28.10.2017

NS-RaubkunstEin retuschiertes Bild

Eine Doppelausstellung zum Fall Gurlitt nennt sich Bestandsaufnahme, ist aber der Versuch, das umstrittene Vorgehen des deutschen Staates zu rechtfertigen.
Schiffe auf türkisgrauer See, gemalt vom berühmten Franzosen Édouard Manet. Von seinem Landsmann Auguste Renoir: ein sich im Wind biegender Baum, voller Schwung und in Pastelltönen auf die Leinwand gestrichen. Der große deutsche Realist Otto Dix im Selbstporträt, der Hintergrund himmelblau, der Blick dunkel und unvergesslich.
Bald darf das Publikum diese und weitere Gemälde betrachten, genießen soll es sie nicht. Auch nicht die Stillleben, die Strandszenen, all die anderen Werke.
Anfang November eröffnen die Bundeskunsthalle in Bonn und das Kunstmuseum Bern zwei aufeinander abgestimmte Ausstellungen. Laut Titel sind sie eine "Bestandsaufnahme" in Sachen Gurlitt. Etwa 450 Exponate werden gezeigt, das ist viel, aber doch nur eine Auswahl aus dem riesigen Nachlass des Kunstbesitzers Cornelius Gurlitt. Das Interesse wird, weltweit, riesig sein, das war es in dieser Sache von Anfang an.
Sie habe, sagt Kulturstaatsministerin Monika Grütters dem SPIEGEL, einst schnell die besondere Verpflichtung der Deutschen im Fall Gurlitt erkannt – es sei, "wegen der vermuteten NS-Raubkunst, staatliches Handeln erforderlich gewesen". Und das Publikum soll beim Betrachten der Kunst – vor allem in der Bonner Schau, von Grütters in Auftrag gegeben – genau das begreifen und bewundern: dass der Staat beim "Schwabinger Kunstfund" gehandelt hat, und zwar richtig. Dass er alles im Griff hat.
Hat er das? Der Fund war schon einmal kein Fund, auch wenn dieser Begriff im Katalog vielfach auftaucht, etwa im Grußwort von Grütters, dieser Fund war in Wahrheit eine mehr als zwei Jahre andauernde Beschlagnahme ohne überzeugende juristische Grundlage. Der Begriff Fund ist eine Beschönigung, eine Retusche der Wirklichkeit.
Jahrzehntelang hütete der Privatier Cornelius Gurlitt einen von den Eltern geerbten Bilderbestand. Sein Vater war vor 1945 Kunsthändler gewesen. Gelegentlich veräußerte der Sohn Erbstücke, ganz diskret. Das Verwandeln der Kunst in Geld hatten sie in der Familie "zaubern" genannt. Im September 2010 geriet Gurlitt ins Blickfeld der Steuerfahnder, 2012 beschlagnahmten sie die große Menge Kunst, die er in seiner Münchner Wohnung deponiert hatte – und witterten einen Fall, bei dem es weniger um Steuerdelikte als um Hehlerei mit Naziraubkunst zu gehen schien. Sie heuerten sogar eine Kunsthistorikerin an.
Staatsangestellte sind womöglich nicht so schweigsam, wie es Gurlitt war: Im November 2013 präsentierte der "Focus" die Geschichte vom "Nazi-Schatz". Danach war die Kunstwelt eine andere, die Bundesrepublik auch.
Der Regierungssprecher bestätigte damals, die Bundesregierung sei bereits länger eingeweiht gewesen. Die Empörung – auch im Ausland – war groß. Warum hatte Deutschland verheimlicht, dass da Kunst gehortet wurde, nach der jüdische Familien vielleicht suchen?
Berlin versprach "rückhaltlose Aufklärung". Eine ganze "Taskforce" aus Provenienzexperten sollte nun das Konvolut weiter erforschen. Aber das alles überzeugte noch nicht.
Die CDU-Politikerin Grütters war Ende 2013 erst Kulturstaatsministerin geworden.
Sie sagt, ihre Aufgabe sei es bei Amtsantritt gewesen, den Brand, den sie vorgefunden habe, zu löschen.
Die jetzige Bestandsaufnahme geht aber nicht wirklich auf die Frage ein, ob der Staat selbst diesen Brand gelegt hat. Ob er sich angemessen verhielt. Man konnte Gurlitt nichts vorwerfen, was den Entzug seines Besitzes rechtfertigte. Raubkunst zu besitzen ist verwerflich, nicht strafbar.
Einer Reporterin des SPIEGEL hatte Gurlitt 2013 gesagt, er wolle nicht auf seine Kunst verzichten, gegen eine Enteignung aber könne er nichts tun. Bald wurde ein amtlicher Betreuer für ihn bestellt. Weil ihm in Aussicht gestellt wurde, die Bilder zurückzuerhalten, unterzeichnete er ein von der Bundesregierung und vom Freistaat Bayern aufgesetztes Dokument, das die längst begonnene Prüfung der Provenienzen nachträglich erlaubte. Unterschrieben hat Gurlitt es im April 2014. Im Mai starb er, er war 81 Jahre alt geworden.
In seinem Testament, auch erst 2014 verfasst, hatte er das Kunstmuseum Bern als Alleinerben eingesetzt – warum, ist bis heute nicht klar. Seine Cousine focht den letzten Willen an. Sie und ihre Mitstreiter verwiesen auf Gurlitts möglichen Verfolgungswahn, brachten Gutachten bei. Die Verwandte verlor den Prozess, das Museum in Bern war endgültig der Gewinner in dieser Geschichte – und es hatte mit der Bundesrepublik Deutschland längst einen Deal gemacht. Die Schweizer übernehmen fürs Erste nur Werke, die keine Raubkunst sind. Das ist besser für ihren Ruf.
Für den Ruf der Deutschen als Aufarbeiter ist es nach Meinung der Regierung besser, wenn sie die Verdachtsfälle behalten und gegebenenfalls an die Erben der früheren Eigentümer aushändigen. Bis heute ging aber wenig an jüdische Familien zurück. In dieser Woche wurde ein sechstes Werk zur Restitution freigegeben. Von denen, die etwas erhielten oder in Kontakt stehen mit den Behörden, berichten einige, man habe sie überheblich behandelt.
Wie vergiftet aber ist das Erbe nun eigentlich? Wie umfangreich überhaupt? Die Verfasser des Katalogs nennen "etwa" 1600 Positionen. Cornelius Gurlitt besaß ja weitere Werke in seinem Haus in Salzburg; er hatte sie dort fast verrotten lassen. Laut Kulturstaatsministerium sind über 700 Werke "eventuell Raubkunst". Für diese gibt es unterschiedliche Verdachtsstufen, unterschiedliche Recherchefortschritte. Der Katalog schlüsselt das nicht auf, bleibt seltsam unkonkret. Ausführlich behandeln die Autoren einige Fallbeispiele – und auch die Persönlichkeit des Mannes, der die Kunst einst zusammentrug, Gurlitts Vater.
Dieser Hildebrand Gurlitt, 1956 verstorben, ist schwer zu erfassen: ein Anhänger moderner Kunst, der Enkel einer jüdischen Deutschen, ein Mann, der als Leiter des Hamburger Kunstvereins die Hakenkreuzflagge nicht hisste und doch versuchte, sich mit dem System zu arrangieren. Vergebens, im Sommer 1933 verlor er seinen Posten. Er wurde Händler und ließ sich nun eng mit dem Regime ein. Er konnte, durfte ab 1938 die Bilder der Moderne, die von den Nazis als "entartet" aus den Museen verbannt wurden, ins Ausland verkaufen. Dazu die Geschäfte mit älterer Kunst: Hildebrand Gurlitts bester Kunde wurde, über Mittelspersonen, Adolf Hitler. Der plante ein Museum im österreichischen Linz und ließ dafür Kunst erwerben.
Nach 1945 wurde Gurlitt zum "Unbelasteten" erklärt. Und das sei, so heißt es im Katalog, "mit dem heutigen Wissen nicht nachvollziehbar". Eine "zweite Schuld" habe er auf sich geladen. Er, der eben auch mit Kunst aus jüdischem Besitz gehandelt habe, sei nach dem Krieg auf Fragen nach dem Verbleib bestimmter Werke unehrlich gewesen.
Man verweist auf seine Zwangslage wegen seiner jüdischen Wurzeln – unterstellt aber zugleich, dass er sich nicht nur deshalb in die Nähe zum NS-Staat begab, weil er Schutz gesucht habe, sondern ebenso, weil er von der Ideologie begeistert gewesen sei. Ihm müsse der "vermeintliche Modernisierungsschub nach 1933 verheißungsvoll erschienen sein", das neue Regime "schien in seiner Frühphase Gurlitts eigene Ideale zu begünstigen". Gurlitt ist in dieser Darstellung nicht nur ein Profiteur, der Millionen umsetzte, sondern auch Überzeugungstäter. Seine Abgründe sollen – so wirkt es – die moralische Rechtfertigung für das liefern, was nach 2010 geschah.
In der kommenden Woche erscheint eine Publikation, in der ein etwas anderer Gurlitt geschildert wird. Die Entstehungsgeschichte dieses Buches ("Der Fall Gurlitt") ist so surreal wie vieles an dieser Angelegenheit. Verfasst wurde es vom Filmemacher Maurice Philip Remy. Vor Jahren suchte er, weil er einen Dokumentarfilm plante, den Kontakt zu Cornelius Gurlitts Betreuer. Man verstand sich, und Remy sollte, obwohl kein Experte dafür, parallel zur Taskforce die Provenienzen erforschen. Der Betreuer hoffte beweisen zu können, dass da doch nicht so viel Raubkunst vorhanden sei und die Sammlung zu Unrecht ihr Image habe.
Remy verbündete sich auch mit dem Kreis um jene Cousine, die das Erbe für sich beanspruchte. In seiner Darstellung ist Hildebrand Gurlitt jemand, dessen Wirken als Kunsthändler unter den Nazis zwar nicht als Heldengeschichte taugt, der aber insgesamt menschlich agierte. Laut Remy gibt es keine Belege dafür, dass Gurlitt senior "die Lage seiner bedrängten Kunden" ausnutzen wollte.
Auch das ist eine grobe Irreführung, eine Verharmlosung. Gurlitt belieferte Kunden, die sich berauschten an dem Angebot, das da plötzlich zur Verfügung stand, die wussten, warum die Preise so günstig waren.
Seine Leser wird das Buch dennoch finden, weil es Geheimnisse ausplaudert. Remy konnte Unterlagen privatester Natur einsehen, Tagebücher, Kalender, Briefe, dazu Offizielles wie Mails von staatlicher Seite. Er zitiert zudem aus Akten der Fahnder und zu Gurlitts Betreuungsverfahren. Die Ermittlungen schildert er als Obsession. Die Nervosität in Berlin ist wegen der anstehenden Veröffentlichung spürbar.
An dem Buch gibt es einiges zu kritisieren. Und doch, der Katalog zu den Ausstellungen ist die größere Fehlleistung. Die Debatte, die sich aufdrängt – die Frage nach dem möglichen Machtmissbrauch des Staates –, wird nicht in angemessener Form aufgegriffen. Schon gar nicht selbstkritisch von Vertretern des Staates. Ein Kunstjournalist darf unter anderem erwähnen, dass "bei den Ereignissen 2012/13 vollkommen ignoriert" worden sei, dass Privatpersonen Raubkunst nicht herausgeben müssen. Doch gescholten wird vor allem die "Hysterie" der Medien, dafür ist Platz.
Vor knapp vier Jahren trat der SPIEGEL in Kontakt mit Jasper Wolffson. Er ist der Enkel des Hamburger Arztes Ernst Julius Wolffson, der von den Nationalsozialisten wegen seiner jüdischen Vorfahren verfolgt worden war. Der Mediziner besaß neun Zeichnungen vom Künstler Adolph von Menzel, die er in seiner großen Not 1938 an Hildebrand Gurlitt verkaufte. Der veräußerte sie schnell und mit Gewinn an den Tabakfabrikanten Hermann F. Reemtsma. Weitere 14 Menzel-Blätter aus dem Eigentum der Familie Wolffson (etwa von Ernst Julius Wolffsons Schwester Elsa Cohen) gingen als Notverkäufe an Gurlitt, 10 von ihnen an Reemtsma.
Noch 2013 waren Zeichnungen der Wolffsons nach Recherche des SPIEGEL im Bestand der Familie Reemtsma. Jasper Wolffson fragte bei den heutigen Reemtsmas an. Ein Familienmitglied, Hermann-Hinrich Reemtsma, verkaufte ihm vier der alten Menzel-Blätter: das letzte 2017. Der Preis orientierte sich an der Summe, die 1938 an Gurlitt gezahlt wurde. Andere Mitglieder der Familie Reemtsma aber besitzen wohl noch Blätter, welche die Wolffsons, die in Gefahr waren, einst verschleudern mussten.
Für eine weitere Arbeit erschien Jasper Wolffson der Preis nicht angemessen, und ansonsten, so sagt er, "gab es leider keine Bereitschaft, Zeichnungen zurückzugeben".
Die grundsätzliche Frage ist nur, warum zieht der Staat die in solchen Familien vorhandene NS-Raubkunst nicht ein, so wie es bei Gurlitt angeblich notwendig war? Eine Bestandsaufnahme hätte sich dieser Problematik widmen müssen. Grütters sagt, aus heutiger Sicht habe sich der Fall Gurlitt als ein "echter Katalysator für die Erforschung der Raubkunst" im Allgemeinen erwiesen. Gurlitt, eine Erfolgsgeschichte?
Ronald Lauder, der Präsident des Jüdischen Weltkongresses, sollte die Schau in Bonn eröffnen, die Verantwortlichen empfanden das als Vertrauensbeweis.
Nun kommt er womöglich doch nicht. Schwerwiegende Gründe gibt es nicht. Nur Terminschwierigkeiten.

Über die Autorin

Ulrike Knöfel hat in Sachen Gurlitt oft recherchiert. 2014 sagte ihr Ronald Lauder, Präsident des Jüdischen Weltkongresses, die Deutschen seien noch nicht fertig mit der Aufarbeitung der NS-Zeit, der Fall Gurlitt beweise das. Dieses Land müsse Gesetze ändern, um Aufklärung und Rückgabe zu erleichtern. Das ist nicht geschehen und auch kein Thema der Ausstellungen.
Von Ulrike Knöfel

DER SPIEGEL 44/2017
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