28.10.2017

Jenseits der Ironie

Der angstgestörte US-Schriftsteller John Green erzählt in seinem Jugendroman Schlaft gut, ihr fiesen Gedanken von einem angstgestörten Mädchen. Ein Mutmachbuch. Von Maren Keller
ES GIBT EIN PAAR DINGE, über die die meisten Menschen nie nachdenken oder nur selten, obwohl die Dinge immerzu da sind, überall, unausweichlich. Bakterien zum Beispiel. Oder Parasiten. Deshalb haben die meisten Menschen noch nie von Diplostomum pseudospathaceum gehört. Der Egel lebt in den Augen eines Fisches, bis er geschlechtsreif ist. Weil er sich aber nur in Vögeln fortpflanzen kann, bringt er den Fisch irgendwann dazu, näher an die Oberfläche zu schwimmen. Der Fisch wird von einem Vogel gefressen. Und der Egel landet mit ihm im Magen des Vogels.
Aza Holmes ist nicht wie die meisten Menschen. Aza Holmes macht sich ständig Gedanken um Diplostomum pseudospathaceum. Und darüber, dass der menschliche Organismus zu mehr als der Hälfte aus Bakterien besteht. Und darüber, dass bei einem Zungenkuss im Schnitt 80 Millionen Mikroben ausgetauscht werden. Dann fragt sich Aza, woher sie sicher sein kann, nicht wie der Fisch fremdgesteuert zu sein. Und wer sie eigentlich ist, wenn über die Hälfte von ihr aus anderen Lebewesen besteht?
Aza Holmes. Genannt Holmesy. Halbwaise. Besitzerin eines blauen Autos namens Harold. Bewohnerin von Indianapolis. Schülerin an einer Schule namens White River High. Mittelmäßige Detektivin. Beste Freundin einer überaus erfolgreichen "Star Wars"-Fan-Fiction-Schreiberin. Und außerdem, das sollte man wohl erwähnen, Hauptfigur des sehnlichst erwarteten neuen Romans des Jugendbuchschriftstellers John Green.
Schlaft gut, ihr fiesen Gedanken heißt der Roman. Letzte Woche ist er im amerikanischen Original erschienen, nächsten Monat erscheint er auf Deutsch in der Übersetzung von Sophie Zeitz, die auch Greens vorherige Bücher übersetzt hat. Fünf Jahre nach Das Schicksal ist ein mieser Verräter, Greens erfolgreichstem Buch bislang.
In vielen Punkten ist Schlaft gut, ihr fiesen Gedanken ein typisches Green-Buch. Da ist diese besondere Mischung aus Verschrobenheit und Normalität, die seine Welten ausmacht. Ein Milliardär taucht auf, der sein gesamtes Vermögen einer Brückenechse namens Tua vermachen möchte. Als dieser Milliardär verschwindet und eine Belohnung auf ihn ausgesetzt wird, besprechen Aza und ihre beste Freundin alle Einzelheiten des Falls bei Applebee's, der amerikanischsten aller amerikanischen Fast-Food-Ketten.
Da ist die Ernsthaftigkeit, mit der Green seine jugendlichen Protagonisten die großen Gefühle der Welt entdecken lässt, allen voran natürlich die Liebe: Aza kennt den Sohn des verschwundenen Milliardärs noch von einem Ferienlager für Halbwaisen, und als sie sich wiedersehen, ist da gleich wieder etwas zwischen ihnen.
Da ist diese Sprache, dank der Green seine Aza und den Milliardärssohn in der Nacht den Sternenhimmel beobachten lassen kann, ohne dass es kitschig oder klischeehaft wirkt. Und da ist diese Liebe zu Nerds, denn natürlich lässt Green seine Protagonisten unter dem Sternenhimmel darüber reden, dass Navi – einer der Sterne aus dem Sternbild Kassiopeia – 550 Lichtjahre von der Erde entfernt ist und dass jeder Blick in den Sternenhimmel deswegen ein Blick in die Vergangenheit ist und niemand wissen kann, ob Navi nicht längst explodiert ist.
Gleichzeitig ist Schlaft gut, ihr fiesen Gedanken auch ein besonderes Green-Buch. Denn es ist nicht die Geschichte eines Mädchens, das sich zusammen mit ihrer besten Freundin auf die Suche nach einem verschwundenen Milliardär macht und sich dabei in dessen Sohn verliebt. Es ist die Geschichte eines Mädchens mit Zwangsgedanken und einer Angststörung, die eigentlich Medikamente gegen ihre Krankheit nehmen sollte und regelmäßig ihre Therapeutin besucht und sich zusammen mit ihrer besten Freundin auf die Suche nach einem verschwundenen Milliardär macht. Und das ist ein ziemlich großer Unterschied. Weil es so eine Heldin wie Aza nicht so häufig gibt.
Man könnte sagen, Aza ist eines dieser Mädchen, das immer ein wenig in Gedanken versunken ist, aber so ganz stimmt das nicht. Denn Azas Gedanken sind keine, in denen man versinkt; das Verb versinken klingt nach weichen Daunenbetten. Azas Gedanken aber sind eine Spirale, die sich immer weiterdreht und immer tiefer hineinführt in eine Dunkelheit, in der es sonst niemanden gibt. Irgendwann geht es in dieser Spirale nicht mehr um die Highschool und erste Zungenküsse und die Boyband One Direction, sondern um Krankenhausbakterien und den Tod. Wenn man zu tief in diese Spirale hineingerät, kann es passieren, dass man es für eine Notwendigkeit hält, die Wunde am Finger aufzubohren oder Desinfektionsmittel zu trinken.
Green selbst hat gesagt, es sei ihm wichtig gewesen, Azas Krankheit weder zu stigmatisieren noch zu romantisieren. Und er hat ebenfalls gesagt, dass er das Buch eigentlich für sein eigenes 14-jähriges Ich geschrieben hat. Denn Green selbst hat mit Ängsten und Zwangsgedanken zu kämpfen, sein Leben lang bereits.
Die Beziehung zwischen dem Leben von Autoren und ihren Büchern ist kompliziert. Wäre Schlaft gut, ihr fiesen Gedanken ein schlechteres Buch, wenn Green gesund wäre? Natürlich nicht. Hätte er es dann auch schreiben können? Wahrscheinlich schon. Hätte er es dann auch geschrieben? Vielleicht. Vielleicht nicht.
Denn für Green war es lange Zeit so, dass das Schreiben eine Flucht aus dem eigenen Kopf war. Nach dem Erfolg von Das Schicksal ist ein mieser Verräter bekam Green Angst, dass er nie wieder ein vergleichbares Buch würde schreiben können. Das Schreiben war nun nicht mehr Lösung, sondern Teil des Problems.
Von all dem erzählt John Green auf Twitter, auf Reddit, auf YouTube, auf Facebook. Vor allem aber erzählt er davon in seinem Buch, verborgen in Azas Geschichte. Und das macht er ziemlich gut.

Für Green war das Schreiben eine Flucht aus dem eigenen Kopf.

John Green: Schlaft gut, ihr fiesen Gedanken. Aus dem Amerikanischen von Sophie Zeitz. Hanser; 288 Seiten; 20 Euro. Erscheint am 10. November.
Von Maren Keller

DER SPIEGEL 44/2017
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