03.01.2000

BEUTEKUNSTDes Führers Goethe-Schatz

Einst Privatgeschenk für Hitler, nun fast in London versteigert: Ein wieder aufgetauchtes Stammbuch von Goethes Sohn August offenbart, skurril bis makaber, deutsche Zeitgeschichte.
Das Büchlein hat es in sich. Gleich auf der ersten Seite des goldgeprägten Kalbsleder-Bandes steht in gestochener Schrift, vom großen Klassiker selbst eingetragen: "Goennern reiche das Buch und reich' es Freund und Gespielen, / Reich es dem eilenden hin, der sich vorüber bewegt. / Wer des freundlichen Worts, des Nahmens Gabe dir spendet / Häufet den edlen Schaz holden Erinnrens dir an."
So ermunterte am "22. Nov. 1801" Vater Johann Wolfgang von Goethe, selbst Autografen-Sammler, seinen zehnjährigen Sohn zu gewissenhafter Nutzung des neuen Poesiealbums, damals feierlich "Denkmal der Freundschaft" genannt.
Zwar hatte der Dichterfürst sich im Datum vertan: Tatsächlich stammen seine Widmungsverse schon vom November 1800. Aber das störte keinen. Beflissen reichte August des Vaters Gabe herum. Und artig verewigten sich alle, alle: Großmutter Goethe in Frankfurt grüßte den "lieben Enkel", Friedrich Schiller pries den "holden Knaben", dem es vergönnt sei, sich "rühmend des Vaters zu freun". Auch Schriftzüge von Wieland, Herder, Fichte, Wilhelm von Humboldt und vielen anderen Geistesgrößen der klassischen Zeit enthält das Stammbuch, das Sotheby's-Fachleute jetzt mit Recht "eines der lebendigsten Zeugnisse des literarischen Hofes von Weimar zu Goethes Zeit" nannten.
Für geschätzte 50 000 bis 70 000 Pfund sollte die Rarität am 10. Dezember in London versteigert werden. Doch daraus wurde nichts. Buchstäblich über Nacht nahm Sotheby's das Juwel aus seiner Auktion von "Continental Books and Manuscripts". Hinter der dramatischen Aktion in letzter Stunde steckt eine selbst für Beutekunst-Experten hoch bizarre Geschichte.
Erstmals war von dem seit Kriegsende spurlos verschwundenen Kleinod am 6. Oktober 1999 in einer E-Mail die Rede gewesen. Darin bat die für Bücher und Manuskripte zuständige Londoner Sotheby's-Direktorin bei der Stiftung Weimarer Klassik um Auskunft über ein "Stammbuch August von Goethes", das "wir bis jetzt nicht haben nachweisen können".
Am 18. Oktober kam die Antwort: Vier solcher Stammbücher seien bekannt. Zwei lägen im Goethe- und Schiller-Archiv in Weimar, eins im Goethe-Museum Düsseldorf. "Das vierte wurde 1941 Adolf Hitler geschenkt und gilt seit Kriegsende als verschollen." Man habe nur noch einen Faksimiledruck.
"Da wir uns seit Jahren bemüht haben, den Aufbewahrungsort dieses Stammbuches zu ermitteln, sind wir verwundert, dass es Ihnen nun offensichtlich aus Privathand zum Verkauf übergeben worden ist", merkten die Weimarer Archivare spürbar befremdet an - und setzten die Mühlen der Länder- und Bundes-Kulturbürokratie in Gang. Ergebnis: Drei Tage vor dem Auktionstermin, am 7. Dezember, erhielt Sotheby's ein Fax des Kölner Anwalts Thomas von Plehwe.
Die deutsche Regierung (in Gestalt von Kultur-Staatsminister Michael Naumann) habe, so der Jurist, seine Kanzlei beauftragt, für eine Rückführung des Goethe-Stammbuches tätig zu werden. Das Buch sei, wie bekannt, 1941 Adolf Hitler geschenkt worden und gegen Ende des Zweiten Weltkriegs verloren gegangen. Die Bundesrepublik Deutschland sei als Nachfolger des Deutschen Reiches rechtmäßiger Eigentümer des geistesgeschichtlichen Unikats.
Belegt war der Anspruch mit Kopien von Briefwechseln zwischen Hitlers Sekretär Martin Bormann und dem Weimarer Goethe- und Schiller-Archiv. Am 15. Dezember 1941 musste Archivdirektor Hans Wahl vom "Leiter der Partei-Kanzlei" erfahren, der Führer habe entschieden, dass "das Geschenk der beiden Herren Franck in die neue Bibliothek nach Linz kommen soll". Weimar wurde "im Auftrage des Führers" mit einer Faksimile-Kopie abgefunden.
Der Archivar brachte zwar noch mutig seine "Enttäuschung darüber zum Ausdruck", dass nicht das Original ans Goethe-Nationalmuseum gehe. "Ich hoffe, daß in dieser Angelegenheit das letzte Wort noch nicht gefallen ist." Doch Bormann erwiderte knapp: "Der Führer bestimmte das Familienbuch ... für die neue Bibliothek seiner Patenstadt Linz, weil das Familienbuch ein besonderes Wertobjekt darstelle, während das Goethe- und Schiller-Archiv schon unzählige wertvolle Schätze besitze."
Wahls Ärger war trotzdem berechtigt: Fast ein Jahrhundert lang hatte das Stammbuch in Weimar gelegen, im Besitz der Familie Vulpius. Die Sippe von Goethes Frau Christiane hatte 1914 etliche ihrer Erbstücke im zentralen Manuskript-Schatzhaus der Klassiker deponiert. Erst in den mageren Jahren nach dem Ersten Weltkrieg war Nachfahre Walther Vulpius auf die Idee gekommen, das kostbare Album bei einem Antiquar in Frankfurt zu versilbern.
Durch einen Brief aus dem "Kathreinerhaus", der Hauptverwaltung einer Ersatzkaffee-Firma in Berlin, erfuhr Direktor Wahl schließlich, wo es geblieben war: "Zwei Reichsdeutsche, die im Ausland wohnen, und zwar Herr Johann Heinrich Franck, zurzeit Zürich, und Herr Hauptmann Otto Heinrich Franck, zurzeit bei der Deutschen Gesandtschaft in Bern", hatten das Bändchen im Schweizer Handel erstanden.
"Der erstere ist aus Linz gebürtig und war schon ein Mitschüler des Führers, der letztere war aus Ludwigsburg", hieß es weiter. "Beide Herren gehören der alten bekannten Familie Franck-Ludwigsburg an, deren Vorfahren in der Zeit der deutschen Freiheitskriege die deutsche Zichorienindustrie gründeten."
Die Francks hatten in Kriegs- und Notjahren große Gewinne mit Ersatzkaffee gemacht, der als Kathreiner, Caro-, Malz- oder Kneipp-Kaffee unerschwingliche echte Bohnen ersetzte. Noch immer röstet die Stammfabrik in Ludwigsburg "Landkaffee", inzwischen für den Schweizer Nestlé-Konzern.
Johann Heinrich Franck aus der Muckefuck-Dynastie also schenkte das edle Stück 1940 seinem Schulfreund Adolf. Der gab das Präsent an das "Braune Haus" in München weiter, bis er 1941 beschloss, dass es die Bibliothek des geplanten "Reichsmuseums" in Linz zieren solle, für das die Nazis bereits aus ganz Europa Kunstschätze zusammengerafft hatten.
Zuständig für den Bibliotheksbestand wurde eine Dienststelle der Parteikanzlei im Salzkammergut-Dorf Grundlsee. In einem Prunkbau, der früheren "Villa Castiglione", die ursprünglich dem Sohn eines Rabbiners aus Triest gehört hatte, residierte von 1943 an SS-Hauptsturmführer Friedrich Wolffhardt. Der hatte sich schon seit 1941 als Sonderbeauftragter für die "Neue Linzer Bücherei" unter Bormann in der Reichsleitung München verdient gemacht.
Wolffhardt, ein promovierter Germanist mit der NS-Parteinummer 5 518 820, für dessen Aufnahme in die SS (Nummer 423 191) sich deren General Karl Wolff selbst einsetzte, ließ fortan, mit allen Vollmachten ausgestattet, Bücher und Manuskripte für die Linzer Führerbibliothek requirieren und lagern: Bis 1944 etwa 40 000 Objekte, von denen ein großer Teil in der Villa selbst gehortet wurde - darunter vermutlich auch das Goethe-Stammbuch.
Als Wolffhardt im März 1945 auf eigenen Wunsch an die Front versetzt wurde, trat für die wenigen Wochen, die der Hitler-Herrschaft noch verblieben, an seine Stelle Gertraud Laurin, eine Bibliothekarin aus Graz. Der SS-Offizier hatte seine Stellvertreterin, wie eine Akte des US-Geheimdienstes OSS belegt, zuvor sogar noch der Reichsleitung vorgestellt.
In der zweiten Maiwoche zogen die Amerikaner im Ausseer Land ein, das als projektiertes Bollwerk der imaginären "Alpenfestung" ein wahres Wespennest von Partei- und SS-Filialen samt Beute war, darunter Millionen gefälschter Britenpfunde. Die GIs fanden in Salzstollen gewaltige Lager von Kunstschätzen, in Grundlsee und Umgebung auch die Büchersammlung für Linz.
In den bislang aufgefundenen Sicherstellungslisten amerikanischer Collecting Points - etwa in München - taucht das Goethe-Album nicht auf. Aber ein Report vom 4. Oktober 1945 berichtet von "1900 Büchern aus den Beständen von Göring und Hitler". Auch die Villa Castiglione wird darin erwähnt. Aber danach verlieren sich bisher die Spuren.
Zur Auktion bei Sotheby's eingeliefert wurde das Stammbuch jetzt von einer "Dame aus Österreich", die auf ihrer Anonymität beharrt. Sie habe das einzigartige Stück von ihrem Schwiegervater geerbt.
Etliche dieser Details wurden kurz vor der geplanten Versteigerung bekannt. Bei Sotheby's war die Intervention des deutschen Anwalts inzwischen an die Rechtsabteilung nach New York gemeldet worden. Deren Chef Jonathan Olsoff wandte sich an einen Mann, der dem Auktionshaus mit Beutekunst-Recherchen schon manche Mühe bereitet hat, aber als verlässlicher Kontrahent gilt: Willi Korte, der einst in Texas den Quedlinburger Domschatz aufgespürt hatte (SPIEGEL 26/1990).
Aus Berlin bekam Korte anfangs zu hören, Anwalt von Plehwe kümmere sich bereits um den Fall. Als Sotheby's jedoch die Antwort schuldig blieb, wandte sich das Staatsministerium in der Eile endlich an Korte selbst. Am Abend des 9. Dezember gab es dem Beutekunstfahnder Vollmacht zu intervenieren. Mit Hilfe des Washingtoner Anwalts Thomas Kline überzeugte Korte die Auktionatoren. Es war späte Nacht, als Olsoff die Londoner Kollegen anwies, das Stammbuch aus der für 10.30 Uhr angesetzten Auktion zu nehmen.
Gewonnen ist damit freilich nur etwas Zeit. Vier Wochen hat Sotheby's - nach Rücksprache mit der Besitzerin, die sich nur über das Auktionshaus erreichen lässt - der Bundesregierung Zeit gelassen, ihren für Fachleute kaum zweifelhaften Besitzanspruch zu untermauern. Zugleich aber müssen sich die Deutschen auch überlegen, was ihnen das Stammbüchlein wert sein kann.
In früheren Fällen dieser Art floss zuweilen etwas wie ein "Finderlohn". Doch mit einer solchen Abfindung, von der ebenfalls eingeschalteten Kulturstiftung der Länder auch in diesem Fall für möglich gehalten, schien sich zunächst weder Sotheby's noch die einliefernde Dame zufrieden geben zu wollen. Etwas näher am Marktpreis solle es schon sein.
Ob die Anbieter damit durchkommen, ist zweifelhaft, selbst wenn Deutschland innerhalb der gesetzten Frist keinen juristisch stichhaltigen Eigentumsnachweis liefern könnte. Denn öffentlich handelbar ist das Poesiealbum nun wohl nicht mehr: Legal kann niemand 1945 in den Besitz des Buches gekommen sein. Gehörte es zum Bestand des Linzer Museums, ist rechtlich die Bundesregierung zuständig. Gilt es als Eigentum Hitlers, ist der Freistaat Bayern als Erbe des Führers am Zug. Im Weimarer Archiv, wo der übrige Vulpius-Nachlass lagert, möchte man die Kostbarkeit wiederhaben.
Eine Weile könnte das Feilschen also noch dauern, bis Hitlers Gabe an Linz wieder in öffentlicher Hand ist. Dann trifft endlich ein zweites Mal ein, was der alte Dichter Goethe, der das vom Sohn liegen gelassene Büchlein 1825 in die Hände bekam, auf die Rückseite seiner Widmungsverse schrieb: "Dies Album lag so manches Jahr in Banden / Nun richtet sich's zu frischer Wandrung auf; / Von früher Welt sind Freunde noch vorhanden, / Erneue sich ein heitrer Tageslauf."
SIEGFRIED KOGELFRANZ,
JOHANNES SALTZWEDEL
Von Siegfried Kogelfranz und Johannes Saltzwedel

DER SPIEGEL 1/2000
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