28.10.2017

PersienKrönung auf Öl

In einer wohl beispiellosen Radikalkur hatte Mohammad Reza Pahlavi dem Iran ein veritables Wirtschaftswunder und einen straff organisierten Polizeistaat beschert. Nun wollte er sich zum Kaiser krönen lassen. Warum nicht, wenn man sich beruflich verbessern kann?
Nicht zuletzt aufgrund der wütenden Demonstrationen während des Berliner Schah-Besuchs assoziieren wir bis heute mit dem Iran des Reza Pahlavi einen Folterstaat, der seine Bürger unterdrückt hat. Doch die SPIEGEL-Titelgeschichte aus dem Herbst 1967 hatte einen überraschend positiven Tenor und legte den Schwerpunkt auf den tatsächlich beeindruckenden wirtschaftlichen Aufstieg des Drittweltlandes zu einem Schwellenstaat.
Das Bruttosozialprodukt hatte sich innerhalb von zehn Jahren verdoppelt, die Tresore der Zentralbank waren prall gefüllt – selbst die kritische Weltbank befand die Wirtschaftslage für "durchaus zufriedenstellend". Gewiss beruhte der ökonomische Aufstieg in dramatischer Weise auf den Einnahmen aus der Ölförderung, die sich zwischen 1955 und 1965 verfünffacht hatte. Drei Viertel der Ölmilliarden investierte Pahlavi umgehend in sein an westlichen Vorbildern orientiertes Programm.
Im Zentrum stand die Bodenreform: Gegen eine Entschädigung hatte der König die Großgrundbesitzer enteignet und sie damit zugleich entmachtet. Mancher von ihnen hatte Dutzende Dörfer besessen, deren Einwohner oft "als Leibeigene im Elend verkamen". Als sich die "Magnaten" im Parlament dem Plan widersetzten, löste der Herrscher kurzerhand die Versammlung auf. Unterstützt von großzügiger Staatshilfe, vervielfachten die nunmehr selbstständigen Bauern die Produktion. Junge Soldaten mit Schulabschluss wurden in die Dörfer entsandt, eine "Armee des Wissens", die sich um Bildung und Gesundheit der Landbewohner kümmerten. Die Analphabetenquote sank; wo früher nie ein Arzt erschienen war, wurden nun "Medikamente verteilt, Zähne gezogen und Kinder geimpft".
Zu den Schülern der "Militär-Magister" gehörten auch die Mädchen, wie überhaupt die Gleichberechtigung zu den erklärten Zielen des Staatsoberhaupts gehörte. Hatten Frauen im Iran früher als "Tiere mit mehr Haar als Gehirn" gegolten, konnten sie nun Soldatin, Staatssekretärin oder Abgeordnete werden, ja sie durften sogar – im Orient unerhört – die Scheidung beantragen. Um die Provokation der islamistischen Kräfte abzurunden, krönte er – auch dies ein Novum in der iranischen Monarchie – seine dritte Ehefrau Farah Diba zur Schahbanu, die als eine Art Vizekönig im Falle seines Ablebens sein Amt übernehmen sollte.
So zufrieden war der 48-jährige Reza Pahlavi mit seinem Werk, dass er sich zu seinem Geburtstag die Kaiserkrone gönnte – verziert mit "3380 Diamanten, fünf Smaragden, zwei Saphiren und 368 Perlen". Sieben Tage und sieben Nächte lang ließ sich der "Sohn eines Kosaken-Obersten" in "jener orientalischen Selbstvergötzung feiern", die seine Reform zugleich förderte und gefährdete. Ganz Persien sollte durch sechs Millionen Glühbirnen zum Leuchten gebracht werden.
Doch nicht all seinen 26 Millionen Landsleuten war zum Feiern zumute. Nicht nur die "Landlords" und ihre im Westen studierenden Söhne murrten, auch "Persiens Dorfgeistliche, die mohammedanischen Mullahs" wollten sich nicht mit den Neuerungen abfinden. Angespornt von den USA, dem mächtigen amerikanischen Geldgeber und Verbündeten, ging der Schah jedoch vor allem gegen die Linken mit konsequenter Härte vor. Tausende Regimegegner – die Schätzungen klaffen erschreckend auseinander – wurden vom allmächtigen Geheimdienst Savak inhaftiert, gefoltert und mit Verweis auf ihre terroristischen Aktivitäten hingerichtet.
Keine Frage, der Iran war ein Polizeistaat, alle Entscheidungen fällte der Hof allein. Der Tatsache, dass abgesehen vom Offizierskorps sämtliche Eliten gegen ihn standen, begegnete der "Prophet im kaiserlichen Palast" mit seiner "Revolution von oben". Die Bauern dankten es ihm und brüllten begeistert ihr "Javid Schah" ("Lang lebe der Schah"), aber das allein reichte auf Dauer nicht aus. Immer weniger Iraner feierten ihn als "König der Könige", immer mehr beschimpften ihn als "Mörder und Kaiser von Amerikas Gnaden". Als auch seine westlichen Schutzherren ihn fallen ließen, war der Weg frei für die islamistischen Eiferer des Ajatollah Khomeini.

DER SPIEGEL 44/2017
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