28.10.2017

AffärenMogelpackung

Spendensammler sollen Fußballfans betrogen haben. Nach einem Bericht des SPIEGEL ermittelt nun die Staatsanwaltschaft – sie entdeckt ein dubioses Vereinsgeflecht.
Jung, arbeitslos, weit weg von zu Hause: Sabrina F.(*) steckte vor drei Jahren in einer scheinbar aussichtslosen Situation. Die damals 21-Jährige wohnte gemeinsam mit einem Dutzend junger Leute in einer Herberge für Drückerkolonnen in einer Stadt in Hessen. Jeden Tag musste sie auf die Straße, um Passanten zu überreden, Gewinnspielkarten auszufüllen. Oder in ein Callcenter, um Namen durchzutelefonieren. Ihren spärlichen Lohn bekam F. bar ausgezahlt, versichert war sie nicht.
Dann hörte Sabrina F. von Cornelia Keisel, die im Ruhrgebiet für Tierschutz und kranke Kinder Spenden sammeln lässt. Angeblich bekomme man dort sogar einen Arbeitsvertrag, hieß es. Sabrina verließ das Drückerhaus, zog nach Gelsenkirchen – und landete in einem mutmaßlichen Betrugssystem, das sich für sie als noch schlimmer herausstellte als das, was sie bisher erlebt hatte.
"Ich saß in der Falle", sagt die 24-jährige Aussteigerin heute. Bei ihrer Tätigkeit für vermeintlich wohltätige Vereine ist sie vermutlich selbst straffällig geworden, sie habe sich zu allem Überfluss wegen der Kosten, die sie zahlen sollte, auch noch hoch verschuldet: "Durch diese Zeit habe ich mir mein Leben versaut."
Sabrina F. war in die Spendenmaschinerie der Cornelia Keisel geraten. Ihre damalige Chefin hat angeblich ehrenamtliche Mitarbeiter im Namen des Vereins Kinderwünsche jahrelang vor den Fußballstadien in Dortmund und Gelsenkirchen Spenden für Kinderkliniken sammeln lassen ( SPIEGEL 36/2017). Inzwischen hat Borussia Dortmund die Verantwortlichen wegen Betrugsverdachts angezeigt.
Gegen Keisel und andere Beteiligte eines Vereinsgeflechts angeblicher Sozialhelfer und Tierschützer ermittelt nun die Dortmunder Staatsanwaltschaft. Aus Ermittlerkreisen ist zu hören, dass sich der Anfangsverdacht inzwischen erhärtet habe. Insbesondere die Prüfung des verworrenen Organisationsgeflechts der Familie Keisel werde aber wohl noch längere Zeit beanspruchen.
Für die Ermittler ist die Arbeit nicht einfach. Wer in Deutschland mit Sparbüchsen auf öffentlichen Plätzen um Geld bettelt, bewegt sich auf einem nahezu ungeregelten Terrain. Es gibt kaum Gesetze oder Verordnungen, die von Spendensammlern verlangen, ihre Einnahmen zu veröffentlichen oder die Verwendung der Gelder publik zu machen. So konnte ein Milieu entstehen, das auch Gauner und Betrüger anzieht.
Im Zuge der Untersuchungen im Fall Keisel dürften besonders die Berichte ehemaliger Sammler wie Sabrina F. interessant sein, die sich nach der ersten Veröffentlichung beim SPIEGEL gemeldet haben: Nach jeder Schicht seien die Spendendosen geöffnet, das angeblich für die Kliniken gesammelte Geld sei untereinander aufgeteilt worden, erzählen sie. Ein Großteil des Geldes sei für die Chefin gewesen.
Zum mutmaßlichen Abzockmodell gehörte auch die Onlinepräsenz. Der Kinderwünsche-Verein führte auf seiner Website Namen von Kliniken auf und erweckte damit den Eindruck, mit den Einrichtungen zu kooperieren. Das wiesen mehrere Krankenhäuser auf Anfrage empört zurück, darunter die Vestische Kinder- und Jugendklinik in Datteln.
Nach der SPIEGEL-Enthüllung Anfang September hat der Verein den Namen des Krankenhauses von seiner Homepage gelöscht. Vor die Stadien trauen sich Keisel und ihre Sammler nach dem Bericht im SPIEGEL derzeit auch nicht mehr. Mittlerweile findet sich auf der Website nur noch eine allgemeine Stellungnahme, die den Vorwurf zurückweist, Spenden zweckentfremdet zu haben. Unregelmäßigkeiten bei der Abrechnung hätten nicht festgestellt werden können. Die Homepage des Deutschen Tierhilfe Verbands (DTV), in dem Frau Keisel zeitweise angestellt war, ist komplett aus dem Netz genommen worden.
Das Vereinsbüro in einer grauen Straße der Gelsenkirchener Innenstadt wird allerdings weiterhin betrieben. Hier saßen im Laufe der Zeit unter anderem Kinderwünsche, der DTV und der Pfoten Verband, den Keisel mitgegründet hat. Darüber hinaus findet hier angeblich der "Mitgliederservice" der Vereine Die Tierretter e. V. und der Verbindung deutscher Tierfreunde e. V. statt.
In den Räumlichkeiten in Gelsenkirchen steht nach Aussage einer ehemaligen Mitarbeiterin eine Geldzählmaschine für die Einnahmen aus den Spendendosen. Nach den Einsätzen bei den Fußballfans, so berichtet Sabrina F. übereinstimmend mit weiteren Zeugen, hätten die Sammler die Hälfte des Geldes ihrer Spendendose selbst ausgezahlt bekommen, den Rest habe Cornelia Keisel einbehalten.
Nur ein Bruchteil des eingesammelten Geldes dürfte auf dem Vereinskonto von Kinderwünsche gelandet sein, wie Nachforschungen von Borussia Dortmund nahelegen: Die BVBFanabteilung hat die Dortmunder Anhänger dazu aufgerufen, Angaben zu ihrem Spendenverhalten zu machen. Seit Jahren sind schließlich regelmäßig mehr als 80 000 Menschen vor dem Stadion den Sammlern begegnet.
Nur wenige von ihnen haben sich an der Aktion der Fanabteilung beteiligt. Aber allein ihre Eingaben summieren sich schon zu einem größeren Betrag, als jemals auf dem Kinderwünsche-Konto angekommen ist. Der Verein beharrt darauf, dass die Einnahmen so niedrig waren.
Die Sammlungen vor den Stadien dürften aber nicht die einzigen dubiosen Machenschaften der Keisels gewesen sein. Offenbar ziehen sie und ihre Entourage bei Tierschutzvereinen eine ähnliche Masche ab.
Darauf lassen die Erfahrungen von Filiz Erfurt schließen. Die 48-Jährige leitet einen Verein, der Begleithunde für Rollstuhlfahrer ausbildet. Der Pfoten Verband hat die "Rollidogs" einige Monate lang mit je 100 Euro unterstützt.
Mittlerweile ist die Rollstuhlfahrerin aber nicht mehr gut auf den Pfoten Verband zu sprechen, denn sie tauchte irgendwann ohne ihre Genehmigung auf Keisels Werbeflyern auf. "Der Flyer sieht so aus, als wäre das nicht unsere Arbeit, sondern die des Pfoten Verbands", beschwert sich Erfurt.
Während Kinderwünsche vor Fußballstadien sammelte, sprudelte das Geld für den Pfoten Verband aus der Mitgliederwerbung. Mitarbeiter wie Sabrina F. mussten Passanten überreden, Fördermitgliedschaften abzuschließen. Wer seine Mitgliedschaft später kündigen wollte, geriet oft in Schwierigkeiten: Die Kündigungen sollen häufig ignoriert, der Mitgliedsbeitrag trotzdem abgebucht worden sein, berichten ehemalige Büromitarbeiter.
Dem SPIEGEL liegen mehrere Dutzend Anschreiben vor, die eine Duisburger Anwaltskanzlei für den Pfoten Verband erstellt hat und die den Verdacht nahelegen, dass der Verein widerwillige Mitglieder wie am Fließband abmahnte.
Mutmaßlicher Spendenbetrug, irreführende Werbung, zweifelhafte Abmahnpraktiken? Cornelia Keisels Anwalt antwortet nicht auf einen Fragenkatalog des SPIEGEL.
Doch es scheint schwer vorstellbar, dass sie auch nur einen Verein in ihrem Portfolio hat, der keine Zweifel über seine seriösen Absichten zulässt. Der Pfoten Verband kooperiert etwa mit der sogenannten Tierrettung Ruhrgebiet GmbH, für die einer von Keisels Söhnen und ihre Schwiegertochter arbeiten. Ihr anderer Sohn ist Geschäftsführer der Tierrettungsdienst24 GmbH. Das Geschäftsmodell: mit einem umgebauten Krankenwagen Tiere transportieren.
Die Brüder Keisel sind auch den Dortmunder Fußballfans bekannt – als Spendensammler von Kinderwünsche. Das haben sie ehrenamtlich gemacht, sagen sie.
Sendehinweis
SPIEGEL TV Magazin: Die Machenschaften der Spendensammler. Sonntag, 22.15 Uhr, RTL
* Name geändert.
Von Rafael Buschmann, Christoph Winterbach und Yasemin Yavuz

DER SPIEGEL 44/2017
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