21.10.2017

StressSind die Briefträger überfordert, Herr Cosmar?

Thomas Cosmar, 55, Bezirksvorsitzender bei der Dienstleistungsgewerkschaft Ver.di, über leere Briefkästen in Berlin
SPIEGEL: Zurzeit erhalten viele Berliner ihre Post verspätet. Was ist da los?
Cosmar: Wir haben einen sehr hohen Krankenstand. Die Zusteller sind physisch und psychisch überlastet.
SPIEGEL: Ist Briefträger denn so ein harter Job?
Cosmar: Natürlich! Der Briefträger hat in Berlin an seinem Fahrrad mindestens vier Briefbehälter. Die wiegen gefüllt rund 18 Kilogramm und werden mehrmals am Tag bewegt. Das ist Schwerstarbeit.
SPIEGEL: Klingt nicht nach dem romantischen Bild vom deutschen Briefträger in der stolzen Uniform.
Cosmar: So stellen sich das die Leute gern vor, ja. In der Realität ist der Briefträger bis zu 15 Kilometer unterwegs. Mit dem Rad. Ist er zu Fuß, sind es täglich sechs bis zehn Kilometer. Das muss man erst mal leisten, dauerhaft. Zumal das Durchschnittsalter der Briefträger bei über 48 Jahren liegt.
SPIEGEL: Fehlt der Briefträgernachwuchs?
Cosmar: Ja. Von zehn Leuten, die neu anfangen, bleiben höchstens zwei dauerhaft im Beruf. Die körperliche Belastung ist zu groß.
SPIEGEL: Aber ist das Postaufkommen durch die E-Mails nicht weniger geworden?
Cosmar: Im privaten Bereich. Dafür hat die Werbepost zugenommen. Auch Pakete werden mehr verschickt – und die sind schwerer geworden. Die Leute lassen sich heute vieles nach Hause liefern, Säcke mit Katzenstreu oder Büroartikel. Dann wiegt ein Paket schnell 20 Kilo.
SPIEGEL: Kommt die Post in Berlin trotzdem bald wieder pünktlich?
Cosmar: Tja, ich hoffe. Zumal der Weihnachtsverkehr beginnt. Da brauchen wir jeden, der laufen kann.
SPIEGEL: Haben Sie selbst mal als Briefträger gearbeitet?
Cosmar: Ja. Ich habe vor 29 Jahren bei der Post angefangen – als Eilzusteller.
Von Jmg

DER SPIEGEL 43/2017
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