03.01.2000

ZEITGESCHICHTEGrässliche Dinge

Das Dresdner Hannah-Arendt-Institut, eines der wichtigsten Forschungszentren für Zeitgeschichte in Deutschland, bringt sich durch rechtslastige Tendenzen um seinen Ruf.
Saul Friedländer, 67, Professor an der Universität von Kalifornien in Los Angeles, arbeitet eigentlich am zweiten Band seiner monumentalen Geschichte des Holocaust. Doch derzeit lenken den Geschwister-Scholl-Preisträger ständig düstere Nachrichten aus Deutschland ab.
Im Dresdner Hannah-Arendt-Institut für Totalitarismusforschung (HAIT), in dessen Wissenschaftlichem Beirat Friedländer sitzt, geht es drunter und drüber. Der Direktor Klaus-Dietmar Henke will seinen Stellvertreter Uwe Backes wegen Verharmlosung von NS-Untaten feuern, Verfassungsschutzpräsident Peter Frisch interveniert zu Gunsten des Vize; die Nachlassverwalter Hannah Arendts erwägen, den Forschern das Recht abzuerkennen, den Namen der berühmten Philosophin und Diktaturtheoretikerin zu führen.
Das 1993 gegründete Institut, das sich schnell einen Namen mit Studien zu NS- und SED-Diktatur erworben hatte, steht mancherorts im Verdacht, sich zu einem Think-Tank neokonservativer Überzeugungstäter zu entwickeln, die das Geschichtsbild des Dritten Reichs revidieren wollen. Friedländers Rückzug aus dem Institut steht deshalb bevor - ein Schritt, der das HAIT in seiner bisher so renommierten Form ruinieren würde.
Entzündet hatte sich der Konflikt an einem Streit um den Hitler-Attentäter Johann Georg Elser. Der Schreiner aus Königsbronn hatte am 8. November 1939 im Münchner Bürgerbräukeller einen Sprengstoffanschlag auf Adolf Hitler unternommen. Weil der Diktator die Versammlung 13 Minuten früher als geplant verließ, scheiterte der Plan; statt Hitler starben bei der Detonation sieben Nationalsozialisten und eine Aushilfskellnerin.
In einem Artikel, der ausgerechnet zum 60. Jahrestags des Attentats in der "Frankfurter Rundschau" erschien, bewertete Lothar Fritze, Mitarbeiter am HAIT, den versuchten Tyrannenmord in dieser Form als "moralisch nicht zu rechtfertigen". Elser, so das weltfremde Argument des Privatdozenten, hätte im Raum bleiben müssen, um unschuldige Anwesende nach der Abfahrt des "Führers" zu warnen, oder eine Anschlagsmethode wählen müssen, bei der nur Hitler getroffen worden wäre.
Auch bemängelt der Gelehrte, Elser habe 1938 als "Durchschnittsbürger" nicht erkennen können, dass Hitler einen Weltkrieg anstrebte, er habe deshalb "seine politische Beurteilungskompetenz überschritten", indem er ein solches Attentat unternahm.
Mit der Satzung des HAIT, die die Forscher verpflichtet, "das Andenken an die Opfer der NS-Diktatur und des SED-Regimes bewahren zu helfen", ist Fritzes Elser-Kritik kaum vereinbar. Doch als Institutsdirektor Henke sich in einer Presseerklärung von seinem Mitarbeiter distanzierte, stellte sich sein Vize Backes hinter den Autor - worauf Henke seinem erst seit März 1999 amtierenden Stellvertreter kurzerhand die Leitungsbefugnis entzog und seinen Rauswurf betrieb.
Doch während Beirat und Mitarbeiter für Backes' Rausschmiss votierten, holte sich Henke vom Kuratorium eine Abfuhr. Dort hat als Vorsitzender der konservative Kultusminister Matthias Rößler (CDU) das Sagen, gegen dessen Widerstand SPD-Mann Henke 1997 Institutsdirektor geworden war. Der von Rößler geförderte Backes gilt dagegen als Mann der intellektuellen "neuen Rechten". Um die PDS vom Institut fern zu halten, hat Rößler zudem Mitte Dezember handstreichartig eine Satzungsänderung durchgeboxt. Die regierende CDU stellt nun sämtliche für Landtagsabgeordnete vorgesehene Kuratoriumssitze. "Mehr Sachverstand, weniger Politik", begründete Minister Rößler den Schritt.
Beiratsmitglied Friedländer mochte vergangene Woche der desolaten Entwicklung nicht länger zusehen. In einem Fax an Rößler und Wissenschaftsminister Hans Joachim Meyer fordert er ultimativ, Backes bis spätestens zum 15. Januar zu entlassen. Ansonsten werde er an diesem Tag ausscheiden. Er billige Fritze und Backes das Recht auf freie Meinungsäußerung zu, sagt Friedländer, "aber ich möchte nicht in ihrem Umfeld arbeiten müssen".
Ein Rückzug Friedländers träfe das Institut schwer. Die Mitarbeit des renommierten Wissenschaftlers war einer der Gründe für die Dresdner Bank, das HAIT mit der Aufarbeitung der Firmengeschichte während der NS-Herrschaft zu beauftragen. Jeder vierte Wissenschaftler des Instituts arbeitet an diesem Projekt; fast ein Sechstel des Etats der Dresdner Forscher stammt von dem Geldhaus. Nach dem Abgang Friedländers wollen die Banker die Zusammenarbeit jedoch beenden.
Auch der Name des Instituts steht auf dem Spiel. Lotte Köhler, 80, Weggefährtin und Nachlassverwalterin Arendts, will den Dresdnern das Namensrecht entziehen, wenn "ganz gravierende, grässliche Dinge passieren". Ob Friedländers Rücktritt grässlich genug ist, wird die alte Dame sich nun überlegen müssen. Erst einmal ist sie in den Urlaub gefahren. AXEL FROHN,
HANS MICHAEL KLOTH
Von Axel Frohn und Hans Michael Kloth

DER SPIEGEL 1/2000
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