28.10.2017

KommentarMünchen soll leuchten

Was der neue Konzertsaal über die gegenwärtige Rolle der Kultur sagt
Architektur ist immer Spiegel ihrer Zeit – und so ist eine Entscheidung wie die über den Neubau des Konzertsaals in München, das Preisgericht tagte Ende dieser Woche, mehr als nur eine kulturpolitische Angelegenheit: An dem Prestigeprojekt, einem der symbolträchtigsten Bauunternehmen der kommenden Jahre bundesweit mit einem Kostenrahmen zwischen 150 und 300 Millionen Euro, zeigt sich, wie sich das Verhältnis zwischen Gesellschaft und Kultur verändert hat. Grob gefasst lässt sich sagen: Kultur dient nicht mehr so sehr der sozialen Integration, sie fördert eher die Spaltung der Gesellschaft.
Der Münchner Gasteig etwa, 1985 eröffnet und seither herzhaft umstritten, ist ein Kulturzentrum im Geiste der Siebzigerjahre, mit Raum für die Stadtbibliothek und für Musikunterricht – eine Einrichtung, die in die Stadt hineinwirken sollte. Der neue Münchner Konzertsaal, wie übrigens auch die Hamburger Elbphilharmonie, um den lange gerungen wurde, soll nun Strahlkraft aus der Stadt heraus produzieren, ein Wahrzeichen sein, ein Leuchtturm – das ist ein anderer, touristisch-elitärer Kulturbegriff, der sich weit von den emanzipatorischen und partizipatorischen Ideen entfernt hat. Damit erklärt sich vielleicht auch das etwas unübersichtliche Verfahren, gegen das der Architekt Stephan Braunfels geklagt hat, weil er sich absichtsvoll ausgeschlossen fühlte. Merkwürdig ist vor allem, dass im Preisgericht kaum Künstler oder Architekturexperten, sondern so viele Politiker sitzen, die doch von Ästhetik und deren sozialer Dimension eher wenig Ahnung haben. Ihnen geht es mehr um Repräsentation und Tempo.
Ministerpräsident Horst Seehofer will, dass der erste Spatenstich vor der Landtagswahl 2018 stattfindet. Selbst für bayerische Verhältnisse wirkt das Ganze ziemlich neofeudal: Hier wird Kultur, in diesem Fall die klassische Musik und der Konzertbetrieb, als Schmuckstück der Macht benutzt. god
Von God

DER SPIEGEL 44/2017
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