14.10.2017

Elke SchmitterBesser weiß ich es nichtFurioses Verschwinden

Die Berliner Mauer ist bald so lange weg, wie sie da war. Anfang November wird es so weit sein; rund 160 Kilometer Beton und Minenfeld sind zur historischen Episode geworden: Wer sich daran nicht erinnern kann, ist längst erwachsen – allerdings ist diese Generation in unserer alten Gesellschaft von viel mehr Menschen umgeben, die von diesem Damals noch erzählen, als wäre es gestern gewesen. Mich beispielsweise hat diese Rechnung kalt erwischt. Die Mauer war die Hälfte meines Lebens eine selbstverständliche Grenze des Reisens und der Wahrnehmung, zugleich eine Art unthematisierter Hintergrund, so wie Schlagbäume an den europäischen Grenzen, Dauerwellen beim Friseur und analoge Ablagesysteme, Hausfrauen und männliche Chefs, die fragen, ob man auch Kaffee kochen kann. (Vergleichsweise harmlos, wenn man an Hollywood denkt.) Man gewöhnt sich an beinahe jedes Verschwinden, indem man es nicht bemerkt.
Die Übergangsregierung der DDR hatte am Jahresende 1989, keine acht Wochen nach dem Mauerfall, entschieden, das mögliche größte politische Denkmal der Welt nahezu restlos vom Erdboden zu tilgen. Es gab eine wilde, euphorische Entschlossenheit, der außer ein paar Historikern und Bürgerrechtlern kaum jemand widersprach; die Bundesregierung unterstützte den Abriss auch, weil das eine sinnvolle Aufgabe für rund 160 000 arbeitslose Mitglieder der Nationalen Volksarmee zu sein schien.
Türme, Stacheldraht und Beton: in kürzester Zeit perdu. Das Unansehnliche zu Granulat zermahlen und für den Straßenbau verwendet; das Ansehnliche und Bunte nahmen Touristen und Berliner für kleines Geld mit nach Hause: bemalte oder beschriftete Stücke Beton – echte und vermutlich auch gefälschte, das Angebot war so unwahrscheinlich wie unermesslich –, die Widerstand und Lebenslust, den Schrecken der anderen und ein zuversichtliches Morgen amalgamierten. Es wurde von vielen Leuten viel Geld mit dem Material verdient, sogar ein paar medizinische Geräte für ein Brandenburger Krankenhaus fielen dabei ab. Ein beachtlicher Torso steht seit 1992 vor dem CIA-Hauptquartier im amerikanischen Langley dem Personal im Weg, ein anderer wird im Landhaus der Cognac-Dynastie Hennessy präsentiert. Unendlich weit verstreut sind diese putzigen Trophäen vom friedlichen Ende des Kalten Krieges; sie liegen in Bücherregalen oder hocken unter Glasstürzen, sind eingerahmt und angestrahlt oder verstaubt und im Kram der Jahrzehnte vergessen.
Die wütende Energie, mit der man damals das Monument der Teilung vernichtete, hatte etwas Exorzistisches und war in beiden Staaten einvernehmlich – der regierungsamtliche Ausdruck, glaube ich, des gleichen Impulses, mit dem marmorierte Jeansjacken, Gurkengläser und russische Romane verabschiedet oder gegen westdeutsche Entsprechungen ausgetauscht wurden. Die Kehrseite des Aufbruchs, des Alles-hinter-sich-Lassens, der pionierhaften Eroberung der Zukunft war die Selbstentwertung. Nun gibt es fast nichts mehr, woran man sich, buchstäblich, abarbeiten könnte.
An dieser Stelle schreiben Nils Minkmar und Elke Schmitter im Wechsel.
Von Elke Schmitter

DER SPIEGEL 42/2017
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