28.10.2017

FilmkritikFlusen im Kopf

„Fack Ju Göhte 3“ ist eine Komödie mit verblüffendem Bildungsanspruch.
Auch schamlose Unterhaltung kann manchmal zum Fremdschämen sein. In einem Horrormoment lässt der Regisseur Bora Dagtekin die jungen Heldinnen und Helden seines jüngsten Films im Klassenzimmer mit einem Betäubungsmittelzäpfchen hantieren. Sie entblößen das Hinterteil ihres Lehrers, des auf einem Schreibtisch festgezurrten, von einer Droge verwirrten Lehrers Zeki Müller (Elyas M'Barek), und versuchen, ihm die Medizin fachgerecht zu verabreichen. Das geht natürlich schief, das Zäpfchen flutscht aus dem Po und kreuz und quer durch die Luft – und das wegen seiner Vorliebe für Fäkalhumor berüchtigte deutsche Kino fällt zurück in eine längst überwunden geglaubte analfixierte Phase.
"Fack Ju Göhte 3" ist eine Bildungskatastrophenkomödie wie seine Vorgänger, mit denen der Regisseur Dagtekin und sein Hauptdarsteller M'Barek jeweils mehr als sieben Millionen deutsche Kinozuschauer belustigten.
Der erste Film erzählte in tollem Tempo und mit Mut zum Aberwitz davon, wie ein blendend aussehender und im Grunde herzensguter Kleinkrimineller (M'Barek) sich in die Hochstaplerrolle eines Gesamtschullehrers stürzt, das angeblich betonstarre deutsche Bildungssystem zum Beben bringt – und dabei zum Lieblingslehrer einer Clique von herrlich verblödeten, aber gewitzten Problemschülern wie Chantal (Jella Haase) und Danger (Max von der Groeben) wird. Der zweite Film handelte von einer Klassenfahrt nach Thailand, konnte das Versprechen des ersten nicht einlösen und blieb ein Aufguss aus halb lustigen Zoten und öden Pointen. Im dritten, nach Beteuerung aller Beteiligten wirklich letzten Film der Reihe kehrt Regisseur Dagtekin nun an die Goethe-Gesamtschule irgendwo in der Münchner Vorstadt zurück – und lässt die Gag-Schleuder rotieren, als hätte er sich einen Wahlspruch aus dem Prolog von Goethes "Faust" als Arbeitsmotto ausgesucht: Wer vieles bringt, wird manchem etwas bringen.
Dagtekins neuer "Fack Ju Göhte" ist eine sympathisch chaotische, verschwenderische Nummernrevue, in der die Filmemacher die Suche nach einer Handlung zeitweise aufgegeben zu haben scheinen. Am Anfang muss die Problemschülerbande um Chantal und Danger zur Berufsberatung ins Arbeitsamt, wo Corinna Harfouch in der Rolle der Kompetenzanalytikerin wie eine böse Fee auftritt: Nur in der Abwasserbranche und ähnlich attraktiven Berufen seien für die Mädchen und Jungs noch ein oder zwei Plätze frei. Wie sollen M'Bareks Lehrer Müller und seine von Sandra Hüller gespielte neue Kollegin die angesichts solcher Zukunftschancen nun wieder völlig bocklosen Schüler in Richtung Abitur motivieren? Nebenbei droht ein grimmiger Schulinspektor (Michael Maertens) auch noch mit der Schließung der Goethe-Gesamtschule und fordert von Schulleiterin Gudrun Gerster (Katja Riemann) radikale Reformmaßnahmen – und was immer sonst noch als Vorwand für allerlei himmelschreienden Unfug benutzt werden kann.
Man sieht in "Fack Ju Göhte 3" zum Beispiel einen dicken Jungen im Superheldenkostüm per Drohne über den Schulhof schweben; man beobachtet die Heldin Chantal dabei, wie sie im Park ein paar joggende Bayern-München-Spieler, darunter Mats Hummels, mit ihrer Fahrradklingel aus dem Weg lärmt; man staunt darüber, dass die Auslösung eines Feueralarms auch fünf Jahrzehnte nach dem deutschen Kinohit "Hurra, die Schule brennt" noch ein Publikum in Verzückung bringen kann – dank einer mit rotem Saft betankten Sprinkleranlage.
Verblüffenderweise verfolgt Regisseur Dagtekin inmitten dieses launigen Irrsinns einen offensichtlich selbst verordneten Bildungsauftrag. "Fack Ju Göhte 3" ist passagenweise ein Lehrfilm. Einmal spricht Lehrer Müller in der Turnhalle zum Thema Mobbing und berichtet so ergreifend von selbst erlittenen Demütigungen aus seiner Jugendzeit, dass sogar die finstersten Mitschülerquäler schlagartig bekehrt werden und sich sogleich mit Gratis-Umarmungen auf ihre einstigen Opfer werfen. Einmal sieht man Müller zwei traurige Emo-Mädchen vor einem Gruppenselbstmord retten und ihnen erklären, dass das Leben zum Wegwerfen dann doch zu lebenswert sei. Noch grundsätzlicher feiern fast sämtliche Helden dieses Films in Wort und Tat den Spaß einer Welt, in der Flüchtlinge und Deutsche, Arme und Reiche, Kluge und nicht ganz so Schlaue prächtig miteinander auskommen.
Man muss die pädagogische Leidenschaft, die "Fack Ju Göhte 3" offenbart, keineswegs perfekt gelungen finden. Als Plädoyer für eine offene Gesellschaft versucht dieser Film, nicht bloß den Schülern, sondern auch den Zuschauern "Flusen in den Kopf zu setzen", wie es eine der Figuren einmal formuliert. Das kann einem inmitten dieses Klamaukgewitters ans Herz gehen – und könnte sogar eine politische Wirkung entfalten, wie man es von deutschen Kinokomödien eher nicht erwartet.
Kinostart: 26. Oktober
Von Wolfgang Höbel

DER SPIEGEL 44/2017
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