28.10.2017

Perfektionistin mit Bauchweh

Juli Zehs neuer Roman Leere Herzen klagt unsere selbstzufriedene Gegenwart an. Von Volker Weidermann
VIELLEICHT IST JA TERROR die Lösung. Mord, Massenmord, Menschen als brennende Fackeln gegen die Gleichgültigkeit der Zeit. Das ist die Geschichte, die Grundidee von Juli Zehs neuem Roman Leere Herzen, dem ersten Buch nach ihrem grandiosen Erfolgsroman Unterleuten, dem Gesellschaftsroman aus der ostdeutschen Provinz.
Diesmal sind wir in Braunschweig. Deutsche Mittelstadt, gesichtslos, praktisch, nichts, woran sich das Leben der Menschen stören könnte. Eine Architektur, die keine Ansprüche an ihre Bewohner stellt. Die Wahl dieses Schauplatzes ist erneut eine programmatische Entscheidung der Autorin. Stellt sie gleich fest: "Dem 21. Jahrhundert entsprechen Mittelstädte, mittelgroß, mittelwichtig und bis ins kleinste Detail dem Pragmatismus gehorchend."
Es ist die Geschichte von Britta. Perfektionistin mit leerem Herzen und ständigem Bauchweh. Sie hat Kinder, einen supernetten, schlaffen Ehemann, sie hat alles im Griff, und statt einer Seele trägt sie ein Vakuum in sich. Der Roman spielt einige Jahre voraus in der Zukunft. Angela Merkel ist längst zurückgetreten, eine "Besorgte Bürger Bewegung" (BBB) hat die Macht im Land übernommen. Bundeskanzlerin Regula Freyer sorgt für Ruhe und Ordnung, entlastet die Bürger von lästiger demokratischer Partizipation. Befreiungsorganisation eines müden Landes. Für den wichtigen Posten der Innenministerin konnte eine Frau Wagenknecht, die wir aus der Gegenwart zu kennen glauben, gewonnen werden. Die hält die Bürger ruhig.
Die leere Britta betreibt eine therapeutische Praxis für selbstmordgefährdete Menschen. Ihr Mitarbeiter und Freund Barak, den sie einst von einem Brückengeländer gepflückt hatte, von dem er sich womöglich hinunterstürzen wollte, hat einen Algorithmus entwickelt, mit dessen Hilfe er todessehnsüchtigste Menschen aus dem Netz fischt. Auf einer Skala von eins bis zwölf misst er ihre Selbstmordwahrscheinlichkeit. Der Algorithmus täuscht sich nie.
Diese Patienten werden nun in Brittas Praxis auf die Ernsthaftigkeit ihres Todeswunsches hin überprüft. Die meisten erkennen während dieses Prozesses, dass sie doch lieber am Leben bleiben möchten. Nur die hartnäckigsten Todesfreunde beharren auf ihrem Wunsch, zu sterben. Und die – das ist der Clou des Romans – werden von Britta an Organisationen vermittelt, die Selbstmordattentäter suchen. Das sind in dieser Zukunft überraschenderweise wenige fundamentalistische Terrorgruppen als vielmehr Weltverbesserer, Walschützer, Waldschützer, Radikalökologen. Britta vermittelt. Und die Selbstmörder sind glücklich, dass sie ihr wertloses Leben in ihrer Todessekunde in etwas vermeintlich Wertvolles verwandeln können.
Bombe dich glücklich. Bessere Welt durch tolleres Sterben. Ein selbstzufriedenes, dekadentes Land, das vergessen hat, in der Gegenwart zu träumen, das Erreichte wertzuschätzen, ein besseres Leben für alle aktiv zu erkämpfen – flüchtet sich in absurde Selbstbefreiung, in den Tod.
Juli Zehs Roman wird von Wut getragen und von Empörung. Empörung über saturierte Bürger, die nicht erkennen, dass es ihnen gut geht, so gut wie lange nicht. Die ein friedliches Europa, demokratische Errungenschaften wegschenken, statt kämpferisch zu bewahren, wie ein unbemerktes, selbstverständliches Geschenk.
Juli Zehs Wut ist verständlich, und sie könnte den Roman mit Energie und Furor und Hitze vorantreiben. Doch das tut sie leider nicht. Denn Zeh fehlen in diesem Fall die sprachlichen Mittel, um einen extrem unwahrscheinlichen, um nicht zu sagen: hanebüchenen Plot durch Überwältigungssprachkraft überzeugend zu machen. Da hatte Unterleuten einfach viel mehr Tiefe und Sprachwitz, Menschenkenntnis, Beobachtungshumor und Boshaftigkeit. Am schädlichsten ist aber, dass sie sich selbst ihre Figuren mit spitzen Fingern vom Leibe hält. Britta verkörpert ganz offensichtlich alles, was die Autorin Juli Zeh anklagen möchte. Saturiert. Eigensüchtig. Blind für das Fundament, auf dem sie und die ganze Gesellschaft stehen. Man hat als Leser regelrecht Mitleid mit der Protagonistin, die sich in einer furiosen Selbstanklage in ihren eigenen Staatsanwalt verwandeln muss: "Leute wie ich tragen Schuld an den Zuständen, nicht die Spinner von der BBB. Regula Freyer ist an den Urnen gewählt worden, während meine beste Freundin ihr Wahlrecht im Geiste gegen eine Waschmaschine eingetauscht hat."
Eine Figur erfinden, eine brüchige Romankonstruktion um sie herumbauen, die Figur dann mit aller Schuld unserer Zeit beladen, um sie sich schließlich in einem Selbstanklageprozess vom Leibe zu schaffen, das lässt das dünne Romangerüst einstürzen – und ist ein Fall für den Romanfigurengerichtshof. Britta kann wirklich nicht an allem schuld sein.
Juli Zeh: Leere Herzen. Luchterhand; 352 Seiten; 20 Euro. Erscheint am 13. November.
Von Volker Weidermann

DER SPIEGEL 44/2017
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