30.09.2017

Geld„Mehr Millionen machen“

Luis Moreno Ocampo unterhielt Briefkastenfirmen in karibischen Steueroasen. Wozu dienten sie?
Am 15. August 2012 lag der letzte Arbeitstag des Chefanklägers erst zwei Monate zurück, da gingen 50 000 Dollar auf seinem Konto bei der niederländischen Bank Abn Amro ein. Das Geld kam von einem Account in der Schweiz. Der Absender war eine Firma namens Tain Bay Corporation – und die saß rund 9000 Kilometer weiter südwestlich: in Panama.
In den folgenden Monaten floss weiteres Geld. In mehreren Tranchen wanderten 140 000 Dollar auf das Konto in den Niederlanden. Immer aus Panama, immer über die Schweiz.
Laut dem Handelsregister von Panama fungierte die Firma Furman Management als Präsident von Tain Bay. Aus Unterlagen, die der Enthüllungsplattform Mediapart zugespielt wurden und die der SPIEGEL und das europäische Recherchenetzwerk EIC auswerten konnten, geht hervor, wer wirklich hinter Tain Bay Corporation stand: Luis Moreno Ocampo und seine Ehefrau. Offenbar hatte er nach Amtsende das Bedürfnis, sein Vermögen diskret umzuschichten.
Tain Bay war nicht die einzige Briefkastenfirma von Ocampo. Die Unterlagen zeigen, dass er auch an einer Firma auf den Britischen Jungferninseln beteiligt war. Seine Frau stand offenbar zudem hinter Lucia Enterprises in Belize. Zuletzt besaß Ocampo die Firma Transparent Markets in Uruguay.
Den Dokumenten zufolge legte Ocampo Wert darauf, dass seine Offshorefirmen geheim blieben. Warum? Und woher stammte das Geld auf den Konten der Firmen?
Panama, Belize oder die Jungferninseln sind ideale Orte, um Geldflüsse zu verdunkeln und Steuern zu hinterziehen. Ocampo dürfte das selbst am besten wissen. Er war schließlich einst Präsident von Transparency International für Lateinamerika und die Karibik; die Organisation bekämpft von jeher die Heimlichtuerei von Steueroasen.
Umso überraschender mutet es an, dass ausgerechnet jemand wie Ocampo in seiner Amtszeit mit Briefkastenfirmen hantierte. Den Unterlagen zufolge stiegen der Chefankläger und seine Frau bei der Briefkastenfirma Yemana Trading ein, die auf den Jungferninseln registriert war. Verwaltet wurde die Firma von Mossack Fonseca, jener Kanzlei, deren Offshoregeschäfte unter dem Namen "Panama Papers" enthüllt wurden.
Yemana Trading besaß ein Firmenkonto bei der Genfer Filiale der Bank Crédit Agricole, wie aus E-Mails hervorgeht. Im Dezember 2009 wandte sich Ocampo an seinen Bankberater bei Crédit Agricole: "Ich würde gern einen direkten Weg finden, um im Januar Öl zu kaufen", schrieb er. Doch der Banker winkte ab. Er solle lieber in Fonds investieren, so der Mitarbeiter.
Die beiden diskutierten noch ein anderes Thema. Die Jungferninseln hatten neue Regeln erlassen, die es Inhabern von Briefkastenfirmen ab 2010 erschwerten, anonym zu bleiben. Aus E-Mails geht hervor, dass Ocampo seine Offshoregeschäfte daraufhin verlagern wollte. Die Zeit drängte, die neuen Regeln sollten schon wenige Tage später in Kraft treten. "Wir haben bis zum 31. Dezember Zeit, die Angelegenheit zu regeln", schrieb der Bankberater am 18. Dezember. Er habe den Verantwortlichen für Yemana Trading bei Mossack Fonseca kontaktiert. Um die Firma aufzulösen, sollte Ocampo die "Originalzertifikate" seiner Yemana-Aktien an Mossack Fonseca zurückschicken.
Ocampo bedankte sich und sah sich nach Ersatz um. "Ich spreche mit den Leuten von Fonseca, um eine Firma in Panama zu gründen", schrieb er an seinen Banker. "Sie sagen mir, sie können es in 48 Stunden machen." Wie es aussieht, schloss Ocampo damals die Firma Yemana auf den Jungferninseln und stieg bei Tain Bay in Panama ein.
Bei dem Gespräch in London hat der SPIEGEL den Ex-Chefermittler mit allen drei Offshorefirmen konfrontiert: Yemana Trading, Tain Bay und Lucia. Ocampo bestreitet deren Existenz nicht. "Offshorefirmen sind nicht illegal", sagt er und verweist auf das argentinische Bankensystem, wo die Einlagen der Sparer nicht sicher sind. "Ich musste mich schützen, in einem Land, wo die Banken eines Tages beschlossen, dein Geld zu nehmen. Deswegen hatte ich mein Geld außerhalb von Argentinien."
Ocampo bestreitet auf Nachfrage, dass seine Familie mit den Offshorefirmen Steuern hinterzogen habe. Er selbst habe in seiner Amtszeit seine Steuern in den Niederlanden bezahlt. Dem Strafgerichtshof habe er nichts von den Firmen gesagt, weil das Gericht "nie danach gefragt" habe. Weshalb er versuchte, die Offshoregeschäfte geheim zu halten, beantwortete Ocampo wie folgt: "Sie präsentieren die Fakten, als hätte ich etwas falsch gemacht. Ich habe nichts falsch gemacht."
Im Februar 2015 löste er Tain Bay in Panama auf. Seine Bankerin von Crédit Agricole fragte ihn, ob er nicht in Zukunft wieder die Dienste der Bank in Anspruch nehmen wolle. Ocampo antwortete, er wolle versuchen, "noch ein paar Millionen mehr zu machen". Dann komme er zurück.
Von Sven Becker

DER SPIEGEL 40/2017
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