14.10.2017

JakobAugsteinIm Zweifel linksViva la Sezession!

Die Katalanen haben in Deutschland zurzeit nicht sehr viele Freunde. Kaum jemand versteht, warum sie weg von Spanien streben. Die Konservativen bei uns erheben den Vorwurf, eine Sezession sei wirtschaftlich unvernünftig und politisch gefährlich. Die Linken wittern einen Egoismus der reichen Region und einen nationalistischen Rückfall. In Wahrheit dienen beide Vorwürfe nur dem Zweck, eine Einrichtung zu schützen, die diesen Schutz nicht verdient: den Nationalstaat.
In der "Süddeutschen Zeitung" wurde vor ein paar Tagen Ralf Dahrendorf zitiert, der den heterogenen Nationalstaat die "größte Errungenschaft der politischen Zivilisation" genannt habe. Die katalanische Kleinstaaterei sei dagegen ein Rückfall in die "Stammesgesellschaft" und darum abzulehnen. Denn, so das härteste Dahrendorf-Zitat in diesem Zusammenhang: "Selbstbestimmung lädt zur Diktatur ein."
Als wäre das noch nicht genug, wird mit Chaos auf dem ganzen Kontinent gedroht: Baskenland, Belgien, Korsika, Norditalien, Südtirol – am Ende macht das Sezessionsvirus Europa den Garaus. Ist das so? Erst Eurokrise, dann Rechtspopulismus – und nun noch Zerfall? Nein. Das Gegenteil ist richtig. Die Sache der Sezession ist die Sache Europas!
Offenbar ist der ursprüngliche Sinn der Europäischen Union in Vergessenheit geraten. Zur Erinnerung: "Ziel ist und bleibt die Überwindung der Nationen und die Organisation eines nachnationalen Europas." Walter Hallstein soll das so gesagt haben, der erste Präsident der Europäischen Kommission. Europa war immer ein Projekt nicht nur gegen den Nationalismus – da würden alle mitgehen –, sondern gegen den Nationalstaat.
Das ergibt heute noch mehr Sinn als zu Hallsteins Zeit. Denn der von Dahrendorf so gelobte Nationalstaat wird nicht mehr gebraucht. Alle Aufgaben können heute besser auf einer übergeordneten – europäischen – oder einer untergeordneten – regionalen – Ebene gelöst werden. Was wir gerade als Wiedergeburt der Nationen erleben, ist ein gefährlicher Atavismus, der dem Fortschritt im Weg ist.
Regionen sind das Gewachsene. Nationen das Erkämpfte. Eine Region muss nicht mit Blut und Eisen geschmiedet werden. Sie besteht, und sie bleibt auch bestehen. Also lasst doch die Landkarten sich neu sortieren! Das Europa der Regionen wäre das gerechtere Europa. Es würde nicht von den großen Flächenstaaten Deutschland und Frankreich dominiert. Und es wäre das vielfältigere Europa. Ein buntes Kaleidoskop der Kulturen, die unter einem gemeinsamen europäischen Dach aufblühen könnten.
So war das alles einmal gedacht. Und so soll es auch werden. Robert Menasse, der für seinen Roman über die EU gerade sehr geehrt wird, hat ein schönes Bild gefunden: "Wer die Musik nicht hört, hält Tanzende für wahnsinnig." Aber die Katalanen sind nicht wahnsinnig. Sie hören die Musik. Sie tanzen.
An dieser Stelle schreiben Jakob Augstein, Jan Fleischhauer und Markus Feldenkirchen im Wechsel.
Von Jakob Augstein

DER SPIEGEL 42/2017
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