07.10.2017

GrüneHeimat Jamaika

Die Flügel der Partei streiten wieder, diesmal geht es um ein einziges Wort – und darum, wie konservativ die Grünen sein dürfen.
Eigentlich hatte Katrin Göring-Eckardt die Grünen zur Geschlossenheit aufrufen wollen. Doch dann brauchte es nur ein Wort, um die sorgsam inszenierte Harmonie wieder einzureißen. Es ist der vergangene Samstag, die Grünen sind auf dem ehemaligen Gelände der Berliner Verkehrsbetriebe zum sogenannten Länderrat zusammengekommen. Sie wollen entscheiden, ob sie mit Union und FDP eine Regierungskoalition sondieren sollen.
Die Spitzenkandidatin steht auf der Bühne und lobt ihre Parteikollegen für die Geschlossenheit im Wahlkampf. Die sei eine "Stärke", die man auch bei den Jamaikagesprächen brauchen werde, sagt sie. Dann: Es gebe da noch etwas, sagt Göring-Eckardt, worin sich die Grünen "nicht übertreffen lassen": "Wir lieben dieses Land. Das ist unsere Heimat." Und: "Für diese Heimat werden wir kämpfen."
Es sind Sätze, wie man sie von Rednerpulten der Grünen nicht gewohnt ist, Sätze, die man eher aus dem Munde von konservativen Politikern wie Horst Seehofer erwartet. Die Empörung lässt nicht lange auf sich warten: Nach der Rede Göring-Eckardts beginnt in den sozialen Netzwerken die Debatte. Vor allem auf dem linken Flügel der Ökopartei löst der traditionell rechts besetzte Heimatbegriff schwerste Abwehrreaktionen aus. Von einem Rechtsruck der Grünen ist die Rede. "Solidarität statt Heimat", fordert die Grüne Jugend.
Das Thema Heimat ist in diesen Tagen allgegenwärtig, zuletzt stellte der Bundespräsident ihn ins Zentrum seiner Rede zum Tag der Deutschen Einheit. Aber nirgendwo ist der Begriff so umstritten wie bei den Grünen. Dürfen Grüne Heimat sagen? Diese Frage treibt die Partei vor Beginn der Sondierungen zu einer Jamaikakoalition um. Ihr Hang zur Selbstzerfleischung hat kaum nachgelassen, allen Beteuerungen im Wahlkampf zum Trotz. Bei dem Flügelstreit geht es dieses Mal nicht um Konkretes wie Auslandseinsätze, die Vermögensteuer oder den Abschied vom Verbrennungsmotor, sondern um eine Richtungsentscheidung: Wie konservativ dürfen die Grünen sein, wie links sollen sie bleiben?
Die sechs Buchstaben sind zum Sinnbild dafür geworden. An ihnen macht der linke Flügel seine Ängste fest. Die Fundis sorgen sich, dass die Realos die Partei weit in die Mitte verschieben wollen und das in der Koalition mit Union und FDP vorantreiben werden. Also sehen sie überall Gefahren, wittern Verrat. Inzwischen hat sich von Parteichefin Simone Peter über Tarek Al-Wazir bis zu Renate Künast so gut wie die gesamte Parteiprominenz in der Debatte zu Wort gemeldet.
Für die Realos passen Grüne und Heimat bestens zusammen. "Politik muss auch 'ne Idee formulieren. Eine Heimatidee. Eine Identitätsidee", sagt Robert Habeck, Umweltminister in Schleswig-Holstein und Jamaikasondierer, der schon vor Jahren ein Buch über die Vereinbarkeit von linken Überzeugungen und Patriotismus schrieb. Und Parteichef Cem Özdemir lobte demonstrativ den Bundespräsidenten, weil der am Tag der Deutschen Einheit "den Heimatbegriff positiv setzt" und "nicht denen überlässt, die unsere Republik schlechtreden und unser Land spalten".
Göring-Eckardt will mit ihrer Liebeserklärung an die Heimat nicht etwa Seehofer, sondern Alexander Van der Bellen kopiert haben, Österreichs grünen Bundespräsidenten. Der hatte seinen Wahlkampf mit großflächigen Plakaten mit der Aufschrift "Heimat" geführt, rechtfertigte sie sich mehrfach per Twitter.
Dabei hatten die Spitzenrealos mit dem Heimatbegriff eigentlich große Pläne. Sie wollten ihn zur "Klammer" für eine mögliche Jamaikakoalition machen. Heimat, so meinen sie, klinge doch friedfertig, gemütlich, gerecht, nach Bergen oder Meer, je nachdem wo man eben herkomme; nach Klima- und Naturschutz sowie Gesellschaftspolitik für die Grünen, Wirtschaftskraft, Digitalisierung und Bildung für die FDP, Vaterlandsliebe und Sicherheit für die Union.
Die Heimatgegner auf dem linken Flügel sorgen sich vor völkisch-nationalem Muff. Tatsächlich haben die Nazis den Begriff negativ geprägt – und die NPD plakatiert bis heute mit dem Slogan "soziale Heimatpartei". Auch erwies es sich als wenig hilfreich für Göring-Eckardt, dass die AfD ihre Heimatsätze sofort triumphierend weiterverbreitete. "Heimat ist ein ausgrenzender Begriff. Deswegen taugt er nicht zur Bekämpfung rechter Ideologie", twitterte die Grüne Jugend gegen Göring-Eckart. "Sprachpolizei", motzte der Realo Reinhard Bütikofer zurück.
Doch der Stellvertreterstreit um Heimat dürfte nur ein Vorgeschmack auf kommende Kämpfe sein. Ein Ende des Flügelstreits ist nicht in Sicht, im Gegenteil. Die Sondierungen der nächsten Wochen könnten zur Zerreißprobe für die Grünen werden. Monika Herrmann, Bürgermeisterin von Friedrichshain-Kreuzberg, twitterte vorsichtshalber schon einmal eine Drohung in Richtung Parteiführung: "Wenn ihr Geschlossenheit fordert, solltet ihr den Bogen nicht überspannen."

Mail: ann-katrin.mueller@spiegel.de

Die Gegner auf dem linken Flügel sorgen sich vor völkisch-nationalem Muff.

* Katrin Göring-Eckardt, Winfried Kretschmann, Cem Özdemir.
Von Ann-Katrin Müller

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