14.10.2017

Magische Momente„Wenn mich einer überholt, lachen mich alle aus“

Der Bruchsaler Thomas Hellriegel, 46, über den ersten Sieg eines deutschen Triathleten beim Ironman auf Hawaii
SPIEGEL: Vor 20 Jahren liefen Sie nach 8:33 Stunden in Hawaii als Erster ins Ziel. Konnten Sie den Sieg genießen?
Hellriegel: Erst auf den letzten Metern. Vorher waren nur Stress und Schmerzen.
SPIEGEL: Stress? Sie hatten sechs Minuten Vorsprung.
Hellriegel: Ja, aber das Trauma vom Vorjahr steckte noch tief in mir – ich hatte ständig Angst, dass etwas Unerwartetes passieren könnte.
SPIEGEL: In den beiden Jahren zuvor wurden Sie kurz vor dem Ziel überholt. Wie sehr nagte das an Ihnen?
Hellriegel: 1995 war es nicht so schlimm. Ich war erstmals dabei, hoffte auf die Top Ten. Dass ich bei Marathonkilometer 38 noch vorn lag, kam völlig überraschend. Dann kreuzten immer mehr Motorräder mit Kameramännern bei mir auf, mir war klar: Gleich zieht Mark Allen an mir vorbei.
SPIEGEL: 1996 überholte Sie an fast der gleichen Stelle der Belgier Luc Van Lierde.
Hellriegel: Das tat richtig weh. Ich war sehr gut in Form, blieb am Ende unter dem alten Streckenrekord und war trotzdem wieder nur Zweiter.
SPIEGEL: Wie gingen Sie damit um?
Hellriegel: In der Vorbereitung für 1997 tat ich nichts – außer trainieren, essen und schlafen. Zwei Minuten fehlten zum Sieg, und ich überlegte ein Jahr lang jeden Tag, wie ich diese Zeit reinholen könnte. Ich rannte 4800 Kilometer und fuhr über 22 000 Kilometer mit dem Rad. Ich hatte einen Ernährungsberater. Weil ich kaum in den Schlaf fand, beruhigte ich meinen Kreislauf auf einer Magnetfeldmatte.
SPIEGEL: Es sollte sich lohnen.
Hellriegel: Es lief perfekt. Es war heiß und sehr windig. Ich wusste, dass ich aus der Spitzengruppe der Radfahrer der beste Läufer sein würde.
SPIEGEL: Sie setzten sich ab, vor dem Ziel reichte Ihnen jemand eine Deutschlandflagge.
Hellriegel: Ich hätte sie fast weggeworfen. Sie kam mir schwer vor. Ich dachte, wenn mich noch einer überholt, dann lachen mich alle aus.
SPIEGEL: Es kam niemand mehr.
Hellriegel: Ich brauchte lange, um den Erfolg zu realisieren. Zu Hause schaute ich manchmal zur Sicherheit nach, ob mein Siegerring wirklich da ist.
SPIEGEL: Dieses Jahr will Jan Frodeno zum dritten Mal in Folge gewinnen. Geht das mit rechten Dingen zu?
Hellriegel: Tatsache ist, dass er keine Schwäche hat. Nie zuvor war jemand in allen drei Disziplinen so unglaublich stark.
Von Pk

DER SPIEGEL 42/2017
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