28.10.2017

Wie sieht ein arabischer Porno aus?

Der ägyptische Schriftsteller Youssef Rakha betreibt eine Revolutionskritik anhand von Wichsvorlagen. Von Juliane Liebert
EIN ARZT SCHLÄFT mit einer Krankenschwester. Der Akt wird im Sprechzimmer vollzogen, heimlich, beinahe lautlos, vermutlich weil das Sprechzimmer einer der wenigen sicheren privaten Orte für die beiden ist. Die Frau trägt den Hidschab. Ihr Kopf und ihr Hals bleiben bis zum Ende bedeckt, während die Kamera zwischen ihrem Gesicht und ihren entblößten Genitalien hin- und herwandert. Dann kommt der Mann auf ihren Unterleib.
Wie sieht ein arabischer Porno aus - und warum interessiert uns das? Es gibt immer mehr Publikationen zum Thema Sexualität im arabischen Raum. Die jüngste ist ein Essay des ägyptischen Dichters, Romanciers und Journalisten Youssef Rakha, der nun auf Deutsch im Verlag Matthes&Seitz erscheint. Das Buch ist gerade mal 76 Seiten lang. Eine Revolutionskritik anhand von Wichsvorlagen, eine Sexfilm-Exegese und, gegen Ende, ein politischer Wunschtraum. "Entgegen der Behauptung religiöser Autoritäten verringert der Hidschab die Lust nicht; er verstärkt sie", schreibt Rakha. Die oberflächliche Prüderie der arabischen Welt hat eine umso stärker sexuell aufgeladene Atmosphäre unter der Oberfläche zur Folge.
Liest der westliche Leser davon nur, um sich gruselnd der eigenen Liberalität zu versichern? Oder reizt ihn auch das Verruchte, das romantisch Freiheitskämpferische des Sexuellen unter repressiven Bedingungen?
Es geht in "Arab Porn" um das Begehren als revolutionäre Kraft. Darum, dass der Porno auch Medium der Freiheit sein kann.
Rakha rechnet mit dem Arabischen Frühling ab, jener Rebellion, die sich inzwischen in ihr Gegenteil verkehrt hat. Der politische Aktivismus habe von vornherein wieder in Autoritarismus münden müssen, argumentiert er, weil er an die eigentlichen Verwerfungen der Gesellschaft, darunter die sexualmoralische Bigotterie, gar nicht rührte. Deshalb wurde er letztlich von den patriarchalischen Kräften instrumentalisiert.
Die arabische und die islamische Prüderie haben viel miteinander zu tun, sind aber nicht deckungsgleich. Die rigide Sexualmoral findet sich auch bei anderen religiösen Gruppen in der Region. Das Buch Sex und die Zitadelle: Liebesleben in der sich wandelnden arabischen Welt, das in Deutschland 2013 bei Hanser Berlin erschien, war noch mit hoffnungsvollem Blick auf den Arabischen Frühling geschrieben; das Vorwort stammt von 2012. Rakha dagegen schreibt desillusioniert. Internetpornografie sei für ein sexuell nicht ausgelastetes Individuum das, "was die Revolution 2012 für einen politisch impotenten Revolutionär geworden war: eine aus demselben Schema erwachsene Masturbationsvorlage. In den vorherrschenden Machtstrukturen wird der eine systematisch an der sexuellen Selbstentfaltung gehindert, der andere an der politischen Teilhabe. Beide sind zu dem hoffnungslosen Heldentum verdammt, sich im Internet einen von der Palme zu wedeln".
Diesen zynischen, knochentrockenen Witz löst Rakha am Ende in einer Hoffnung auf: In Amateurpornos "bejahen Araber, die außerstande oder nicht willens sind, den kulturellen Regeln zu folgen, ihre sexuelle Existenz, drängen Gesetzen und Sitten zum Trotz auf die Freiheit ihrer Körper, fordern ihre Libido zurück, derer sie der Status quo systematisch beraubt hat". Ob das bewusst oder unbewusst geschieht, ist erst mal nicht entscheidend.
Außerhalb des Reiches der Moral, schreibt Rakha, könne das Begehren die Macht untergraben, ohne sie zu bekämpfen. Es könne den Teufelskreis durchbrechen und "die gewaltigen Ungeheuer des Patriarchats" in die Schranken weisen.
Schön an diesem Gedanken ist, dass das Private nicht durch Imperative politisiert wird, sondern aus sich selbst heraus antiautoritäre Kraft entfaltet. Selbst gestellte Pornoszenen oder geleakte Privatvideos (die ja immer einen Angriff auf die Würde der Betroffenen darstellen) enthalten in diesem Sinne ein freiheitliches Element – im Sinne ungebändigter Kreatürlichkeit. Erotische Fantasien entziehen sich der Moral. Und so offenbart sich im ausagierten Begehren, dass, Konsens vorausgesetzt, alle Menschen auf der fundamentalen intimen Ebene des Fühlens individuelle Freiheit wünschen und verdient haben.
Rakhas Diptychon der arabischen Gegenwart zeigt auf der einen Seite einen jungen Mann, "der einen Stein nach der Bereitschaftspolizei wirft. Auf dem anderen Flügel indes stellt eine junge Frau die Webcam ein, während sie sich selbst berührt". Das Begehren zeigt sich als politische Energie: so basal, dass sie sich nicht einhegen lässt – und niemals vollständig instrumentalisieren.
Youssef Rakha: Arab Porn. Aus dem Englischen von Milena Adam. Matthes&Seitz Berlin; 76 Seiten; 12 Euro.
Von Juliane Liebert

DER SPIEGEL 44/2017
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