28.10.2017

Untenrum frei

Die Künstlerkolonie auf dem Monte Verità galt lange als eine Ansammlung von Spinnern und Fantasten – zu Unrecht, wie der Autor Stefan Bollmann schreibt. Die Ideen der Lebensreformer wirken bis heute nach. Von Martin Doerry
AN EINEM SOMMERTAG des Jahres 1913 bestieg die junge Tänzerin Marie Wiegmann erstmals den Monte Verità. Der Hügel am Schweizer Ufer des Lago Maggiore genoss bereits einen legendären Ruf unter Lebenskünstlern jeder Art. Wiegmann wollte Rudolf von Laban treffen, den berühmten Tanzpädagogen.
Nach einem längeren Fußmarsch in brütender Hitze erreichte sie das sogenannte Damenluftbad auf einer Wiese am Waldesrand, ein paar Mädchen führten merkwürdige Bewegungen aus, der spärlich bekleidete Laban schlug dazu die Trommel. Auf ihre Frage, ob sie mitmachen dürfte, sagte der Meister nur: "Na ja, da zieh'n Sie sich da hinterm Busch aus, und kommen Sie her!"
Marie Wiegmann, die später unter dem Namen Mary Wigman international Karriere machte und den Ruf des "New German Dance" begründete, hatte mit dem Ausziehen kein Problem. "Ist mir unvergesslich gewesen, dies wunderbare Gefühl", notierte sie in ihren Memoiren.
Ein solcher Verstoß gegen die guten Sitten verlangte eine Menge Selbstbewusstsein. Das aber hatten die Akteure der Künstlerkolonie, wie der Autor Stefan Bollmann in seinem neuen, so unterhaltsamen wie klugen Buch über den Monte Verità schreibt. Den Männern und Frauen vom Berg, so erklärt Bollmann, ging es um nichts weniger als um eine "Revolte gegen überkommene Lebensformen und das Ausprobieren neuer Lebensstile". Und anders als häufig kolportiert, seien sie keineswegs gescheitert. Auch wenn sich die Revolutionäre bald in alle Himmelsrichtungen zerstreut hätten und ihre Ideen über Jahrzehnte in Vergessenheit geraten seien, habe ihr Programm "einen Sieg auf beinahe ganzer Linie" errungen.
Tatsächlich waren die Monte-Jünger kritisch gegen alle Autoritäten, sie lehnten die Zwänge der Ehe ebenso ab wie Korsett und Stehkragen, sie ernährten sich vegetarisch oder gar vegan, sie gaben sich feministisch und tolerant – kurzum: Sie lebten schon so, wie viele Zeitgenossen heute leben (oder zumindest leben wollen).
Auf dem Monte Verità versammelte sich alles, was in der alternativen Szene Rang und Namen hatte: Anarchisten wie Erich Mühsam und Pjotr Kropotkin, Dichter wie Hermann Hesse und Oskar Maria Graf, auch die Münchner Schriftstellerin Franziska Gräfin zu Reventlow, ein It-Girl des frühen 20. Jahrhunderts, pilgerte auf den Hügel. Käthe Kruse, die damals noch Katharina Simon hieß, bastelte dort ihre ersten Puppen, Arnold Ehret, ein Fanatiker des Heilfastens, hielt flammende Vorträge. Ehrets Rezepte – man ernährte sich im Grunde nur von Obst – gelangten später bis nach Amerika, wo auch Apple-Gründer Steve Jobs zum Ehret-Anhänger wurde und Apfel-Diäten hielt. Der Apple-Apfel ist sozusagen vom Monte Verità heruntergerollt.
Und natürlich waren auch viele Spinner und Chaoten unter den Gästen: Sexbesessene, die sich als Psychiater ausgaben und Frauen verführten; Drogensüchtige, die ihre Freunde anfixten und in den Tod trieben; Scharlatane, die wilde Reden schwangen und lebensgefährliche Kuren verabreichten. Diese Hügel-Bewohner vor allem haben das Image der Künstlerkolonie für lange Zeit ruiniert. Bollmanns Buch verschweigt das nicht, konzentriert sich aber auf die kreative Kraft der Bewegung – der Münchner Germanist und Verlagslektor will den Monte Verità rehabilitieren.
An der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert zeichnete sich in ganz Europa ein kultureller Bruch mit den Traditionen ab. Das liberale und kunstsinnige Bürgertum verabschiedete sich von der Retro-Ästhetik der reaktionären Epoche, die auf den Zusammenbruch der Revolutionen von 1848/49 gefolgt war. Man begeisterte sich plötzlich für den Ästhetizismus des Fin de Siècle und die Ornamente des Jugendstils, für fremde Kulturen in Afrika und Asien.
Die damit einhergehende Verherrlichung von Aufbruch und Neubeginn, von Jugend und Selbstfindung wurde bald zur neuen Lebensphilosophie der städtischen Eliten. Besonders stark erfasste dieser Wandel das politisch erstarrte Deutsche Reich. Ob im Münchner Szenestadtteil Schwabing oder im großbürgerlichen Berlin-Dahlem, in Dresden-Hellerau oder im feinen Hamburg-Eppendorf: Der Wunsch, das eigene Leben neu zu leben, die Idee der sogenannten Lebensreform hatte Konjunktur. Je mehr sich der Wilhelminismus jeder politischen Reform widersetzte, desto größer wurde das Bedürfnis nach einer stillen Revolution im Privaten, im Alltag.
In dem fortschrittsbegeisterten Milieu der Lebensreformer wurden auch die Gründer der Künstlerkolonie auf dem Monte Verità sozialisiert. Bollmann nennt sechs junge Leute vor allem, die im Herbst des Jahres 1900 aus München an den Lago Maggiore zogen, um einen Neustart zu wagen. Die Schwestern Ida und Jenny Hofmann zählten dazu, beide Musikerinnen, sowie die Brüder Karl und Gustav Gräser, der eine Ex-Soldat, der andere Kunstmaler. Komplettiert wurde die Runde durch den belgischen Industriellensohn Henri Oedenkoven und Lotte Hattemer, eine Frau mit esoterischen Neigungen.
Nach längerer Suche entdeckte die Truppe einen damals noch ziemlich kahlen, fast baumlosen Hügel in der Nähe von Ascona. Kurzerhand erwarb man auf der Kuppe ein größeres Grundstück, bezahlt aus Henris Vermögen. Der Name der Siedlung, Monte Verità, findet sich zum ersten Mal in einem Prospekt aus dem Jahr 1902. Er bezeugt, worum es von Anfang an ging: um ein neues Leben, das nur der Wahrheit verpflichtet ist, ohne Maske und Lüge, frei von überkommenen Regeln und äußerem Zwang.
Dass diese Existenz nur in einer Gemeinschaft der Gleichen und Gleichgesinnten möglich war, zählte zu den ungeschriebenen Gesetzen der jungen Leute. Man nahm sich die Siedlungsideen des 19. Jahrhunderts zum Vorbild, etwa die egalitären "Phalanstères" des Frühsozialisten Charles Fourier. Jeder Mensch sollte nur seinen Bedürfnissen folgen, die bürgerliche Kleinfamilie wurde durch ein stets offenes System persönlicher Bindungen ersetzt – eine Gemeinschaft also, die im entschiedenen Gegensatz zu hierarchischen Strukturen gedacht war.
Diejenigen, die diese Ideen umsetzen wollten, waren paradoxerweise extreme Individualisten. Schon wenige Monate nach dem Start des Projekts zerstritten sie sich. Ida hielt Gustav für einen arroganten Faulenzer. Statt zu arbeiten, marschierte der langhaarige "Gusto" in einem eierschalenfarbenen Gewand samt Hirtenstock durch die Nachbarschaft. Laut Ida knieten sogar die Dorfkinder vor ihm nieder, weil sie ihn für den Heiland hielten. Gustav also musste erst mal gehen.
Nach einem Jahr, im Herbst 1901, standen zwei bescheidene Hütten auf dem Hügel, ohne Fenster und Türen, gebaut hauptsächlich von Ida, Henri und Lotte. Karl und Jenny hatten sich bereits buchstäblich in die Büsche geschlagen, sie zogen in eine verwilderte Ruine auf einem Nachbargrundstück und sonderten sich ab.
Gestritten hatte man sich nicht zuletzt darum, wie das alternative Leben zu finanzieren sei. Ida und Henri gründeten zu diesem Zweck ein Sanatorium. Bald schon standen weitere Häuser auf dem Hügel. Wer auch immer zu ihnen kam, musste mithelfen. Erste Gäste wurden bewirtet und betreut. Ein kleines, allerdings nie wirklich rentables Unternehmen entstand.
Karl hingegen hasste jeden äußeren Druck und lebte mit Jenny unter spartanischen Umständen in seiner Ruine. Die beiden ernährten sich von den Früchten der Natur, Karl zimmerte Möbel aus Ästen und Brettern, Geld lehnte er ab. Beispielhaft ist die Geschichte von Jennys Zahnschmerzen. Eines Tages musste sie einen Arzt in Locarno aufsuchen. Der Mann zog den Zahn und wollte natürlich bezahlt werden. Jenny jedoch, so erzählte sie später, sang ihm stattdessen ein Lied vor. "Sie sind Zahnarzt, ich bin Sängerin", habe sie ihm gesagt, "jeder tut, was er kann."
In den beiden – unverheirateten – Paaren Ida und Henri, Jenny und Karl bildete sich, so zeigt Bollmann, bereits jener Gegensatz ab, der noch heute im grün-alternativen Milieu zwischen Realos und Fundis besteht. Die einen nahmen Kompromisse in Kauf und drohten dabei, ihre Ziele aus dem Auge zu verlieren, die anderen beharrten stets auf ihren Grundsätzen – und scheiterten zumeist an den Widrigkeiten des Alltags.
Von Karl Gräser wird berichtet, dass er an die Heilkraft der Erde geglaubt und kranke Menschen zuweilen bis zum Hals eingegraben habe. Der Monte-Verità-Gast Hermann Hesse erzählte in seinen Notizen ebenfalls von dieser "Therapie", bei ihm diente sie jedoch nur zur Behandlung heftiger Sonnenbrände. Gräser verbuddelte angeblich auch schwer kranke Patienten. In einem Fall soll eine Frau nachts gestorben sein und am nächsten Morgen mit toten Augen aus ihrem Erdloch gestarrt haben.
Noch radikaler als Karl war nur sein Bruder Gustav, der ein paar Monate nach seinem Rausschmiss einfach zurückkam. "Gusto" wohnte nun eine Wegstunde vom Monte Verità entfernt in einer Felsspalte. "Ich liebe das Herbe", erklärte er einem Besucher. Außer ein paar Decken besaß er kein Inventar. Auch Gustav ernährte sich vorzugsweise von den Früchten der Natur.
Die vegetarische Ernährung zählte zu den wenigen Grundsätzen, die alle Gäste des Sanatoriums befolgen mussten. Federführend war Ida Hofmann, die die bürgerliche Fleischküche als Ausdruck des Patriarchats verstand. Erich Mühsam, der Anarchist, hielt es angeblich nur zwei Wochen im – wie er es nannte – "Salatorium" aus, danach marschierte er ins nächste Dorf, um ein Beefsteak, einen halben Liter Rotwein und eine Zigarre zu konsumieren.
Mühsam schrieb später eine Broschüre über seinen Besuch auf dem Hügel und unterstellte darin ziemlich machohaft einen Zusammenhang zwischen der fleischlosen Kost und Impotenz. Der Anarchist fand den ganzen Lebensentwurf der Monte-Jünger eher komisch, ihre Ablehnung aller Genussmittel und natürlich auch die Nacktkörper-Kultur. In einem Trinklied, dem "Gesang der Vegetarier", dichtete er: "Wir sonnen den Leib, ja wir sonnen den Leib / Das ist unser einziger Zeitvertreib."
Was allerdings nicht stimmte. Viele Gäste reisten zwar auf den Hügel, um sich auf den Terrassen der Lichtlufthütten hüllenlos zu bräunen. Andere jedoch, wie der Freiluftfanatiker Joseph Salomonson, propagierten auch die gesundheitsfördernde Wirkung nackter Bewegung. Salomonson gärtnerte grundsätzlich nackt auf dem Hügel, er behauptete sogar, dass jeder Mensch, der ein dergestalt symbiotisches Leben mit der Natur führe, bis zu 250 Jahre alt werde. Er selbst starb mit 71.
Auf dem Nachbargrundstück entstand schon bald ein Hotel für weniger prinzipienfeste Naturfreunde. Dort gab es viele Genussmittel, die es im Sanatorium nicht geben durfte. Besonders beliebt waren die beiden Aussichtstürme, von denen die Hotelgäste einen unverstellten Blick auf die nackten Sonnenanbeter werfen durften.
Das Hotel freilich machte bald pleite, und dem Sanatorium erging es kaum besser. 1920 wurde es verpachtet und nach einigen Jahren an den deutschen Industriellen Eduard von der Heydt verkauft, der das Gelände neu bebauen ließ. Henri trennte sich von Ida, heiratete eine andere Frau und zog nach Brasilien; Ida ging später ebenfalls nach Südamerika. Karl starb an den Folgen der Syphilis; Jenny, die sich angesteckt hatte, wurde dement. Gusto Gräser kehrte enttäuscht nach München zurück, die psychisch labile Lotte Hattemer geriet schon früh an einen drogensüchtigen Psychiater, der ihr eine Überdosis Morphium überließ, mit der sie sich umbrachte.
Die Gründer des Monte Verità hatten nicht allzu viel Glück im Leben, sie haben nur wenige persönliche Zeugnisse hinterlassen, ein paar Broschüren und Prospekte, die eine nie realisierte Idealwelt versprachen. Aber ihr Traum von einem besseren Leben hat Bestand – bis heute.

"Wir sonnen den Leib, ja wir sonnen den Leib / Das ist unser einziger Zeitvertreib."

Stefan Bollmann: Monte Verità 1900. Der Traum vom alternativen Leben beginnt. Deutsche Verlags-Anstalt; 318 Seiten; 20 Euro.
Von Martin Doerry

DER SPIEGEL 44/2017
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