28.10.2017

BundestagMit Rechten arbeiten

Um geeignetes Personal für ihre Abgeordneten zu finden, wirbt die AfD Fachleute bei anderen Parteien und aus Landtagen ab. Das sorgt für Ärger.
Der neue AfD-Mitarbeiter hat sein gesamtes politisches Archiv mitgebracht: Mehr als 20 Umzugskartons mit Büchern und Aktenordnern aus fast 30 Jahren Bundestag. Persönlich schleppte er die Last in sein neues Büro auf den Fluren der AfD-Fraktion.
Bisher war der Mann für diverse CDU-Politiker tätig gewesen, zuletzt für die rechtskonservative Merkel-Kritikerin Erika Steinbach. Doch die Abgeordnete verließ die CDU im Januar und wirbt seither für die AfD. Auch für ihren Ex-Referenten ist der neue Job nur die logische Fortführung seiner bisherigen Arbeit: "Die AfD vertritt Positionen, die ich schon vor 30 Jahren in Papiere für meine CDU-Abgeordneten geschrieben habe." Trotzdem möchte der frühere Steinbach-Referent seinen Namen nicht gedruckt sehen. "Ich muss meinen Freunden und Verwandten den Wechsel noch schonend beibringen."
Für die AfD ist der erfahrene Bundestagsveteran ein Glücksfall. Die Rechtspopulisten suchen händeringend Leute für ihre 92 Abgeordneten und den Fraktionsstab. Doch von mindestens 400 Stellen ist erst ein Bruchteil besetzt. Und so jagt die AfD, die zur Hatz auf die Regierung blasen wollte, derzeit vor allem Büroleiter und Referenten. Anzeigen werden geschaltet und Berater konsultiert, Jobbörsen durchforstet und Prämien ausgelobt.
Doch bislang zögern auch konservative Unionsmitarbeiter, sich einer Partei zuzuwenden, deren Kandidaten im Wahlkampf ihre Gegner als "Volksverräter" geschmäht und die Wähler ermutigt hatten, sich "ihr Land zurückzuholen". Das macht die Jobofferte für viele zur Gewissensfrage.
Dabei müsste das Personalangebot für die AfD eigentlich groß genug sein: CDU und CSU haben 65 Abgeordnete verloren, die SPD 40, und deren ehemalige Mitarbeiter suchen dringend neue Jobs. Aber die Regeln von Angebot und Nachfrage scheinen für die AfD nur eingeschränkt zu gelten. "Mir haben viele Ex-Kollegen gesagt, sie wollten eher putzen gehen, als zur AfD zu wechseln", sagt Steinbachs Ex-Mitarbeiter.
Die Partei muss Überzeugungsarbeit leisten, und so greift sie zu ungewöhnlichen Mitteln. Im Intranet des Bundestags zum Beispiel, am digitalen Schwarzen Brett, wo sonst Wohnungsangebote und Fundsachen inseriert werden, tauchte jüngst eine Annonce des Parlamentarischen Geschäftsführers Bernd Baumann auf. "AfD-Fraktion sucht Mitarbeiter", ist das Inserat überschrieben. Konkrete Anforderungen fehlen, Baumann bittet nur um "aussagekräftige Bewerbungsunterlagen" an die eigens eingerichtete Mailadresse bewerbung@afdbundestagsfraktion.de.
In ihrer Not werben die neuen Abgeordneten verstärkt Mitarbeiter ihrer Landtagsfraktionen ab. Das sorgt für Ärger in den eigenen Reihen, weil die Bundespolitiker oft die besten Leute ansprechen und offenbar sogar bereit sind, bares Geld für die Vermittlung zu zahlen. Von "Fangprämien" ist die Rede, nur halb im Scherz.
Um möglichst schnell arbeitsfähig zu werden, sprechen die Rechtspopulisten auch Parlamentsmitarbeiter an, die noch bei der Konkurrenz in Lohn und Brot sind. Seit der Wahl registrieren sogar Sozialdemokraten, dass das Interesse an ihren Profilen bei Karrierenetzwerken wie LinkedIn und Xing steigt. Und es habe nicht lang gedauert, berichten zwei Unionsmitarbeiter, bis ein Personalberater anrief. Ob man an einer beruflichen Veränderung interessiert sei? Er habe da ein interessantes Angebot. Es gehe, soll der Headhunter geraunt haben, um die AfD.
Auch Gregor Strabel bekam dieser Tage einen Anruf von der AfD. Zwar ist der Mann alles andere als ein Freund der Partei: Sein ehemaliger Chef, ein sächsischer CDU-Politiker, verlor seinen Wahlkreis ausgerechnet an die mittlerweile abtrünnige Frauke Petry. Für Strabel kommt ein Wechsel zur AfD nicht infrage. Aber er war bis zuletzt Sprecher der Mitarbeiter von Unionsabgeordneten und organisierte eine interne Jobbörse. Er weiß genau, welche Kollegen arbeitslos wurden – und das will nun auch die AfD wissen. Ob er ihnen nicht Kontakte herstellen könne, erkundigte sich der Anrufer. Für Strabel kein Problem: "Ich muss die Leute nur vorher fragen, ob sie sich vorstellen können, für die AfD zu arbeiten. Es steht mir nicht zu, ihre Entscheidung zu bewerten."
Wer noch zögert, dem stellten die AfD-Leute offenbar saftige Summen in Aussicht. Erfahrene Kräfte würden bis zu 8000 Euro monatlich geboten, weiß der Bundestagsflurfunk, deutlich mehr als üblich. Jedem Abgeordneten stehen pro Monat insgesamt knapp 21 000 Euro für Mitarbeiter zur Verfügung. AfD-Abgeordnete berichten, sie würden ihre Budgets notfalls poolen und gute Kandidaten eben teilen.
Eine AfD-spezifische Einstellungshürde kommt hinzu: Viele der rechten Abgeordneten denken traditionell basisdemokratisch und trauen ihrer Fraktionsführung nicht über den Weg. Im Entwurf für die Fraktionssatzung ist deshalb ein Mitspracherecht der Abgeordneten bei der Besetzung von "Schlüsselpositionen" vorgesehen. Nur eine Notbesetzung von 25 Leuten soll die Spitze um Alexander Gauland und Alice Weidel selbst aussuchen dürfen. Da gute Bewerber jedoch wenig Freude daran haben dürften, dass ihr Lebenslauf im AfD-Fraktionsplenum diskutiert wird, dürften wichtige Stellen noch länger unbesetzt bleiben.
Für Erika Steinbachs Ex-Mitarbeiter bedeutet der Wechsel zur AfD auch eine Rückkehr zu seinen beruflichen Wurzeln: Sein neuer Arbeitgeber heißt Martin Hohmann, einst Abgeordneter der CDU – für ihn war der Mann schon einmal tätig.
Von Melanie Amann, Benedikt Becker und Veit Medick

DER SPIEGEL 44/2017
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