07.10.2017

Justiz„Meine liebe Angie“

Interne Dokumente zeigen: Der langjährige Chefankläger des Haager Weltstrafgerichts suchte obsessiv die Nähe von Hollywoodstars.
Luis Moreno Ocampo hatte über Jahre geprüft, ob er gegen Israel wegen mutmaßlicher Kriegsverbrechen im Gazastreifen ermitteln sollte. Am nächsten Tag wollte der Chefankläger des Internationalen Strafgerichtshofs seine Entscheidung verkünden. Doch vorher hatte er noch das Bedürfnis, sich an eine Vertraute zu wenden: Angelina Jolie.
"Meine liebe Angie", schrieb Ocampo am 2. April 2012, "ich brauche deinen Rat." Die Angriffe auf den Gazastreifen ab 2008 werde er aus formalen Gründen nicht untersuchen. Die palästinensischen Führer würden die Entscheidung "respektieren", auch die Israelis seien "okay damit". Aber: "Das Problem ist, wie ich es den normalen Leuten erklären soll." Im Anhang schickte Ocampo seinen Beschluss. Jolie antwortete: Der Fall sei doch eine "großartige Gelegenheit, die Arbeitsweise des Gerichts zu erklären". Ocampo könne der Welt zeigen, wie komplex solche Entscheidungen seien, sie schloss mit: "Love Angie".
Die Schauspielerin und der Chefankläger fühlten sich offenbar vereint im Kampf gegen die Straflosigkeit in der Welt. Jolie war nicht die einzige Prominente, mit der sich Ocampo über seine Jagd auf Kriegsverbrecher austauschte, auch die Nähe von George Clooney und Sean Penn suchte er.
Interne Dokumente, die der Enthüllungsplattform Mediapart zugespielt wurden und die der SPIEGEL zusammen mit dem Recherchenetzwerk EIC ausgewertet hat, zeigen, wie Ocampo das Gericht für die Celebrities öffnete. Er diskutierte mit ihnen über seine Ermittlungen, wollte sich bei der Fahndung auf ihre Hilfe stützen und ihre Strahlkraft nutzen, um das Gericht bekannter zu machen.
Beide Seiten schienen von der Nähe zu profitieren: Ocampo bekam Aufmerksamkeit, die Schauspieler konnten den Eindruck gewinnen, wirklich etwas zu bewegen. Es wirkt wie ein Tauschhandel: Glamour gegen Relevanz.
Angelina Jolie besuchte den Gerichtshof mehrfach, in den ersten Jahren noch mit Brad Pitt. 2010 hatte Ocampo die Idee, Jolie in sein Beraterteam aufzunehmen. "Ich sehe ihre Rolle darin, uns zu unterstützen und Brücken zu bauen", schrieb er an die Assistentin der Schauspielerin. An seine Freundin Lisa Shields vom US-Thinktank Council on Foreign Relations mailte er: "Angie kann für Aufruhr sorgen. Wir müssen strategisch denken."
Eine formale Aufgabe wollte Jolie nicht übernehmen. Doch der Kontakt blieb erhalten. 2011 kam Jolies erster Spielfilm, bei dem sie Regie geführt hatte, in die Kinos, "Liebe in Zeiten des Krieges", über die Gräuel des Bürgerkriegs in Bosnien-Herzegowina. "Der Film ist so stark, dass ich mich immer noch erholen muss", schrieb ihr Ocampo. "Du bist mutig, klug und sensibel, der Film bist du." Jolie antwortete, sie könne gar nicht in Worte fassen, "wie viel deine Unterstützung für mich bedeutet".
Auf ihrer Werbetour für den Film kam Jolie auch in Berlin vorbei, wo sie gemeinsam mit dem Chefankläger bei einer Gala auftrat. Am nächsten Morgen schrieb Ocampo: "Gestern war wundervoll. Es ist so beeindruckend, was du machst."
Im Frühjahr 2011 nahm Ocampo seine Ermittlungen wegen Kriegsverbrechen in Libyen auf. In jener Zeit suchte er den Kontakt zu George Clooney, der sich wie Jolie gern in die Weltpolitik einmischt. Ende 2010 hatte der Oscargewinner das Sentinel-Projekt gestartet, um den Bürgerkrieg im Sudan zu beobachten. Satelliten, die über dem Kriegsgebiet flogen, sollten Angriffe auf wehrlose Dörfer dokumentieren. Nun wünschte sich Ocampo, die Satelliten sollten auch Libyen ins Visier nehmen. "Es wäre großartig, wenn wir Druck auf Gaddafis Generäle ausüben könnten", ließ Ocampo an Clooney übermitteln.
Als er über dem Verfahren gegen Israel brütete, meldete sich Sean Penn bei ihm. "Hallo, Richter Ocampo", schrieb der Schauspieler, obwohl Ocampo Ankläger war. Der Argentinier verabredete sich umgehend mit Penn in einer New Yorker Hotelbar. Kurz darauf wurde Charles Taylor in Den Haag verurteilt, der Ex-Präsident von Liberia. Für diesen Fall war Ocampo zwar nicht zuständig, trotzdem gratulierte Penn: "Ya got the fucker", schrieb er ("Du hast den Dreckskerl"). Ocampo antwortete, er komme bald nach New York, und lud Penn ein, ihn zu seinem letzten Auftritt vor dem Uno-Sicherheitsrat zu begleiten.
Im Juni 2012 endete Ocampos Zeit in Den Haag. Auf den letzten Metern erwirkte er das einzige Urteil in seiner Amtsperiode gegen einen kongolesischen Warlord. Zur Verkündung reiste extra Angelina Jolie an.
Im Lauf der Jahre muss sich bei Ocampo der Eindruck verfestigt haben, dass es den Hollywoodstars um ihn als Person gehe. Anders lässt es sich kaum erklären, warum er so enttäuscht reagierte, als Jolie nach seinem Amtsende das Interesse an ihm verlor. Die beiden hatten zuvor über ein Bildungsprojekt für Kinder in Krisengebieten gesprochen. Ocampo schmiedete große Pläne mit Jolie, wie aus einer Projektskizze hervorgeht.
Aber dann riss der Kontakt ab. Jolie änderte ihre Mailadresse. Ocampo klapperte Bekannte ab, fragte nach, was mit "Angie" sei. Doch Jolie blieb stumm.
Von Sven Becker und Dietmar Pieper

DER SPIEGEL 41/2017
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