28.10.2017

Die Augenzeugin„Viele schämen sich“

In Deutschland leben laut Bertelsmann Stiftung rund 21 Prozent aller Kinder dauerhaft oder wiederkehrend in Armut. Larissa Rauter, 28, ist Leiterin der Arche, eines Kinder- und Jugendwerks in München. Sie erzählt, was sie dort mit bedürftigen Mädchen und Jungen erlebt.
"Jeden Tag kommen Kinder mit zu kleinen Anziehsachen zu uns. Oder schlicht mit großem Hunger. Da ist zum Beispiel ein Junge, sechs Jahre alt, der nach der Schule eine Stunde vor der Tür wartet, bis wir die Arche öffnen, hineinrennt und das Essen verschlingt, weil er zu Hause noch nichts bekommen hat. Ein Fünfjähriger, der mit Gummistiefeln zum Schlittenfahren geht, weil für Winterschuhe das Geld fehlt. Oder ein anderer Junge, der in der Schule lieber keine Präsentation hält und eine 'Sechs' kassiert, anstatt zu sagen, dass er keinen Laptop hat. Viele Kinder schämen sich für ihre Situation, genau wie die Eltern. Etliche sind alleinerziehend, haben mehrere Jobs, um keine staatliche Hilfe in Anspruch nehmen zu müssen. Bei den meisten reicht es dennoch kaum fürs Nötigste. Das wirkt sich irgendwann auch auf das Gemüt der Kinder aus.
Wichtig ist, dass wir sie beim Lernen unterstützen. Bei der Hausaufgabenhilfe muss ich sie immer und immer wieder motivieren; ihnen sagen, dass sie das schaffen, dass sie etwas können, weil ihre Eltern diese Hilfe zu Hause nicht leisten. Klar gibt es dabei auch Rückschläge, aber die Kinder und Jugendlichen merken irgendwann, dass jemand an sie glaubt, und kommen voran. Zum Beispiel ein Jugendlicher aus einer Großfamilie mit sechs Kindern im Alter von 3 bis 20 Jahren. Die Mutter gibt sich die größte Mühe, doch das Geld reicht nicht. Mit großem Einsatz haben wir es geschafft, dass er den Hauptschulabschluss macht, ihn immer wieder motiviert. Nun hat er eine gute Ausbildung begonnen, meistert seinen Alltag, unterstützt seine Mutter, passt auf die Geschwister auf.
Das sind Lichtblicke in meinem Job. Fälle, bei denen es richtig schön ist zu sehen, wie sie sich entwickelt haben. Leider geht die Anzahl der bedürftigen Kinder und Jugendlichen aber nicht zurück, sondern wird sogar eher mehr. Auch wir betreuen hier täglich rund 60 Kinder und Jugendliche. Die Schere zwischen Arm und Reich geht immer weiter auseinander, da ist die Politik gefordert."
Von Maximilian Krone

DER SPIEGEL 44/2017
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