Beobachter eine furchtbare Entdeckung. In dem Dorf Racak finden sie 45 Leichen. Die ersten liegen in den Häusern, ältere Männer und Frauen. "Aber der schrecklichste Anblick bot sich uns auf dem Hügel über dem Dorf", notiert an der Seite der OSZE der britische Reporter Chris Bird. Auf dem steilen, eisigen Weg hinauf sah er einen Greis, dem fast der halbe Kopf weggeschossen war. Und dann hinter einer Wegbiegung: 19 Männer, alle in Zivilkleidung, alle von Kugeln durchsiebt, die offensichtlich aus nächster Nähe abgefeuert worden waren.
Die Leiterin einer finnischen Expertenkommission meint später, dass es sich um "ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit" gehandelt habe und dass nichts darauf hindeute, die getöteten Kosovaren seien keine Zivilisten gewesen. Der amerikanischen Zeitung "Washington Post" werden von Geheimdienstkreisen mitgeschnittene Telefongespräche aus Belgrad zugespielt. Diese Gespräche zwischen dem Vizepremier Nikola Sainovic und dem "Sonderpolizei"-Chef Sreten Lukic legen die Vermutung nahe, die Morde seien auf höchster politischer Ebene angeordnet oder zumindest toleriert worden.
Racak ist aber auch aus anderen Gründen ein Wendepunkt: Die schrecklichen Fernsehbilder gehen um die Welt, erschüttern die Öffentlichkeit in den westlichen Ländern, drängen die Politiker zum Handeln.
"Die großserbische Gewaltpolitik Milosevics konnte letztlich nur mit Waffengewalt gestoppt werden", sagt der deutsche Außenminister Fischer: "Das war richtig. Ob der Zeitpunkt und der Kriegsverlauf so richtig war, ist eine andere Frage."
Der in Belgrad geborene, in den USA lebende Schriftsteller Charles Simic sagt: "Ganz gleich, was irgendwelche Generäle oder Politiker behaupten: Bombardierung ist eine Form der kollektiven Bestrafung ... Der Diktator ist ein Verrückter. Wir wollen''s ihm zeigen, aber eine alte Dame und ein Hund sind dabei immer im Weg."
Im nächsten Heft
Das Geheimnis von Rambouillet - "Sie bombardieren uns - na und?" - Der Medienkrieg: Die Nato arbeitet mit falschen Zahlen - Zwei US-Generäle streiten um die richtige Strategie
* Am 28. Juni 1989 in Gazimestan zum 600-jährigen Jubiläum der Schlacht auf dem Amselfeld.
Von Erich Follath

DER SPIEGEL 1/2000
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