28.10.2017

Glückssuche auf Eis

Serien-Profi Matthew Weiner erzählt Alles über Heather. Von Claudia Voigt
FERNSEHSERIEN, wird gern behauptet, seien die Erzählungen unserer Zeit. Wie große Romane würden sie die Welt aus dem Erfahrungsschatz einzelner Menschen deuten. Der Autor, Regisseur und Produzent Matthew Weiner hat "Mad Men" erfunden, eine der prägendsten amerikanischen TV-Serien. Sie spielt während der Sechzigerjahre in der New Yorker Werbebranche. Um Zigaretten oder Alkohol zu verkaufen, entwerfen ein paar kreative Köpfe jenen Way of Life, der der westlichen Welt über Jahrzehnte als Leitfaden des Lebens gelten sollte. Unsere Gesellschaft als Produkt des Konsumwahns. Das war in etwa Weiners Analyse. Mit sieben Staffeln, 92 Episoden, war "Mad Men" auch eine der umfangreichsten Serien. Nun hat Weiner einen Roman veröffentlicht. Ein Debüt im Alter von 52 Jahren, dessen deutsche Übersetzung gerade mal 144 luftig gesetzte Seiten umfasst. Es ist der eiskalte Blick auf eine New Yorker Kleinfamilie in Zeiten des Überflusses. Als Mark und Karen Breakstone miteinander verkuppelt werden, hatten beide schon befürchtet, es könnte zu spät für sie sein. Vorbehaltlos lassen sie sich aufeinander ein. Bald wird ihre Tochter Heather geboren. Ein Zauberwesen, vor allem in den Augen der Eltern. Zwischen diese Familiengeschichte hat Weiner Szenen aus dem Leben von Bobby montiert. Er wächst mit einer drogensüchtigen Mutter auf, tötet ein Mädchen, das er eigentlich begehrt, und kommt ins Gefängnis. Im ersten Teil wirkt der Roman in seiner Schnitt/Gegenschnitt Montage zu mechanisch. Doch als Bobby bei einer Renovierung des Wohnhauses der Breakstones Heather begegnet, entfaltet sich die Abgründigkeit der Geschichte. Am besten ist Weiner im Ausleuchten der unstillbaren Sehnsüchte, die Karen und Mark auf ihre Tochter projizieren. Alle Figuren treibt die Jagd nach dem sogenannten Glück an. Weiners Handwerkszeug ist das Seziermesser.
Matthew Weiner: Alles über Heather. Aus dem Englischen von Bernhard Robben. Rowohlt; 144 Seiten; 16 Euro. Erscheint am 7. November
Von Claudia Voigt

DER SPIEGEL 44/2017
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