07.10.2017

ArchäologieDie Rache des Sonnyboys

Der Troja-Forscher Eberhard Zangger präsentiert 3200 Jahre alte Hieroglyphen. Das Dokument könnte das Rätsel lösen, warum es am Ende der Bronzezeit zum plötzlichen Zusammenbruch der damaligen Hochkulturen kam.
Kurz vor der Veröffentlichung seines neuesten Coups erhielt der Geoarchäologe Eberhard Zangger verstörenden Besuch aus England. Unerwartet kreuzte vor zwei Wochen der Keilschriftexperte Mark Weeden bei ihm auf, um einen dramatischen Appell an ihn zu richten: Zangger möge bitte unter allen Umständen die Publikation stoppen; er sei bestimmt einer Fälschung aufgesessen, der Archäologie drohe bei Veröffentlichung schwerer Schaden.
Warnungen dieser Art nimmt Zangger inzwischen mit der Gelassenheit eines Geächteten entgegen, der am Ende mit seinen zunächst kühn erscheinenden Thesen oft recht behalten hat. Seit Jahren bewegt sich der Forscher in einem Gelehrtenmilieu, das ihm gegenüber nur wenig Wohlwollen empfindet.
Im Frühjahr des vergangenen Jahres hatte Zangger die Archäologen wieder einmal gegen sich aufgebracht – mit einer neuen Deutung zum Ende der Bronzezeit. Von jeher rätseln Historiker, warum um 1200 v. Chr. innerhalb weniger Jahre die Imperien und Hochkulturen in der Ägäis und im östlichen Mittelmeerraum plötzlich untergingen ( Spiegel 28/2016).
Eine Kombination aus Naturkatastrophen, Hungersnöten und einem bronzezeitlichen Klimawandel hatten Gelehrte bis dahin für den jähen Niedergang diverser Großreiche verantwortlich gemacht. Dann kam Zangger.
Nach der neuen Theorie des Geoarchäologen setzte eine Volksgruppe den Massenkollaps in Gang, von der selbst viele Experten vorher noch nie gehört hatten: die Luwier – ein loser Verbund von Königreichen, die in Westanatolien beheimatet waren.
Zangger hat allerlei Indizien für seine These gesammelt. Demnach lösten die luwischen Krieger mit einer Reihe blutrünstiger Feldzüge eine fatale Kettenreaktion aus. An deren Ende ging ein zuvor fein austariertes System weitverzweigten Handels und politischer Diplomatie in Feuer und Asche auf. Einen letztgültigen Beweis blieb Zangger gleichwohl schuldig. "Von den Ereignissen nach 1192 v. Chr. sind keine schriftlichen Zeugnisse überliefert", musste er zunächst zugeben.
Nun aber präsentiert der Altertumsforscher in seinem neuen Buch doch noch ein verblüffendes schriftliches Zeugnis**. Es sind die Ausführungen eines westanatolischen Herrschers, der als Zeitzeuge bestätigt, dass die kriegerischen Luwier tatsächlich eine Art bronzezeitlichen Weltkrieg auslösten. Sein Name klingt, als hätten ihn die Macher der Augsburger Puppenkiste für eines ihrer Marionettenmärchen ersonnen: Kupanta-Kurunta, Großkönig des Staates Mira, ließ seinen Bericht an die Nachwelt um 1180 v. Chr. in Steinquader meißeln.
In Zanggers Besitz befindet sich eine detailgetreue Nachzeichnung dieses luwischen Hieroglyphentextes. Es gibt weniger als eine Handvoll Experten, die sich auf die Deutung der komplexen Symbolschrift versteht. Erweist sich der historische Text als authentisch, müssten etliche Geschichtsbücher ergänzt, korrigiert oder gar umgeschrieben werden.
Und was, wenn nicht?
"Na und? Ich bin es gewohnt, Gegenwind auszuhalten", sagt Zangger. Seit Jahren wird sein Treiben von Schmähungen begleitet. Das war früher mal anders.
In den Neunzigerjahren galt er als blitzgescheiter Newcomer in der bierernsten Ausgräberbranche. "Ich war der Sonnyboy und wirklich beliebt", erinnert sich Zangger. Das änderte sich, als sein Blick auf Troja fiel.
Vor Ort buddelte damals der Archäologe Manfred Korfmann recht erfolglos in den Hinterlassenschaften seines Vorgängers Heinrich Schliemann herum. Angesichts dürftiger Funde stufte Korfmann, der 2005 verstorben ist, den Küstenort in Westanatolien zunächst zum archäologisch unbedeutenden "Piratennest" herunter. Da sorgte Zangger für Aufsehen mit einer spektakulären Vermutung: Das von dem griechischen Philosophen Platon beschriebene Eiland Atlantis sei in Wahrheit eine exakte Darstellung Trojas.
Dumm nur, dass Korfmann am längeren Hebel saß. Als Zangger 1999 die Sedimentschichten der Ebene von Troja per Hubschrauber erforschen wollte, habe Korfmann das Projekt mit aller Macht torpediert. "Dieses Vorhaben müssen wir unter allen Umständen verhindern", soll der mächtige Ausgrabungsleiter bei einflussreichen Gesprächspartnern gefleht haben – so beschreibt Zangger die Ereignisse in seinem Buch.
Korfmann habe damals die Fäden gezogen und seine Existenz in der Wissenschaft zerstört, sagt Zangger. Keine Universität wollte ihn danach noch beschäftigen. Die Pointe der Geschichte: Nach einiger Zeit übernahm der machtbewusste Professor sogar still und leise Zanggers Hypothesen und gab sie als seine eigenen aus.
Zur Jahrtausendwende geriet Zangger in eine schwere berufliche und private Krise. Plötzlich stand er ohne Job da. In der akademischen Welt fand er keine neue Anstellung. In der Folge ging sogar seine Ehe in die Brüche.
Die Konfrontation mit Korfmann hat noch eine weitere Narbe geschlagen: Über Troja will Zangger inzwischen am liebsten gar nicht mehr reden – obwohl er am Ende weitgehend recht behalten hat. Troja war kein kleines Piratennest, sondern eine antike Metropole in einem funktionierenden Netz von Stadtstaaten – dem Reich der Luwier. "Troja war ein zentraler Handelsplatz, so wie es Hongkong in unserer Zeit ist", sagt Zangger.
Der gebürtige Westfale glaubt auch, die Lösung für eines der größten Rätsel alter Geschichte präsentieren zu können: Warum kollabierte dieses florierende Handelsimperium so plötzlich?
Offenbar, so Zangger, sei Troja einem Präventivschlag der Hethiter zum Opfer gefallen. Der Angriff erfolgte demnach aus reinem Selbstschutz gegen ein Bündnis, das eine Reihe kleinerer Königreiche in Westkleinasien geschmiedet hatten – ebenjene Luwier, die von der offiziellen Geschichtsschreibung bislang weitgehend ignoriert wurden.
Mit ihrem Pakt hätten die anatolischen Provinzkönige eine bronzezeitliche Militärmacht von verheerender Vernichtungskraft geschaffen. Innerhalb kürzester Zeit, so Zangger, überrannte diese monströse Allianz das heutige Zypern und Syrien; anschließend wurde die Führungsschicht der Hethiter ausgelöscht – immerhin die bis dahin dominierende Großmacht Kleinasiens. Durch ihren Raubzug kontrollierten die Luwier ein Gebiet, das von Nordgriechenland über Kleinasien bis nach Syrien reichte.
Die Lanzenkrieger dieser Seevölkerinvasion drangen sogar bis Aschkelon an der Küste des heutigen Israel vor – und näherten sich damit bedrohlich dem Reich der Pharaonen in Ägypten.
Um nicht auch unter die Fuchtel dieser rauflustigen Eindringlinge zu geraten, seien Truppen aus Thrakien im Bündnis mit hethitischen Kämpfern in das verwaiste Troja entsandt worden, glaubt Zangger. Das Ziel: die völlige Zerstörung des westanatolischen Wirtschaftszentrums.
Zanggers Luwier-Theorie stieß bei seinen Kollegen bislang auf Skepsis. Gab es überhaupt diese geheimnisvollen Seevölker, deren Köpfe zertrümmert zu haben Ramses III. sich rühmte?
Der verrätselte Text des Großkönigs Kupanta-Kurunta wäre der erste direkte schriftliche Beleg für ihre Existenz. Überdies gäbe er erstmals zweifelsfrei Auskunft über die Herkunft dieser kriegerischen Sippschaft. Sie startete ihren Feldzug demnach dort, wo Zangger sie verortet hat: im Westen der heutigen Türkei.
Jetzt, beinahe 20 Jahre nach seinem Abstieg aus dem Olymp der Archäologie, wird der gefallene Sonnyboy womöglich rehabilitiert. Dass der Altertumsforscher seinen möglichen Sensationsfund nicht im Feld bei Grabungen gehoben hat, sondern in der rumpeligen Studierstube eines vor Jahren verstorbenen Londoner Archäologen, mutet dabei an wie eine Ironie des Schicksals.
Um die uralte Inschrift rankt sich ein wissenschaftlicher Kriminalfall, der mehr als ein Jahrhundert umspannt. Alles begann 1878: Türkische Kleinbauern klaubten in dem Dorf Beyköy 30 Kalksteinblöcke aus dem Erdreich, in die merkwürdige Zeichen und Formen gekratzt worden waren – die Hinterlassenschaft von Kupanta- Kurunta. Beamte der zuständigen Antikenabteilung wollten den Fund aus der Provinz sicherstellen, kamen aber zu spät: Fleißige Arbeiter hatten die Quader bereits in das Fundament einer neuen Moschee verbaut.
Lediglich ein Zufall verhinderte, dass Kuruntas Bericht für immer auf der Baustelle verschwand: Der französische Archäologe Georges Perrot war, begleitet von einer Polizeieskorte, zum Fundort geeilt und hatte die Hieroglyphen von Hand kopiert – obwohl er sich auf die Zeichen keinen Reim machen konnte.
Offenbar geriet das historische Material nun auf eine "haarsträubende" (Zangger) Odyssee. In den Zwanzigerjahren war es erstmals möglich, die Hieroglyphen ansatzweise zu entziffern. Das Ergebnis sei allerdings ein Schock für das nunmehr von Mustafa Kemal Atatürk regierte und westlich orientierte Land gewesen, so Zangger.
Denn durch die spektakuläre Überlieferung kam ans Licht, dass die Türken nicht etwa das Erbe der als Kulturvolk gerühmten Hethiter angetreten hatten; dem historischen Bericht zufolge waren vielmehr die als Barbaren geschmähten Völker des luwischen Kulturkreises siegreich gewesen und hatten das Land vor drei Jahrtausenden zur frühen Blüte geführt.
Atatürk soll damals Teile des in Beyköy aufgetauchten Materials einkassiert haben – und stand damit am Anfang einer langen Tradition von Vertuschern. Auch als die schriftlichen Überlieferungen Anfang der Sechzigerjahre längst nahezu komplett entschlüsselt waren, wurde eine Veröffentlichung immer wieder in letzter Minute verhindert.
Am Ende kümmerte sich nur noch der Prähistoriker James Mellaart um das Material. Der britische Gelehrte hatte nicht nur Perrots Zeichnung der Inschrift Kupanta-Kuruntas von Hand kopiert, sondern auch Dutzende weitere frühhistorische Quellen.
Mit manischem Forschereifer sortierte und arrangierte Mellaart das Material abends in seiner Freizeit neu – tagsüber arbeitete er als Dozent am Institute of Archaeology des University College London. Er erstellte Königslisten und Karten und brachte damit erstmals Struktur in den hochkomplexen Stoff.
Hunderte Blätter häufte Mellaart in einer Pappmappe an, offenbar in der Überzeugung, eine gewaltige historische Forschungslücke geschlossen zu haben. Doch dann verließen den älteren Herrn die Kräfte. Ein befreundeter Hethitologe war von der umfänglichen Materialsammlung offenbar so verstört, dass er Mellaart sogar der Fälschung bezichtigte.
Zermürbt von dem andauernden Zank um den spektakulären Hieroglyphenfund, deponierte Mellaart den Pappordner in einem abgelegenen Winkel seines Arbeitszimmers; dort lag er noch, als der Wissenschaftler 2012 im Alter von 86 Jahren starb.
Von Mellaarts Sohn Alan übernahm Zangger schließlich die Sammlung von Texten und Zeichnungen und hütet sie seither wie einen kostbaren Schatz. Das Konvolut lagert in einem Safe in seiner Wohnung in Zürich.
Dass es sich um eine Fälschung handeln könnte, glaubt Zangger ausschließen zu können. Mellaart nehme in dem Material bereits historische Erkenntnisse vorweg, die von der Forschung teilweise erst Jahrzehnte später vermeldet wurden.
Zudem sei wohl selbst ein hochbegabter Kopf wie Mellaart kaum in der Lage gewesen, einen derart reichhaltigen Kosmos des Altertums zu erfinden, wie ihn die Fülle des Materials birgt.
Auch deshalb werden die Beyköy-Texte nun, rund 140 Jahre nach ihrem Auftauchen, erstmals in Auszügen veröffentlicht. Mellaart wäre damit sicher einverstanden gewesen. Von dem Hickhack um die historischen Schriften war der Altertumsspezialist offenbar mächtig genervt.
Auf einem gelben Zettel, der auf der verblichenen Pappmappe klebt, hatte Mellaart mit krakeliger Schrift einen alten gälischen Fluch notiert: "Und an alle Gegner: Mögen eure Namen so glorreich in Erinnerung bleiben wie der Mist eurer Schafe."

Über den Autor

Frank Thadeusz, Jahrgang 1971, war als Kind von der Idee besessen, das Skelett eines fleischfressenden Sauriers aus der Erde zu holen. Weil sich potenzielle Fundorte in seiner Heimatgemeinde Lütgendortmund als nutzlos erwiesen, verwarf er den Gedanken wieder. Heute ist er froh, über die Welt der Ausgräber aus der Distanz berichten zu dürfen.
* Aus dem Nachlass des britischen Prähistorikers James Mellaart.
** Eberhard Zangger: "Die Luwier und der Trojanische Krieg. Eine Entdeckungsgeschichte". Orell Füssli; 352 Seiten; 25 Euro.

Von Frank Thadeusz

DER SPIEGEL 41/2017
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