28.10.2017

KonsumWarum verbrennen wir nagelneue Kleidung, Frau Tewes?

Carolin Tewes, 34, ist Geschäftsführerin der Forschungsstelle für textile Marktwirtschaft an der Uni Münster.
SPIEGEL: Kürzlich haben dänische Journalisten aufgedeckt, dass die Modekette Hennes & Mauritz neuwertige Kleidung – das Unternehmen behauptet, mangelhafte Ware – verbrennt. Geht es uns zu gut?
Tewes: Wir dürften zumindest nicht komplett überrascht sein. 2010 hat die "New York Times" schon gemeldet, dass H&M unverkaufte Kleidung zerstört. Damals hat der Konzern zwar beteuert, das komme nicht wieder vor. Aber man weiß auch von Luxuslabeln, die ihre übrig gebliebene Ware lieber zerstört statt sie billig den Armen zu geben, weil das nicht zur Marke passen würde. Und es betrifft ja nicht nur H&M – auch Jack & Jones oder Vero Moda verbrennen Kleidung.
SPIEGEL: Wer ist schuld daran?
Tewes: Natürlich tragen zunächst einmal die Konzerne die Verantwortung dafür. Es wird so viel Kleidung produziert, dass ein Drittel davon übrig bleibt. Es gibt inzwischen Labels, die 24 Mikrokollektionen im Jahr in die Läden bringen. Wir leben in einer Fast-Fashion-Kultur.
SPIEGEL: Wer soll das alles kaufen?
Tewes: In unseren Kleiderschränken hängen viermal so viele Kleidungsstücke wie 1980. Für die meisten Menschen ist es normal, sich auch dann eine neue Jacke zu kaufen, wenn sie mit der alten genauso gut angezogen wären. 100 Millionen Paar Jeans kaufen allein wir Deutschen im Jahr. Und wir haben verlernt, unseren Besitz zu pflegen. Den Beruf des Schusters gibt es beispielsweise kaum noch. Viele Experten geben deshalb den Konsumenten zumindest auch eine Teilschuld.
Von Mke

DER SPIEGEL 44/2017
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