28.10.2017

Der zwölfte Prinz

Der US-Schriftsteller Michael Cunningham jagt moderne Märchenhelden durch ein Albtraumuniversum. Von Wolfgang Höbel
IM MÄRCHEN tritt die Grausamkeit der Welt deutlicher zutage als in jedem aktuellen Terrorbericht. Menschen werden verstümmelt, ihres Reichtums, ihrer Liebsten oder ihres Lebens beraubt, ohne dass irgendwer zu diesen Schreckenstaten ein Bekennerschreiben verfasst. Königreiche blühen auf oder vergehen, Prinzen erblinden, und Prinzessinnen erstarren in beinah ewigem Schlaf, nur weil eine kalte, auf keine Begründung angewiesene, offensichtlich willkürliche Erzählinstanz es verfügt.
So verhält es sich auch mit dem Schicksal der Märchenhelden, von denen der Schriftsteller Michael Cunningham in seinem Buch Ein wilder Schwan berichtet. Ein derart grotesk unerforschlicher Ratschluss waltet über ihrem Geschick, dass einem von ihnen einmal "ein barbarisches Stöhnen" entfährt. Es verrät zugleich "Euphorie und unerträglichen Schmerz, wenn es denn einen Laut gibt, der beides zugleich ausdrücken kann".
Cunningham, Jahrgang 1952, ist berühmt geworden mit seinem Roman Die Stunden (1998), der Virginia Woolfs modernen Klassiker Mrs. Dalloway auf anrührende Weise neu erzählt und später mit Nicole Kidman verfilmt worden ist. In Ein wilder Schwan übermalt, variiert und modernisiert der amerikanische Autor nun ein knappes Dutzend Märchen, die man von Hans Christian Andersen, den Brüdern Grimm oder aus alten Volkssagen zu kennen glaubt. Die Geschichte von Hänsel und Gretel zum Beispiel erscheint dreist auf den Kopf gestellt. Die alte Frau, die offenbar irgendwo im Amerika der Gegenwart in einem Lebkuchenhaus im Wald lebt, ist keine Hexe, sondern eine nach Sinnlichkeit und Zuwendung dürstende, auf ihr skurriles Heim stolze, arglose Einzelgängerin; ihre beiden jungen Besucher aber treten auf als gut aussehendes, eitles, von Kopf bis Fuß tätowiertes und gepierctes Schurkenpärchen wie aus einem Oliver-Stone-Film. Das Lebkuchenhaus entern sie mit dem Ausruf "Hey Oma, wie geht's?", bald ergreifen sie die Gastgeberin, schleudern sie in den Backofen und werfen die Ofentür zu.
Es ist eine hochgebildete, elegante Untertreibungskunst, die Cunningham in diesen Gruselfabeln pflegt, ein Spiel aus heiterer Märchen-onkel-Attitüde und greller Aktualisierung. In der Titelgeschichte spinnt der Autor die Andersen-Geschichte von jenen zwölf Prinzen fort, die erst durch den Fluch einer bösen Stiefmutter zu Schwänen verwandelt werden und dann durch einen Gegenzauber wieder vollkommene Menschengestalt annehmen dürfen – bis auf einen der Prinzenbrüder. Cunninghams Interesse gilt dem zum Außenseitertum verdammten zwölften Prinzen, der statt eines rechten Arms einen Schwanenflügel mit sich spazieren trägt. Er lebt weder ein richtig glückliches noch ein richtig unglückliches Leben; das ist allerdings intensiver als das seiner Brüder. Abends treibt er sich oft ganz allein in einer Bar am äußersten Stadtrand herum. Dort trinkt er mit einem Froschkönig, der seine Prinzessin verfehlt hat, einem zu ewigem Leben verhexten Hutzelweib und einem anderen Königssohn, der viele Jahre lang vergebens "nach der komatösen Prinzessin gesucht hat, die er wachküssen soll".
Komisch und klug ist dieses Buch, in dem lauter gestrandete, durch unzurechnungsfähige Götter (oder Erzähler) irrgeleitete Märchenfiguren herumgeistern, als seien sie Gäste der Taverne am Rande der Stadt, die der Schwanenprinz in seinen ruhelosen Nächten besucht. In Cunninghams Geschichten gibt es kein "Und sie lebten glücklich bis ans Ende ihrer Tage". Die Bilder, die sich der japanische Illustrator Yuko Shimizo für sie ausgedacht hat, zeigen zum Beispiel eine menschliche Harfe mit Händen, Brüsten und einem hohläugigen Mädchengesicht oder das geflochtene Haar der Rapunzel, das eine ganze Landschaft mit Hügel und Schloss und Dorf umschlingt. Zu den Märchen dieses Buches passen Shimizos Bilder perfekt – weil sie eine Welt beschwören, die noch ein bisschen düsterer, beunruhigender und von allen Tröstungen weiter entfernt zu sein scheint als jenes Albtraumuniversum, durch das Cunninghams Helden stolpern.
Michael Cunningham: Ein wilder Schwan. Aus dem Amerikanischen von Eva Bonné. Luchterhand; 156 Seiten; 19 Euro. Erscheint am 13. November.
Von Wolfgang Höbel

DER SPIEGEL 44/2017
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