28.10.2017

HomestoryLiebe? Welche Liebe?

Warum ich als Spanier ausnahmsweise auf der Seite Spaniens bin
Im Jahr 2013 schrieb ich einen Text über Spanien. Einer der ersten Sätze lautete: "Ich heiße Juan Moreno und komme aus einem kleinen andalusischen Dorf, in dem die Männer noch Männer sind und die Schafe deshalb Angst haben müssen."
Es war eine schwierige Zeit damals. Spanien litt unter der Wirtschaftskrise, musste seine Banken retten und brauchte Hilfe vom Euro-Rettungsschirm. Ich hatte zuvor in Texten oft Merkel und die Deutschen kritisiert, jetzt waren meine Leute dran. Ich schimpfte über den Bau sinnloser Flughäfen, über die Steuermoral, die Jugendarbeitslosigkeit. Ich schrieb, dass mich das Land so ankotzte, dass ich überlegte, meinen Pass zurückzugeben. Ich war hart.
Der Shitstorm war es auch. In Zeitungen, Blogs, Radiosendungen, Talkshows wurde mein Wutanfall aufgegriffen. "Schwein", "Verräter", feinste iberische Keifereien. Reporter standen bei meinen Eltern vor der Tür. Eine Zeitung erinnerte daran, dass die "Admiral Scheer", ein Panzerschiff der deutschen Kriegsmarine, im Mai 1937 Südspanien bombardiert habe – und jetzt das! Ein Mitarbeiter der deutschen Botschaft musste mich während einer Podiumsdiskussion verteidigen. Meine Mutter weinte zwei Tage lang.
Es gab auch positive Reaktionen. Arturo Pérez-Reverte, ein Bestsellerautor, nahm mich in Schutz, ein paar Journalisten ebenfalls. Gut erinnere ich mich an die Frau vom katalanischen Fernsehen. Sie verstehe mich, sagte sie. Jeder Katalane tue das. Sie seien alle angewidert von Spanien. Auch die Katalanen würden gern ihren Pass abgeben. Spanien hatte ich verärgert, aber Katalonien stehe auf meiner Seite, sagte sie. Ich hatte keine Lust, jetzt noch ein neues Fass aufzumachen, also lehnte ich freundlich die Interviewanfrage ab.
Ich habe die vergangenen drei Wochen in Barcelona verbracht und exakt 38 Interviews zur Unabhängigkeit Kataloniens geführt. Ich sprach mit Befürwortern und Gegnern. Mit Abgeordneten, Uniprofessoren, Journalisten, Studenten, Unternehmensberatern. Ich war im katalanischen Parlament, als die Welt auf den katalanischen Ministerpräsidenten Carles Puigdemont schaute. Jeden Tag lese ich fünf, sechs Stunden spanische und katalanische Presse.
Oft wird ein Problem komplexer, wenn man sich damit beschäftigt. Es gibt mehr Schattierungen, weniger schwarz-weiß, mehr grau. Die Unabhängigkeit Kataloniens ist für mich genau das Gegenteil. Je länger ich darüber nachdenke, desto simpler wird es. Ich rede nicht davon, dass die Regierung Kataloniens ihre Unabhängigkeitserklärung auf ein Referendum stützt, das sogar die von ihr bestellten internationalen Beobachter für unzulässig halten. Nicht davon, dass das Mandat der Regierung auf 48 Prozent der Stimmen bei den letzten Wahlen basiert. Ich rede nicht mal davon, dass womöglich die Mehrheit der Katalanen die Sezession überhaupt nicht will. Das sind alles rationale Argumente, und sie führen zu nichts. Denn auch hier geht es, wie so oft, um Gefühle. War bei Trump, Brexit, der AfD nicht anders.
In meinen Interviews in Katalonien war viel von Würde die Rede. Von Respekt, von Stolz, erstaunlich oft von Liebe. Die Katalanen, die für die Unabhängigkeit sind, sagen, dass sie keine Spanier seien. Sie lieben Katalonien. Nicht Spanien. Eigentlich ist damit alles gesagt, finde ich. Es ist Liebe, und Liebe hat immer recht.
Mir ist es völlig egal, ob Katalonien morgen unabhängig wird oder nicht. Mein Problem ist: Ich nehme ihnen die Lovestory nicht ab. Denn mit der Liebe wäre es morgen vorbei. Garantiert. Dafür würde es reichen, wenn ein Deutscher einen einzigen Satz schriebe, nämlich Matthias Müller, VW-Chef. Der Satz hieße ungefähr so: Im Rahmen unserer Verantwortung ... bla, bla, bla ... teilen wir mit, dass unsere Tochter, die Seat S. A., im Falle einer Unabhängigkeit Kataloniens und dem damit verbundenen Austritt Kataloniens aus dem EU-Binnenmarkt, ihren Hauptsitz samt Produktionskapazitäten von Barcelona nach Parderrubias in Galizien verlegt. Schlagartig wäre der so besondere, weil angeblich linke, fröhliche, im Grunde doch solidarische katalanische Nationalismus weg. Keine Chance auf 50 Prozent Zustimmung, jeder, wirklich jeder, den ich gefragt habe, hat das bestätigt. Puigdemont könnte endlich zum Friseur, so viel Zeit hätte er plötzlich. 14 500 Leute arbeiten für Seat in Barcelona.
Ich frage mich: Was ist das für eine Liebe? Worum geht es den Leuten? Wirklich um die katalanische Kultur, in der sie ihre Stiere nicht barbarisch in der Arena töten wie die Spanier, sondern lieber mit brennenden Hörnern durch die Dörfer jagen? Den katalanischen Nationalismus muss man sich wie folgendes Gespräch unter Freunden vorstellen: "Und, du liebst diese Frau wirklich?", fragt der Freund. "Natürlich, nur sie." "Du weißt schon, dass sie arm ist?" "Arm? Nee, dann nicht."
Der katalanische Nationalismus ist vielleicht hübscher lackiert als andere, aber im Grunde das alte, asoziale Modell. Verbohrt, unsolidarisch, kleingeistig. Unser Geld soll nicht nach Andalusien, darum geht's. Dahlem in Berlin, Grünwald in München, Eppendorf in Hamburg: Könnte wetten, die würden ihre Steuern auch gern behalten.
Den stolzen Spaniern, die das hier lesen und ihren verlorenen Sohn jetzt wahrscheinlich wieder in die Arme nehmen wollen, weil er den Katalanen mal so richtig einen mitgegeben hat, sei für heute Folgendes gesagt: Solange reihenweise junge Anwälte, Betriebswirte und Soziologen Madrid, Bilbao und Valencia verlassen, um in Berlin Cappuccino zu servieren, und solange Tausende spanische Familien nur von Omis winziger Rente leben, so lange gilt: Klappe halten, weiter arbeiten.
Von Juan Moreno

DER SPIEGEL 44/2017
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