28.10.2017

Spanien„Der Franco-Vergleich ist ekelhaft“

Der Schriftsteller Antonio Muñoz Molina über die Krise in Katalonien, den ungeliebten Madrider Zentralstaat und die Rückkehr des Nationalismus
Muñoz Molina, 61, ist einer der bekanntesten spanischen Gegenwartsautoren. Zu seinen bedeutendsten Werken gehören "Der Winter in Lissabon" und "Der polnische Reiter." Er lebte lange in New York, jetzt ist er zurück in Madrid.
SPIEGEL: Der Konflikt zwischen den katalanischen Separatisten und der Zentralregierung in Madrid hat Spanien in eine existenzielle Krise gestürzt. Verstehen Sie den Wunsch vieler Katalanen, sich auf ihre eigene Identität zu besinnen?
Muñoz: Das Gerede von der Identität macht mich nervös. Ich bin Andalusier, habe einen andalusischen Akzent und bin mit der südspanischen Kultur aufgewachsen. Diese sentimentale und sehr persönliche Identität lässt sich perfekt verbinden mit der Zugehörigkeit zu Spanien. Ich verstehe die Identifikation mit der kleinsten nationalen Einheit nur, wenn Sprache und Kultur unterdrückt werden. Welche Probleme haben Katalanen im spanischen System? Sie genießen eine ähnliche Autonomie wie Bayern im deutschen Föderalismus, sie haben beispielsweise die Hoheit über das Bildungswesen und eine eigene Polizei.
SPIEGEL: Warum ist der nationale Zusammenhalt in Spanien dann trotzdem so viel geringer als in Deutschland?
Muñoz: In Spanien fehlt das Gefühl der Verantwortung füreinander. Basken, Katalanen, aber auch die anderen Regionen versuchen, dem Zentralstaat Privilegien abzuringen. Die Bürger verstehen sich nicht als Teile des Staates, sondern als seine Gegner. Die katalanische oder baskische Nationalität wird als Realität empfunden, die in der Vorstellung seit Jahrhunderten Bestand hat – und die Zentrale in Madrid wie ein künstlich aufgezwungenes System. Das findet seinen Ausdruck in der negativen Art, wie Nationalisten und extreme Linke vom "spanischen Staat" sprechen. Sie sagen, dass die Verfassung von 1978 nur das Franco-Regime fortgesetzt habe. Deshalb schimpfen sie über das "Regime von 1978".
SPIEGEL: Haben die Politiker es nach Francos Tod nicht verstanden, die Spanier für ihre neue Demokratie einzunehmen?
Muñoz: Man hätte den Menschen diese kollektive Identität erklären müssen. Sie baut auf Regeln für das Zusammenleben auf. Aber das haben die Verantwortlichen in den Autonomiegebieten nie getan, ganz im Gegenteil. Besonders im Baskenland und in Katalonien fand in der Schule und in den öffentlichen Medien eine Indoktrination im Sinne des romantischen Nationalismus statt: Das Volk werde angeblich vom Zentralstaat unterdrückt und müsse sich wehren. Madrid hat nie für eine Art spanischen Patriotismus geworben. Der war ja auch durch das Franco-Regime belastet, das fast 40 Jahre lang einen starken spanischen Nationalismus gepredigt hatte. In Deutschland hat man den Nazistaat überwunden mithilfe der demokratischen Verfassung. Ich bewundere den Verfassungspatriotismus der Deutschen. Den gibt es bei uns nicht.
SPIEGEL: Ist die geringe Identifikation mit Spanien also eine Folge des Franquismus?
Muñoz: Man musste sich distanzieren von der aggressiven, militaristischen nationalen Identität, aber man hätte sie durch eine positive, fortschrittliche Idee von Spanien ersetzen müssen, durch ein gemeinsames Projekt. Es gab ja die Anstrengung zur nationalen Versöhnung beider Lager, der besiegten Republikaner und der siegreichen Franco-Anhänger. Leider hat sich die Linke nie mit Spanien identifiziert. Jegliche Verteidigung der staatlichen Einheit galt als reaktionär. Im Unterricht wurde nie über die liberalen demokratischen Bürgerrechte gesprochen. Jede Region vertrat ihre eigene Interpretation der Geschichte.
SPIEGEL: Wie haben die Separatisten in Katalonien die Geschichte umgedeutet?
Muñoz: Der Spanische Bürgerkrieg wird von den katalanischen Nationalisten nicht dargestellt als Putsch einer Gruppe von Militärs, unterstützt von Hitler und Mussolini, gegen das demokratische System der spanischen Republik. Nein, der spanische Staat habe Katalonien überfallen und besetzt. In der Schule wird schon der Erbfolgekrieg, der 1714 mit der Niederlage der von den Katalanen unterstützten Habsburger und dem Sieg der Bourbonen endete, als Kampf der Katalanen um die nationale Befreiung dargestellt. Die gesamte Geschichte wird uminterpretiert als eine Abfolge von Opfergängen.
SPIEGEL: In Katalonien gab es lange kaum Abspaltungstendenzen, anders als im Baskenland. Warum ist der Separatismus seit einigen Jahren so stark geworden?
Muñoz: Dabei spielte auch die Wirtschaftskrise eine große Rolle. Gleichzeitig wurden Korruptionsskandale riesigen Ausmaßes aufgedeckt, auch bei der Partei, die Katalonien praktisch seit Francos Tod beherrscht hat: die Partei von Jordi Pujol, der 23 Jahre lang katalanischer Ministerpräsident war. Es stellte sich heraus, dass seine Familie eine Kleptokratie war. Als die Finanzkrise 2011 Katalonien traf, strich die neoliberale katalanische Regierung brutal die Ausgaben für Bildung und Gesundheitswesen. Die Demonstrationen dagegen waren so heftig, dass der damalige Ministerpräsident per Helikopter zur Arbeit fliegen musste. Um von diesen Problemen abzulenken, übernahm die katalanische Regierungspartei plötzlich das alte Unabhängigkeitsprojekt der Linken und schob die Schuld an allem Übel auf Madrid.
SPIEGEL: Welche Schuld tragen die spanischen Politiker an dieser Entwicklung?
Muñoz: Ich glaube, dass die spanische Linke eine Mitverantwortung trägt für diese Verirrung. Sie hat ihre ideologische Ausrichtung verschoben vom Klassenkampf zu Identitätsfragen. Darüber wird auch in den Vereinigten Staaten diskutiert, wo ich lange gelebt habe. Zur Niederlage der Demokraten unter Hillary Clinton hat auch eine zu starke Konzentration auf einzelne Gruppen wie Homosexuelle, Frauen oder Farbige beigetragen. Auch bei uns interessiert sich jeder nur noch fürs Eigene. Es ist schon eigenartig, dass sich in der Unabhängigkeitsbewegung eine so extrem antikapitalistisch eingestellte Linke wie die Protestpartei CUP mit Neoliberalen verbündet, die das große Geld vertreten.
SPIEGEL: Nicht nur in Katalonien, auch bei den Volksentscheiden in Venetien und in der Lombardei stimmten die Bürger für mehr Autonomie. Erleben wir in Europa eine Rückkehr zum Nationalismus?
Muñoz: Leider ist die romantische Idee der nationalen Identität wieder stark im Kommen. Europa war sehr erfolgreich, und das wirkt sich paradoxerweise zum Nachteil aus: Alles Gute, das Europa gebracht hat, gilt heute als selbstverständlich. Viele profitieren von der Europäischen Union, wenige verteidigen sie. Das erinnert mich daran, wie die spanische Demokratie heute von der Jugend gesehen wird. Es sind Systeme, die auf Vernunft basieren, die aber keine Leidenschaft erwecken. Niemand würde sein Leben für Europa geben wollen. Das ist ja auch gut so.
SPIEGEL: Nach dem illegalen Referendum will die spanische Regierung die Ordnung mit von der Verfassung vorgesehenen Zwangsmaßnahmen herstellen. Die Separatisten klagen über Repression wie im Franco-Regime. Ist das vergleichbar?
Muñoz: Wahrscheinlich ist versäumt worden, den nachfolgenden Generationen zu erklären, wie es war, einer Diktatur ausgesetzt zu sein. Es ist schon merkwürdig, wenn manche von "politischen Gefangenen" in Katalonien sprechen, aber leugnen, dass es solche auf Kuba oder in Venezuela gibt. Ich habe unter Franco erlebt, wie es ist, von Polizisten zusammengeprügelt und in eine Zelle geworfen zu werden, ohne Recht auf Verteidigung. Der Vergleich mit dem Franco-Regime beleidigt alle Opfer der Diktatur. Ich finde das ekelhaft.
SPIEGEL: Seit Monaten flattern die katalanischen Fahnen mit dem Unabhängigkeitsstern an Gebäuden in Katalonien. Jetzt sind im Rest des Landes vermehrt spanische Fahnen zu sehen.
Muñoz: Bisher gab es nie wirklich Ausbrüche antibaskischer oder antikatalanischer Gefühle. Wir sind eben sehr gemischt, so ist Barcelona die Hauptstadt der spanischen und lateinamerikanischen Literatur. Der aggressive Nationalismus in Katalonien bringt jetzt eine aggressive Gegenreaktion hervor, wie damals zwischen Serbien und Kroatien. Das ist sehr gefährlich. Meine Freunde und ich haben Angst.
SPIEGEL: Sehen Sie noch eine Lösung? Beispielsweise Neuwahlen in Katalonien?
Muñoz: Wählen allein bringt nicht die Lösung. Aber alles, was dazu dient, die Anspannung zu verringern, würde helfen. Das Problem ist nicht, dass Spanien zerbricht, sondern dass Katalonien schon zerbrochen ist. Familien, Freundschaften, Kollegenkreise spalten sich an der Frage der Unabhängigkeit. Der Schaden ist schon da. Auch die Wirtschaft leidet.
SPIEGEL: Haben Sie Angst vor gewaltsamen Auseinandersetzungen?
Muñoz: Jeder Funken kann die Explosion auslösen. Wir, die rational Denkenden auf beiden Seiten, müssen verhindern, dass etwas Nichtwiedergutzumachendes passiert. Es gibt wirklich keinen Grund, warum wir alles, was wir in den letzten 40 Jahren aufgebaut haben, in die Luft sprengen sollten. Wenn in Europa nach dem Zweiten Weltkrieg mit Millionen Toten die Feinde Deutschland und Frankreich sich verständigen konnten, warum sollten nicht auch Spanier und Katalanen miteinander reden können? Man muss sich in jedem Fall zusammensetzen. Entweder vorher oder nachher.
Interview: Helene Zuber
Von Helene Zuber

DER SPIEGEL 44/2017
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 44/2017
Titelbild
Der digitale SPIEGEL
Diese Ausgabe jetzt digital lesen

Die digitale Welt der Nachrichten. Mit interaktiven Grafiken, spannenden Videos und beeindruckenden 3-D-Modellen.
Sie lesen die neue Ausgabe noch vor Erscheinen der Print-Ausgabe, schon freitags ab 18 Uhr.
Einmal anmelden, auf jedem Gerät lesen - auch offline. Optimiert für Windows 8, Android, iPad, iPhone, Kindle Fire, BlackBerry Z10 sowie für PC/Mac.

Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Spanien:
„Der Franco-Vergleich ist ekelhaft“

  • Doku über DNA-Reproduktion: Missy, die Mammut-Leihmutter
  • Jagdtricks von Delfinen: Die "Hau-drauf-hau-rein"-Technik
  • Starkes Gewitter im Tatra-Gebirge: Mindestens fünf Menschen getötet
  • Nach Notwasserung: Pilot filmt eigene Rettung