28.10.2017

BriefeWas gehört sich?

Nr. 43/2017 Macht und Missbrauch
„Ein der Bedeutung des Problems angemessener knapper Titel. Noch treffender wäre gewesen: Macht durch Missbrauch.“
Robert Wiesner, Burscheid

Das Titelbild finde ich wunderbar. So ein schönes Bild habe ich noch nie gesehen! Ich gratuliere Francesco Ciccolella für die Illustration.
Elias Sikiaridis, Braunschweig

Die Kittihawk-Karikatur zu Weinstein ist widerlich, weil sie in keiner Weise wiedergibt, was passiert ist, sondern auf die Klischees einzahlt. Lieber Spiegel, ich dachte wirklich, die Zeiten sind langsam mal vorbei. Die Karikatur zeigt Frauen, die vor dem Bett Schlange stehen. Darum geht es eben gerade nicht! Es wird der Eindruck erweckt, Frauen machten aus Karrieregründen so etwas mit, während es bei dem Weinstein-Fall ja darum geht, dass er eben nicht Schlange stehende Frauen in sein Bett gelassen hat, sondern umgekehrt in die Sphäre der Frauen eingedrungen ist und sie belästigt und vergewaltigt hat. Niemand steht Schlange für eine Vergewaltigung! Ich fand die Kittihawk-Karikaturen schon öfter neben der Spur, aber bei dieser Opferverhöhnung wird mir körperlich übel.
Agneta Melzer, Autorin, Hamburg

Selten habe ich so einen treffenden und gleichzeitig ausgewogenen Leitartikel gelesen. Ja, wir brauchen die Männer dazu, wenn wir was verändern wollen – und meiner Erfahrung nach sind es wirklich die Väter von Töchtern, auf die frau zählen kann, wenn sie gegen die sexuelle Belästigung im Arbeitsalltag erfolgreich vorgehen will.
Martina Zimmermann-Brase, Pfinztal (Bad.-Württ.)

Ihr Titelartikel wirkt so zahm und glatt poliert, als wäre er ein Verhandlungsergebnis zwischen den sechs weiblichen und sieben (!) männlichen Autoren. Es gibt außerdem eine Reihe von polemischen und falschen Feststellungen, die offenbar männliche Leser besänftigen sollen, so etwa "Man mag die amerikanische Debatte für hysterisch halten" oder die Überschrift "Triebgesteuert" über der Grafik auf Seite 17: Kein(e) ernst zu nehmende(r) Wissenschaftler(in) behauptet heute mehr, der Sexualtrieb sei die Haupttriebfeder für Sexualstraftaten. Das Ziel des Strafrechts, die Abschreckung, die das primäre Mittel gegen Machtmissbrauch darstellt, wird erst gar nicht thematisiert.
Dr. Jutta Stoll, Frankfurt a. M.
Ich kann nicht verstehen, dass alle vier Beiträge (Leitartikel, Titel, Interview, Debatte) die gleiche unkritische Aussage machen: "Die Männer sind schuld." Was ich in der Praxis sehe: Männer, die von Frauen sexuell belästigt werden, Ehemänner, die von ihren Frauen zum Sex gezwungen werden. Fazit, eine alte Rechtsregel: "Auch der andere Teil muss gehört werden."
Dr. Reimer Hinrichs, Psychiater, Berlin

Mag ja sein, dass wir Männer jetzt etwas unsicherer sind ob des richtigen Tonfalls gegenüber Frauen. Aber was zählt das schon im Vergleich zu den Episoden, die auch in den sogenannten gebildeten Zirkeln vorkommen. So erzählte mir in den Achtzigerjahren eine junge wissenschaftliche Kollegin, sie habe wegen der Übergriffe und des gewaltsamen Stalkings ihres Professors die Universität gewechselt. Das Unfassbare: 25 Jahre später bewarb sich eine Studentin derselben Universität bei mir auf eine Praktikumsstelle an ganz anderem Ort. Und berichtete ungefragt ein ähnliches, aktuelles Erlebnis aus ihrem Leben mit demselben, mir nicht persönlich bekannten Ordinarius. Er sei auch unter Kommilitoninnen einschlägig berüchtigt gewesen. Schrecklicher Zufall oder 30 Jahre lang dieses Treiben unbehelligt von Rektoren oder Kommissionen? Wie sagte doch Tarantino: Auch ich wusste und habe nichts getan. Makabre Pointe: Bei besagtem "Kollegen" handelte es sich um einen renommierten Experten. Sein Thema: Gewalt.
Prof. Dr. Jo Groebel, Berlin

Ein kurzer Flirt an der Abendkasse im Supermarkt, mit einem Lächeln auf einer komplizierten Kreuzung ihr großzügig die Vorfahrt schenken, sich umdrehen und ihr hinterhergaffen – ich bin 40 Jahre verheiratet, habe drei Kinder, aber weiß immer noch nicht, was sich nicht gehört.


Zu der Frage, wie Männer sich nun Frauen gegenüber verhalten sollten, fiel mir spontan ein Ausspruch meiner besten Freundin ein. Sie finde Männer immer dann angenehm, wenn sie sich Frauen gegenüber nicht anders verhielten als Männern gegenüber. Diesen Satz könnte man allen verunsicherten Männern als Idee mit auf den Weg geben.
Jette Kögeböhn, Undeloh (Nieders.)

Doch, es gibt sie, die "patriarchatskritische Männerarbeit". Männer, die den Wunsch und den Mut haben, die eigenen Probleme zu bewältigen, die sich dabei bewusst machen, dass es nachhaltiges männliches Selbstbewusstsein nur unabhängig von der Frau gibt, dass es ein grundlegendes menschliches Bedürfnis nach nicht sexuellem Körperkontakt gibt, dass der Austausch von Zärtlichkeit und Erotik als Ausdruck von Zuneigung, Bewunderung, Nähe und Respekt nur in einem Klima der Freiwilligkeit und völligen Angstfreiheit wohltuend ist. Aus dieser Haltung heraus ist Begegnung mit der Frau auf Augenhöhe möglich, das heißt weder "von oben herab" noch "von unten herauf", und es wird ganz selbstverständlich, dass Frauen dieselben beruflichen Möglichkeiten haben müssen wie Männer.
Knut Hartmann, Braunschweig

DER SPIEGEL 44/2017
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